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Book Night in Baden-Baden: Elvis und die Buchbranche leben noch

Look him in his eyes: Elvis lebt auf der Book Night von Media Control
Look him in his eyes: Elvis lebt auf der Book Night von Media Control

Bestseller-Listen- und Daten-Dienstleister Media Control hatte die Buchbranche ins Casino nach Baden-Baden eingeladen. Hilft jetzt nur Glück? Wolfgang Tischer berichtet von einem Wiedersehen mit Elvis.

Baden-Baden, beschaulich

Das echte Leben geht wieder los. Demnächst ist Bachmannpreis in Klagenfurt mit Menschen vor Ort. In 14 Tagen trifft man sich bei den Buchtagen in Frankfurt, und ich werde dort u. a. eine Podcast-Veranstaltung moderieren. Das echte Leben mit echten Begegnungen ist wieder da. Fast schon anstrengend.

Nicht nach Berlin, nicht nach Frankfurt oder Leipzig, sondern nach Baden-Baden im Schwarzwald hatte Media Control die Buchbranche eingeladen. Baden-Baden. Gerne mit dem Adjektiv »beschaulich« versehen.

Neben dem SWR ist Baden-Baden wegen des Casinos bekannt. Genau dort und in der angeschlossenen Bar fand die »1. Book Night« statt.

Vom Redaktionssitz des literaturcafe.de ist es kilometermäßig nicht weit hinab nach Baden-Baden. Die Straße über den Schwarzwald ist eng und kurvenreich, ganz so schnell wie Autobahn ist es nicht. Beschaulich.

Spielcasino in Baden-Baden
Spielcasino in Baden-Baden

Literarisches Casino dank Dostojewski

Bei bestem Wetter stehe ich vor dem Casino. Durchaus ein literarischer Ort. Fjodor Michailowitsch Dostojewski war Mitte des 19. Jahrhunderts hier gewesen, um zu spielen. Dostojewski war süchtig nach dem Spiel. Er verarbeitet die Eindrücke aus deutschen Casino-Städten zu einem »Roulettenburg« im Roman »Der Spieler«. Der russische Schriftsteller schrieb den Roman in nur drei Wochen. Genauer: Er diktierte ihn seiner Stenotypistin Anna. Später wurde sie seine Frau. Dostojewski stand unter Zeit- und Geldnot. Er hatte sich gegenüber seinem Verleger zu einer bestimmten Zahl an Manuskripten verpflichtet.

Oft habe ich eine gekürzte Fassung des Spielers live vor Publikum gelesen. Das letzte Mal im Herbst 2021 auf den Stuttgarter Buchwochen. Es war das Jahr des 200. Geburtstags von Fjodor M. Dostojewski.

Obwohl es im Roman autobiografisch um einen hoffnungslos Spielsüchtigen geht, ist »Der Spieler« auch ein lustiger und unterhaltsamer Text – doch ohne Happy-End.

Seit der Zeit des Wiener Kongresses 1815 bis heute kommen gerne Russen nach Baden-Baden. Bis heute? Über 1.000 russische Staatsbürger sollen hier leben. Aber auch halb so viele Ukrainer. Ich habe nicht nachgeschaut, aber von Demonstrationen vor Oligarchenvillen in Baden-Baden habe ich bislang nichts gelesen.

Die Spielbank in Baden-Baden zu betreten, ist ein wenig wie Dostojewskis Roman betreten. Ein tempelartiges Gebäude mit Säulengang. Orte, an denen sich Menschen mit Geld einfinden, sind nicht unbedingt mit blinkenden Lichtern und Schildern versehen. Eine Spielbank ist kein Spielautomat. Der Eingangsbereich ist nobel und wirkt schlossartig. Ich stehe auf der Gästeliste, doch ohne Ausweiskontrolle kommt hier niemand rein. Staatlich geregelt.

An Demo-Tischen wird das Roulette-Spiel erläutert
An Demo-Tischen wird das Roulette-Spiel erläutert

Glücksspiel und Spielbanken habe ich bislang nur in den gewaltigen Hotelhallen von Las Vegas erlebt. Das im rot beteppichten Hauptraum nur vier Roulettetische stehen, erstaunt mich. Die Spielbank in Baden-Baden hatte ich mir größer vorgestellt.

Wer spielt hier?

Ich beobachte die Croupiers. Je zwei Tische werden ihrerseits von einer Aufsicht beobachtet, dem sogenannten Tischchef,  der auf einem erhöhten Stuhl dazwischen sitzt. 45 Minuten stehen die Mitarbeiter der Spielbank am Tisch, dann haben sie 15 Minuten Pause. Mir fallen gut aber nicht nobel gekleidete Herren und Damen auf, die an mehreren Tischen gleichzeitig spielen. Sie wandern von einem zum anderen, inspizieren kurz die gelegten Jetons und legen ihrerseits die runden Plastikchips auf den Tisch oder geben dem Croupier Anweisungen, die Chips zu platzieren. Ich frage mich, wer diese Männer und Frauen sind. Sind sie reich? Wie oft spielen sie hier? Sind sie wie Dostojewskis Hauptperson spielsüchtig und verschuldet?

Das große Geld und die Buchverlage. Eigentlich ein Gegensatz. Direkt an den Spielsaal schließen sich Bar und Restaurant an. Ein Bereich ist als geschlossene Gesellschaft deklariert, und hier finde ich die anderen Gäste der Book Night. Auf den am Revers aufgeklebten Namensschildern lese ich bekannte Verlags- und Konzernnamen und Namen von Verlagsdienstleistern. Ich sehe die Chefredakteure von Börsenblatt und Buchreport. Media Control beliefert sie alle mit Zahlen. Von der bekannten SPIEGEL-Bestsellerliste bis hin zu den andern Verkaufscharts in Focus oder Börsenblatt werden alle von Media Control ermittelt.

Aus meiner aktiven Zeit im Buchhandel erinnere ich mich daran, wie die Listen früher auf Basis von Umfragen erstellt wurden. Das war nicht zuverlässig, oft gab man die Titel an, die man in Massen vorrätig hatte und die man gerne verkaufen wollte, als die, die man wirklich verkauft hatte. Heute sind es die Warenwirtschaftssysteme der großen Buchhandlungen und Buchhandelsketten, die eine verlässlichere Zahlenbasis liefern. Neben den Bestsellerlisten werden die Verlage mit Statistiken versorgt, um rascher die tatsächlichen Abverkäufe zu ermitteln. Denn die vorbestellten und abgenommenen Bücher durch den Buchhandel sind noch lange nicht mit den tatsächlich an Leserinnen und Leser verkauften Exemplaren gleichzusetzen.

1. Book Night von Media Control
1. Book Night von Media Control

Etwas mehr als 50 Menschen dürften da sein, die Mehrzahl Männer. Es gibt ein dreigängiges Menü, der Hauptgang kommt direkt von draußen, vom Grill mit aufloderndem Feuer. Dazwischen drei kurze Reden zur Lage des Buchhandels.

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Stefan Aust nur digital

Stefan Aust, Buchautor, Herausgeber der Welt und früherer Spiegel-Chefredakteur, war als Top-Redner angekündigt. Seine Bestseller »Der Baader-Meinhof-Komplex« und »Mauss – ein deutscher Agent« habe ich seinerzeit als Buchhändler verkauft. Doch Aust musste kurzfristig absagen, seine Rede wird als Video eingespielt. Es soll um die Zukunft des Buches gehen, aber es geht irgendwie um Franz Werfel und die Bücherverbrennung und dass Bücher weiterhin Bestand haben werden. Oder so. Ich höre nicht genau hin, denn mich erstaunt die schlechte Bild- und Tonqualität. Haben die bei der Welt denn niemanden, der eine professionelle Grußbotschaft des Herausgebers inszenieren kann?

Kay Labinsky vom BurdaVerlag
Kay Labinsky vom BurdaVerlag

Das große Jammern ist wieder da

Auch die zweite Rede des Abends wirft mich zeitlich zurück. Es spricht Kay Labinsky, im BurdaVerlag für das Zeitschriftengeschäft und für Titel wie SuperIllu, Wohnen & Garten oder Freizeit Revue zuständig.

Er weiß, dass er als Vertreter eines Zeitschriftenverlages vor Buchverlegern spricht und beschwört gemeinsame Probleme. Vor 10 Jahren habe ich für den Buchreport den Beitrag »Das große Jammern« verfasst. Wenn man Labinsky hört, hat ich seitdem nichts verändert. Es ist nur schlimmer geworden. Man habe am Anfang alles kostenlos ins Netz gestellt, doch das sei ein Problem. Und die gedruckten Werke seien immer schwieriger an den Mann bzw. die Frau zu bringen, und die Verkaufsflächen nehmen ab. Hinzu komme jetzt die Rohstoffknappheit beim Papier und die Kriegsangst.

Kriegsangst. Das ist neu. Und erschreckend. Für Sekunden bricht die ganze Dekadenz des Jahres 2022 ins Spielcasino. Wir essen und feiern, und draußen herrscht Angst vor einem Krieg.

Aber, so habe ich das Ende der Rede in vager Erinnerung, es gebe da vielversprechende Angebote wie NetDoktor.de, mit denen sich Umsätze im Digitalen machen lassen.

Klaus Kluge
Klaus Kluge

Innovationen statt Kopien

Vor dem Dessert tritt Klaus Kluge ans Rednerpult. Er hatte 2020 seinen Vertrag als Programm- und Marketing-Vorstand bei Bastei Lübbe nicht verlängert und ist nun beim Unternehmen Tapster Media, das neue Formate für die Film- und Verlagsbranche entwickelt.

Obwohl der Abend von einem Unternehmen ausgerichtet wird, das die Verlage mit Zahlen und Bestsellerlisten versorgt, fordert Kluge die Verlage auf, nicht auf diese Listen und die Erfolge der Konkurrenz zu starren, um dann das zu kopieren, womit andere erfolgreich sind. Kluge plädiert für ein Produktdenken jenseits der Verkaufserfolge anderer und dafür, wieder mehr zu wagen. Seine Rede ist nur ein klitzekleiner Widerhaken an diesem Abend, aber ein erfrischender Gegenentwurf zum Jammern.

Außenbereich der Spielbank Baden-Baden
Außenbereich der Spielbank Baden-Baden

Die Buchbranche dieses Abends ist nicht der Literaturbetrieb. Hier sitzen keine Autorinnen und Autoren. Hier geht es ums Geschäft. Hier sitzen keine Blogger und Influencer. Ich bin anscheinend der Einzige, der an diesem Abend unter #booknight twittert und Storys bei Instagram postet. Wieder fühle ich mich um 10 Jahre zurückversetzt.

Mitleid mit Elvis

Dann wird Musik angekündigt. Da Media Control seit der Gründung 1977 auch die Musik-Charts ermittelt – da erinnere ich mich an Dieter Thomas Heck, der den Namen stets in der Hitparade erwähnte – geht es jetzt um den Künstler, der damals die Hitlisten dominierte.

Es tritt auf: ein Elvis-Imitator.

Ich gerate in eine leichte Schocklähmung. Ein Elvis-Imitator! Das ist so originell wie ein Zauberkünstler bei der Möbelhauseröffnung. Wo bin ich hier? Wieder werde ich in der Zeit zurückkatapultiert. Ob Elvis-Imitatoren jemals originell waren?

Elvis lebt auf der Book Night von Media Control
Elvis lebt auf der Book Night von Media Control

Auf der anderen Seite erfasst mich sofort grenzenloses Mitleid mit solchen Künstlern, die für Firmenfeiern engagiert werden. Ich denke an verzweifelte Versuche der guten Laune und Versuche, das Publikum zum Mitsingen, Mitklatschen und Mitmachen zu bewegen.

Doch der Typ ist gut! Seine Show reißt die Leute tatsächlich mit. Er kann singen. Die Witze und Kommentare zwischen den Liedern zielen nicht unter die Gürtellinie. Neben der Performance beeindruckt mich die Aufmerksamkeit, mit der er nebenbei das Publikum beobachtet. Während er singt, räumt er vor sich einen Tisch von Gläsern leer, um dann aus dem Stand daraufzuspringen. Selbst als ein Glas umkippt, bleibt der falsche Elvis souverän. Seit dreißig Jahren gibt Eric Prinzinger (EP!) aus Gaggenau den Elvis. Man merkt ihm die Freude und Erleichterung an, endlich wieder vor Menschen auftreten zu können. You are always on my mind …

Eric Prinzinger als Elvis
Eric Prinzinger als Elvis

Ich überlege, für was dieser begeisternde falsche Elvis in dieser Geschichte steht. Totgesagte leben lang? Eine gute Kopie kann dennoch erfolgreich sein? Oder: Lasse nie nach, in dem, was du tust, sondern tu es stets mit Leidenschaft? Ich weiß es nicht.

Es ist fast Mitternacht, als ich wieder zu den Spieltischen gehe und die Menschen beobachte. In drei Spielen setzte ich selbst insgesamt 10 Euro.

Nichts gewonnen.

Zumindest kein Geld.

Wolfgang Tischer

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