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Beitrag vom 7. September 2008 | Rubrik: Literarisches Leben, Schreiben, Zuschussverlage

Die traurige Nachricht vom vermeintlichen Bucherfolg

Artikel im SüdkurierEine Nachricht, wie am 6. September 2008 im Südkurier, findet sich mit steter Regelmäßigkeit in den Regionalteilen meist kleinerer Zeitungen. Endlich, so ist dort fast schon stereotyp zu lesen, hat es Peter K. oder Lisa M. geschafft und nach jahrelanger ergebnisloser Suche einen Verlag gefunden. Ein Lebenstraum geht in Erfüllung, waren doch Freunde und Familie des angehenden Literaturtalents schon immer davon überzeugt, dass das Manuskript veröffentlicht werden muss.

So heißt es auch im Südkurier-Artikel, dass eine 32-jährige Autorin für ihr in der Schublade schlummerndes Manuskript nach 12 Jahren nun endlich einen Verlag gefunden hat. Das Buch werde »auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst präsentiert« und »im nächstes Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis angemeldet«.

Ebenso hätte dort stehen können, dass das Werk im nächsten Jahr für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird. Auch das wäre nicht gelogen, denn einen Brief nach Stockholm schicken kann schließlich jeder.

Denn was der Artikel mit keiner Silbe erwähnt, ist, dass der vermeintliche Bucherfolg leider gar keiner ist. Denn der Verlag ist kein »richtiger« Verlag, sondern ein Zuschussverlag. Gedruckt wird fast alles, was der Autor selbst bezahlt.

Völlig unreflektiert zitiert der Mitarbeiter des Südkuriers den PR-Text des Verlages und erwähnt mit keinem Wort, dass der Erfolg lediglich erkauft wurde. Kritischer Journalismus sieht anders aus.

8 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Birgit schrieb am 7. September 2008 um 20:52 Uhr

    Ja, ich lese solche Meldungen auch öfters in der Zeitung und vermisse genauso die kritischen Bemerkungen des Journalisten, dass der Autor kräftig in den Geldbeutel langen musste, um sich den Traum zu erfüllen. Einmal habe ich die Redaktion darauf hingewiesen und um kritischere Berichterstattung gebeten. Auf die ich noch immer warte.

  2. Anne schrieb am 9. September 2008 um 12:21 Uhr

    Ich ärgere mich häufig über derartige Berichte. Sicher sind es die Autoren selbst, die auf Anraten ihres Zuschussverlags versucht haben, den Pressekontakt herzustellen. Dabei fällt mir immer auf, dass die Berichterstatter meist freie Mitarbeiter der jeweiligen Zeitung sind. Wenn diese sich dann im Internet den jeweiligen Verlag (vielleicht) kurz anschauen, geht für jemanden, der kein Insiderwissen hat, oft nicht gleich daraus hervor, dass es sich um einen Zuschussverlag handelt und welche Konsequenzen dies für den Autor hat. Die entsprechend abgelieferte Berichterstattung wird von den Redaktionen (wenn überhaupt) lediglich noch nach Rechtschreibfehlern überprüft.
    So ist es den vermeintlichen Literaturtalenten wenigstens vergönnt, dass sie vielleicht eine Handvoll Bücher mehr loswerden. Wie sonst würden sie auch nur eines dieser Buchexemplare verkaufen können?

  3. Jutta schrieb am 9. September 2008 um 16:04 Uhr

    Besonders ärgerlich finde ich, dass im Regionalteil einer großen Berliner Tageszeitung öfter Bücher von Autoren in einem längeren Artikel vorgestellt werden, die ihr Buch in einem “bekannten” Berliner Verlag haben drucken lassen.

  4. Klaus Frahm schrieb am 25. September 2008 um 11:11 Uhr

    Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten wie es zu der Publikation kommt, es ist einfach nur nicht unsere Aufgabe über die Abzocke durch Zuschussverlage zu schreiben, wenn wir das Buch eines Rentners vorstellen, der es da veröffentlicht hat. Der Hinweis mit der Meldung zum Preis ist natürlich überflüssig, Ansonsten machen wir einfach nur den Autoren die Freude, ihr Buch kostenlos vorzustellen. Wir machen ja auch Buchbesprechungen von Büchern aus anderen verklagen, obwohl auch da im runde nur ein Geschäft kostenlose Werbung bekommt.

  5. Sandrine schrieb am 25. September 2008 um 11:50 Uhr

    Drohender Untergang der abendländischen Werte ! Niveau und unabhängiger Journalismus in der Krise ! Europa am Abgrund ! – Jedem Autor ist es zu gönnen, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Es ist schon hart genug, sich in dieser Gesellschaft als künstlerisch tätiger Mensch zu behaupten, nicht zuletzt, weil der Neid und die Überheblichkeit der lieben Kollegen überall lauert. Wenn so ein armes Würstchen es schafft, auf sich aufmerksam zu machen, OHNE sich nackend auf dem Oktoberfest, kopulierend mit dem Goldfisch im Internet oder vom Teppichrand herabstürzend (auch nackich) zu präsentieren, dann ist es einem armen Autorenseelchen zu gönnen. Wer darüber jammert hat zu viel Zeit und zu wenig Verstand.

  6. Gero schrieb am 25. September 2008 um 15:10 Uhr

    Natürlich ist es wunderbar und der Autorin von Herzen zu gönnen, dass ihr Buch in einer Zeitung vorgestellt wurde. Bei unbekannten Autoren geschieht das zu selten und meist ist das nur mit Beziehungen zur Redaktion möglich.

    Und nicht jeder Zuschussverlag ist eine Abzockmaschine. Es gibt seriöse Unternehmen, die dem Autor die Kosten klar aufzeigen und ihm nicht das Blaue vom Himmel versprechen.

    Niemand verlangt also, dass ein solcher Artikel die Veröffentlichungsform kritisiert. Das wäre Unsinn.

    Nur wäre der Artikel insgesamt besser und glaubwürdiger, wenn er mit der Tatsache offener und ehrlicher umgehen würde. Wenn bei einem Zuschussverlag veröffentlicht wurde, darf ich eben nicht von einem “Erfolg” bei der Verlagssuche sprechen, weil dies einfach falsche Tatsachen vorgaukelt und ohnehin für die, die die Verlagsbrache kennen, peinlich wirkt.

    Warum schreibt man nicht, wie es wirklich ist? Man kann doch schreiben, dass sich die Autorin nach 12 Jahren vergeblicher Suche nun einen Traum erfüllt hat und das Buch teilweise mit eigener finanzieller Beteiligung veröffentlicht hat, weil es ihr wichtig war, ihr Werk gedruckt in den Händen zu halten oder der Verwandtschaft zu schenken.

    Oder vielleicht hat auch der im Artikel erwähnte Freund der Autorin ihr die Publikation geschenkt. Dann wäre das vielleicht ein Artikel geworden, der den viel geforderten “human touch” in die Geschichte bringen würde.

    Aber wie dem auch sei: es wäre für alle offener und glaubwürdiger geworden. Und das Buch wäre besser inszeniert als durch das unreflektierte Abschreiben von Verlagspressemeldungen. Es sei dem Autor des Artikels ja noch zugute gehalten, dass er das zumindest im Artikel erwähnt.

  7. Jutta schrieb am 25. September 2008 um 17:23 Uhr

    Ich finde es zwar nicht toll, aber es ist ok, wenn ein Buch vorgestellt wird, das bei BOD oder ähnlichen Anbietern veröffentlicht wurde. Aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn ausführlich über die Veröffentlichung eines Buches in einem Verlag berichtet wird, von dem bekannt ist, dass er besonders hohe Druckkostenzuschüsse nimmt.

  8. Andreas Wilhelm schrieb am 6. Oktober 2008 um 15:53 Uhr

    Wenn Klaus Frahm schreibt: “Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten wie es zu der Publikation kommt, es ist einfach nur nicht unsere Aufgabe über die Abzocke durch Zuschussverlage zu schreiben, wenn wir das Buch eines Rentners vorstellen, der es da veröffentlicht hat.” dann kann ich nur von Herzen widersprechen. Denn es ist sehr wohl die moralische Verantwortung eines Journalisten, Dinge zu hinterfragen, Unrecht ans Tageslicht zu bringen und die Wahrheit zu fördern. Und die Wahrheit hier ist, dass durch so eine Berichterstattung die Methoden von Dienstleistern, die sich Verlag nennen, in Wahrheit aber Geld verlangen und mit verlegerischer Tätigkeit nichts zu tun haben, beworben werden. Der unkritische Berichterstatter fördert also hier ein Unrecht, und dieser Veranwortung kann man sich nicht durch ein plattes “it’s not my job” entziehen. Diese ethische Verantwortung ist menschlich, moralisch – und tatsächlich sogar Berufsgrundlage.

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. 6 vor 9 » medienlese.com verlinkte am 8. September 2008 um 08:54 Uhr

    […] 2. “Die traurige Nachricht vom vermeintlichen Bucherfolg” (literaturcafe.de) PR-Texte landen aber auch “mit steter Regelmäßigkeit in den Regionalteilen meist kleinerer Zeitungen”, zum Beispiel im Südkurier: “Völlig unreflektiert zitiert der Mitarbeiter des Südkuriers den PR-Text des Verlages und erwähnt mit keinem Wort, dass der Erfolg lediglich erkauft wurde. Kritischer Journalismus sieht anders aus.” […]