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Textkritik: Lyrik mit Schuhwerk, leicht geflickt

Textkritiker Malte Bremer blickt auf eine Sprachspielerei rund ums Schuhwerk. Leichte Unebenheiten in der Verarbeitung sind leicht zu glätten.

Schuhzwist

von Manfred Ende
Textart: Lyrik
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Heute gingen meine Schuhe
mir einen Schritt zu weit,
sie streckten sich die Zunge raus,
gerieten bald in Streit.

Du gehst mir auf den Senkel, sprach
der eine zu dem andern.
Sie wollten sich ans Leder gehen,
und aus war’s mit dem Wandern.

Ich habe meine Schuhe nun
dem Schuhmacher empfohlen,
der soll sie beide kurzerhand
mal richtig fest versohlen.

© 2015 by Manfred Ende. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Eine unterhaltsame Sprachspielerei mit einem klitzekleinen, schnell behobenen metrischen Fehler!

Die Kritik im Einzelnen


Gleich zu Beginn findet sich der Fehler im sonst sauberen Metrum: Die erste Zeile fällt mit ihren 4 Trochäen aus dem sonst üblichen metrischen Rahmen, nämlich jeweils vier Jamben in den Zeilen 1 und 3! Aber das ist leicht zu retten:

Es gingen meine Schuhe mir
heut’ einen Schritt zu weit (…)

Was so gelungen ist: Das Spiel mit Doppeldeutungen – sofern man die Bedeutungen noch kennt: Schuhe haben tatsächlich Zungen! Und wenn Schuhe »einen Schritt zu weit« gehen, ist das geradezu grotesk, denn die gehen ja nicht, die werden gegangen! zurück

Die Schnürsenkel kommen ins Spiel –  aber in einer ganz anderen Sinn: »Jemandem auf den Senkel gehen« bedeutet, ihm auf die Nerven zu gehen: Denn wenn ich jemandem auf den Schnürsenkeln stehe, kann der nicht weg! Die Redensart »sich ans Leder gehen« bezieht sich auf die menschliche Haut; sofern sich Schuhe ans Leder gehen, ist das eigentlich selbstredend (sofern man nicht überzeugter Veganer ist oder Sportler mit Plastikschlappen!) zurück

In den guten alten Zeiten bis weit in die Siebziger wurden Kinder – meist von Vätern – aus pädagogischen Gründen gerne »versohlt« (»hat schließlich noch nie jemandem geschadet!«); heute heißt das »verprügelt« und ist (endlich) gesetzlich verboten. Schuster »besohlen« normalerweise; wenn sie einen Schuh jedoch »versohlen«, dann tun sie das Gleiche, aber mit besonders heftigen Schlägen!

Dieses Gedicht kommt locker-flockig daher, will nichts anderes, als unterhalten! Davon gibt es leider zu wenige … zurück

© 2015 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.