Anzeige
Anzeige
Startseite Buchkritiken und Tipps Seifenoper und Kultroman: »Normale Menschen« von Sally Rooney

Seifenoper und Kultroman: »Normale Menschen« von Sally Rooney

Laut Times ist es »der beste Roman des Jahres«. Der Guardian nennt ihn »einen zukünftigen Klassiker«. Ob man diese Euphorie teilt oder nicht: Alle lesen anscheinend Sally Rooneys neuen Roman »Normale Menschen«. Alle sprechen über ihn. Aber ist der Hype um dieses Werk berechtigt?

»Normale Menschen« ist der zweite Roman der jungen irischen Autorin (Jahrgang 1991). Die englische Originalausgabe erschien 2018, die von Zoë Beck ins Deutsche übersetzte Version ist seit August 2020 erhältlich.

»Normale Menschen« ist die On/Off-Liebesgeschichte zwischen Marianne und Connell. Marianne kommt aus einem wohlhabenden Elternhaus und ist in der Schule eine Außenseiterin. Connell stammt aus ärmeren Verhältnissen, ist an der Schule jedoch beliebt. An der Universität wendet sich das Blatt: Connell fühlt sich aufgrund seiner Herkunft als Außenseiter, Marianne findet schnell Anschluss. Der Leser lernt die beiden Protagonisten am Ende der Schulzeit kennen und begleitet sie über ihre Studienzeit. Der Handlungszeitraum ist klar definiert: Januar 2011 bis Februar 2015. Zwischen den episodischen Kapiteln liegen meist mehrere Monate.

Durch Rückblenden klärt Rooney den Leser über dazwischenliegende Ereignisse auf. Die Rückblenden sind ungewöhnlich in solch einem Roman, jedoch geschickt von der Autorin in die Geschichte eingeflochten.

Der Erzählstil ist auktorial, elegant springt die Perspektive zwischen Marianne und Connell, beschreibt oftmals ihr Denken und Fühlen, lässt aber für den Leser genügend Leerstellen.

An die fehlenden Anführungszeichen sowie an Rooneys Schreibstil muss sich der Leser zunächst gewöhnen. Rooney beschreibt die meist alltäglichen Handlungen der Figuren präzise, nahezu chronistisch:

»Als sie rauskommt, eingewickelt in einen weißen Bademantel und mit trocken gerubbeltem Haar, hat Connell bereits gegessen. Sein Teller ist leer, und er checkt seine E-Mails. Es riecht nach Kaffee und Gebratenem. Sie geht auf ihn zu, und er wischt sich mit dem Handrücken über den Mund, als wäre er mit einem Mal nervös. Sie bleibt neben seinem Stuhl stehen, und während er zu ihr aufsieht, öffnet er den Gürtel ihres Bademantels.«

»Tell, don’t show« – die Autorin dreht die bekannte Schreibregel oftmals. Auch das gelingt ihr. Während sie lediglich die Alltagshandlungen der Figuren beschreibt, werden die Gedanken erzählt. Dafür gebraucht Rooney schöne Bilder:

»Manchmal hat er das Gefühl, dass er und Marianne wie Eiskunstläufer sind. Sie improvisieren ihre Gespräche so versiert und so perfekt synchron, dass es sie beide erstaunt. Sie wirft sich anmutig in die Luft, und jedes Mal, ohne zu wissen, wie er es tun wird, fängt er sie auf.«

Trotz der literarisch-poetischen Bilder, findet sich der Leser aber auch in einer Seifenoper wieder. Aus vielerlei Gründen.

Das Hin und Her in Mariannes und Connells Beziehung, die Missverständnisse und die Alltagsdramen der jungen Protagonisten scheinen sich an der Dramaturgie einer Fernseh- oder Netflix-Serie zu orientieren. Auch die Charaktere besitzen serienartig dramatisch Züge: Marianne ist essgestört und masochistisch. Connell bekommt Panikattacken und wird depressiv. Die geballte Problemladung, das schnelle Werden und Vergehen von Problemen und Situationen,  lässt die Charaktere eher wie Serienfiguren und nicht wie »normalen Menschen« wirken.

Zudem arbeitet Rooney mit Cliffhangern an den Kapitelenden:

»Mir ist im Sommer etwas sehr Krasses passiert, sagt er. Kann ich es dir erzählen?«

Vier Monate später geht die Handlung weiter.

Wie die Beziehung ein Graubereich bleibt, wird auch wenig über das Aussehen der Charaktere verraten. Ebenso unterlässt Rooney genaue Beschreibungen der Umgebung, der Landschaft, der irischen Schauplätze. Der Roman könnte auch an einer anderen Universität als dem Trinity College spielen, in einer anderen Stadt als Dublin. Rooneys Text lebt von den Dialogen. Es mag beabsichtigt sein: Das Offenlassen von äußerlichen Details macht es einfacher, den Buchinhalt in eine Serie zu verwandeln. Und das ist bereits passiert. Die erste Staffel von »Normal People« kann man derzeit bei Starzplay ansehen, einem zubuchbaren Video-Channel bei Amazon Prime Video und Apple TV (hier geht’s zum Trailer auf YouTube).

Auch das Ende des Romanes bietet die ideale Ausgangsbasis für einen zweiten Band, beziehungsweise eine zweite Staffel. Er folgt ebenfalls perfekt der Staffel-Dramaturgie der Serien.

Komplizierte Liebesgeschichten: Ein zeitloses Thema, über das bereits Jane Austen im 18. Jahrhundert meisterhaft schrieb. Sally Rooney bedient sich dieses Themas, bettet es jedoch in die heutige Welt ein. Es geht um die Chancen und Möglichkeiten der jungen Leute,  was sie daraus machen und wie sie damit (nicht) klar kommen.

Auch wenn die Charaktere sehr mit sich selbst und ihrem engsten Bekanntenkreis beschäftigt scheinen, so hat Rooneys Roman eine politische Komponente: Die Protagonisten Marianne und Connell wurden in unterschiedliche soziale Klassen hineingeboren. Rooney selbst wuchs in einem marxistisch geprägten Elternhaus auf und bezeichnet sich in einem YouTube-Video als Marxistin.  Im gleichen Video prangert sie an, dass Bücher zur Ware geworden sind, dass Menschen durch Buchkäufe »ihren Weg in eine scheinbar kultivierte Klasse kaufen« (people can purchase their way into a seemingly cultured class). In »Normale Menschen« greift sie dieses Thema in einer Szene auf, in der Connell eine Lesung besucht. Oder einer der spannendsten Dialoge des Romans beginnt mit dem Satz:

»Marianne stellt den Joghurtbecher zurück ins Kühlregal und fragt Joanna, ob sie es komisch findet, für ihre Arbeitsstunden bezahlt zu werden ­­­­­– in anderen Worten, Teile ihrer extrem begrenzten Zeit auf dieser Erde gegen die menschliche Erfindung, die man Geld nenne, einzutauschen.«

Mit ihrem zweiten Roman zeigt Sally Rooney, dass sie mehr kann, als nur eine Serienvorlage in Romanform zu schreiben.

Die Lobeshymnen der großen Zeitungs-Feuilletons mögen übertrieben sein. Dennoch: Man kann sich von »Normale Menschen« beim Lesen fesseln lassen und wird schnell zum Binge-Reader.

Juliane Hartmann

Rooney, Sally; Beck, Zoë (Übersetzer): Normale Menschen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630875422. 20,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Rooney, Sally; Beck, Zoë (Übersetzer): Normale Menschen: Roman. Kindle Ausgabe. 2020. Luchterhand Literaturverlag. 15,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige
Rooney, Sally: XXL-Leseprobe: Normale Menschen: Roman. Kindle Ausgabe. 2020. Luchterhand Verlag. 0,00 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein