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Laut SZ: 65.000 Euro für eine Leserunde im Buchclub von Thalia und FAZ

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 19.05.2026 über den Buchclub von Thalia und FAZ (Screenshot)
Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 19.05.2026 über den Buchclub von Thalia und FAZ (Screenshot)

Jedes Mal, wenn ich die Werbung für den digitalen Buchclub von Thalia und FAZ sehe, frage ich mich, was wohl die Verlage zahlen müssen, damit eines ihrer Bücher dort besprochen wird. Die Süddeutsche Zeitung hat es mir nun verraten, und ich musste schlucken. Gleichzeitig stellt die SZ die Frage, ob man sich für dieses Geld eine Besprechung in der FAZ mit einkauft.

Anfang des Jahres 2026 war ich begeistert von einem Roman über drei Frauen, der im Schwarzwald spielt (siehe Rezension). Mit der Autorin wollte ich unbedingt ein Gespräch im Podcast des literaturcafe.de über die Entstehung dieses Textes führen. Außerdem konnten wir die Autorin frühzeitig für eine Lesung in Freudenstadt gewinnen. Ich hoffe auf gutes Wetter am 11. Juni 2026. Dann wird Hannah Häffner aus ihrem Roman »Die Riesinnen« tatsächlich draußen unter Tannen und Fichten am Schwarzwaldrand lesen.

Kontinuität macht den wahren Bestseller

Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)
Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)

»Die Riesinnen« wird ein Bestseller, davon war ich nach der Lektüre überzeugt. Als der Roman dann erschienen war und ich mit Hannah Häffner im Podcast des literaturcafe.de sprach, war der Roman tatsächlich direkt auf der SPIEGEL-Bestsellerliste eingestiegen. Und er würde dort sicherlich eine Zeit lang bleiben, davon war ich ebenfalls überzeugt. Tatsächlich steht er dort noch immer. Aktuell am 20. Mai 2026 ist »Die Riesinnen« in der 11. Woche gelistet und auf Platz 2. Und diese Dauer macht den wahren Bestseller aus. Seit ich wieder ein paar Stunden pro Woche im Buchhandel bei Thalia arbeite, beobachte ich die offensichtlichen Mechanismen der Bestsellerlisten noch genauer, weil ich ab und an die Bücher im entsprechenden Bestseller-Regal selbst umsortiere.

Speziell bei New-Adult-Titeln fällt auf, dass diese nicht selten in der Woche des Erscheinens sofort weit nach oben schießen, während sie ebenfalls nicht selten in der Woche darauf die Top-10 sofort wieder verlassen haben. Es ist zu vermuten, dass dies eine zeitlich konzertierte Aktion der Verlage ist, die Vorbestellungen bei den Fans zu pushen, die Social-Media-Aktivitäten von Verlag und Autorin ebenfalls zu kumulieren, gegebenenfalls Influencer und Werbeanzeigen zu bezahlen, sich dann noch eine Woche ohne nennenswerte Neuerscheinungskonkurrenz auszusuchen – und dann ist in der Erscheinungswoche eine Top-10 Platzierung in der Bestsellerliste nahezu garantiert. Es kann bereits eine niedrige vierstellige Verkaufszahl reichen, wie hier in diesem Beitrag zu lesen ist. Dann ist das Ziel erreicht, und das Buch und auch die kommenden Werke der Autorin können sich mit einem der begehrten SPIEGEL-Bestseller-Aufkleber schmücken.

Doch den wahren Bestseller machen nicht die Verkaufsspitzen, sondern die Kontinuität einer Platzierung – wie eben bei »Die Riesinnen«.

Die Thalia-Buchhandlungen haben ihre eigene Bestsellerliste, die auf eigenen Verkaufszahlen beruht, während die von Media Control erhobene SPIEGEL-Bestsellerliste auf einer breiteren Basis an Verkaufsstellen beruht.

Dennoch habe ich mich gewundert, dass »Die Riesinnen« in den letzten Wochen nicht unter den Bestsellern im Regal der Filiale war, während das Buch beim SPIEGEL ununterbrochen in den Top 10 ist. Erst jetzt ist »Die Riesinnen« wieder auf Platz 20 bei Thalia zu finden.

Was wird im Buchclub von Thalia und FAZ gelesen?

Screenshot: der Buchclub von Thalia und FAZ
Screenshot: der Buchclub von Thalia und FAZ

Diese Abweichung hat mich doppelt gewundert, denn gleichzeitig ist »Die Riesinnen« das Buch, das bei der zweiten Leserunde im neuen Online-Buchclub von Thalia und FAZ gelesen wurde. Prominent wird in den Filialen auf Plakaten, Displays und bei der Buchauslage für den Buchclub geworben. Da müsste der Titel doch gerade bei den Thalia-Bestsellern besser platziert sein, denke ich mir. Dass er das nicht war, habe ich dann eher positiv bewertet. Einen Bestseller-Platz kann man sich da offenbar nicht direkt einkaufen.

Dennoch stellte ich mir die Frage, was wohl ein Verlag an Thalia und FAZ bezahlen muss, damit ein Buch aus dem eigenen Programm für die digitalen Leserunden ausgewählt wird. Wenn ich darüber im Gespräch mit Freunden spekuliere, sind diese oft verwundert: »Der Verlag muss dafür zahlen?« Und es erstaunt mich nach wie vor, dass immer noch vielen nicht bewusst ist, dass man sich auch den filialübergreifenden »Buchtipp des Monats« natürlich von den Verlagen bezahlen lässt. Dies ist jedoch nicht zu verwechseln mit den tatsächlichen individuellen Buchtipps von Buchhändlerinnen und Buchhändlern der Thalia-Filialen, die in der Regel handschriftlich begründet in einem eigenen Regal platziert sind.

Für die erste Leserunde im Buchclub von Thalia und FAZ war damals »Trag das Feuer weiter« von Leïla Slimani ausgewählt. Ein Roman aus dem Luchterhand Verlag. »Die Riesinnen« erscheint bei Penguin. Beide Verlage gehören zur Penguin Random House Verlagsgruppe. Zufall? Oder ein größer geschnürtes Werbepaket?

Gleichzeitig werden die Leserunden von der FAZ redaktionell begleitet. Es gibt natürlich eine Buchbesprechung und meist zwei oder drei flankierende Beiträge über die Autorin und frühere Bücher. Diese Beiträge sind nicht als Werbung gekennzeichnet. Dennoch stelle ich mir die Frage, ob diese Beiträge auch ohne die Thalia-Partnerschafft geschrieben worden wären. Am Schluss der beiden Leserunden steht dann immer ein Abend mit der Autorin in einer Thalia-Filiale, bei dem die Autorinnen von Redakteurinnen der FAZ befragt werden. Bei Leïla Slimani war Sandra Kegel mit dabei.

Was bekommen die Verlage für ihr Geld?

Jetzt weiß ich mehr. Zumindest, wenn ich einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung vom 19. Mai 2026 glaube, der sich ausführlich mit der Thalia-FAZ-Partnerschafft beschäftigt. 65.000 Euro müssen die Verlage laut SZ bezahlen, damit ihr Buch im digitalen Leseclub besprochen wird. Die finale Auswahl träfen Thalia und FAZ. Die heikle Frage, der die SZ im Beitrag nachgeht: Sind in dieser Summe auch die redaktionellen Beiträge in der FAZ enthalten? Im Grunde genommen erhebt die SZ ein klein wenig den Vorwurf, dass man sich auf diesem Wege Buchbesprechungen in der FAZ kaufen könne. Laut Süddeutscher Zeitung gab es ein erstes Vermarktungskonzept von Thalia, mit dem man sich an die Verlage wandte, in dem neben Werbeanzeigen auch die redaktionelle Begleitung durch FAZ und FAS erwähnt war.

Die Süddeutsche Zeitung hat mit Jürgen Kaube gesprochen, der im Herausgeberkreis der FAZ für die Kultur zuständig ist. Kaube, so die SZ, räumt ein, dass diese Formulierung den Anschein erweckt habe, »eine Buchbesprechung sei Bestandteil des „Reichweiten-Pakets“« von Thalia und FAZ. Man habe die Formulierung von Thalia korrigieren lassen und man bedaure das Missverständnis. Selbstverständlich seien die FAZ-Redakteure in ihrem Urteil frei. Die Süddeutsche zitiert Jürgen Kaube mit den Worten: »Die Kooperation ist geschäftlich und beeinflusst die redaktionelle Berichterstattung über das Buch nicht.« Im Mittelpunkt stünde die Förderung des Lesens.

Die Süddeutsche Zeitung kommt zum Urteil, es handle sich um ein »doch etwas kompliziertes Bündnis zwischen Buchverkäufer, Buchproduzent und Buchredaktion«.

Dennoch bleiben 65.000 Euro eine Menge Geld, und die SZ bezweifelt, ob sich das kleine Verlage leisten können. Verleger Andreas Rötzer vom Verlage Matthes & Seitz fühle sich im Beitrag der SZ durch den hohen Betrag »praktisch ausgegrenzt«.

Die nächsten beiden Leserunden von Thalia und FAZ soll es im Oktober und Dezember 2026 geben. Man darf auf die Titelwahl gespannt sein und ob es Veränderungen in der gemeinsamen Positionierung gibt.

Ich selbst war zugegeben ein wenig verwundert, warum »Die Riesinnen« überhaupt für den Online-Buchclub ausgewählt wurde. Diesen Werbe-Push hätte dieses Buch doch gar nicht nötig gehabt. Denn dieses Buch – und auch das macht einen wahren Bestseller aus – lieben nicht nur die Leserinnen und Leser, sondern auch die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die die Autorin zu Lesungen einladen. Die Liste der Auftritte von Hannah Häffner ist beeindruckend lang.

Ich jedenfalls freue mich sehr auf ein weiteres Gespräch mit der Autorin am 11. Juni 2026 am Rande des Schwarzwalds.

Wolfgang Tischer

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