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Im Haarstudio der Elben: Amazons »Herr der Ringe«-Serie

Hauptsache die Haare schön: Benjamin Walker als High King Gil-galad und Robert Aramayo als Elrond (Foto: Amazon Prime)
Rumstehen und Haare schön: Benjamin Walker als High King Gil-galad und Robert Aramayo als Elrond (Foto: Amazon Prime)

Die ersten beiden Folgen der Serie »Die Ringe der Macht« sind online. 250 Millionen Dollar hat Amazon allein für die Rechte an Tolkiens Stoff ausgegeben. Das Ergebnis sieht man mit Staunen und offenem Mund: Alles wirkt, als wäre es von einer künstlichen Intelligenz erschaffen.

Es ist die teuerste Serienproduktion, die jemals umgesetzt wurde. Am Ende kosteten Amazon die acht Folgen mit gut acht Stunden rund eine Milliarde Dollar, also doppelt so viel wie die Yacht des Amazon-Gründers Jeff Bezos. Nicht nur, weil die Serie das Fantasy-Universum von J. R. R. Tolkien franchiseartig ausbaut, sondern auch aufgrund der enormen Kosten, findet die Serie eine breite mediale Beachtung.

Teurer Werbefilm für Amazon Prime

Dabei werden die acht Folgen geradezu verschleudert. Amazon-Prime-Kunden sehen sie kostenlos im Streaming-Portal des Konzerns. Wobei das nicht stimmt, denn die Prime-Mitgliedschaft, die u. a. Versandvorteile beim Konzern bietet, wurde kurz vor dem Serienstart von 69 auf 89 Euro Jahresgebühr erhöht. Und die Serie wird wie früher beim linearen TV wöchentlich »ausgestrahlt«. Die acht Folgen werden also so gestreckt, dass der kostenlose Testmonat nicht zum Ansehen reicht – zumindest dann, wenn man sofort mitreden will.

Im Grunde genommen ist »Die Ringe der Macht« nicht mehr als ein gigantisch teurer Werbefilm für Amazons Prime-Mitgliedschaft, der zu weiteren Käufen beim US-Konzern führen soll.

Schon jetzt, nach den ersten beiden Folgen, wird im Netz heftig darüber gestritten, ob Elben und Hobbits auch von schwarzen Schauspielern gespielt werden dürfen und ob es nicht zu viele starke weibliche Charaktere gibt. Da die Serie scheinbar von rassistisch und misogyn geprägten negativen Bewertungen geflutet wird, soll Amazon sogar die Bewertungen zurückhalten. Dabei gehören Ismael Cruz Córdova als Elb Arondir und Sophia Nomvete als Frau des Zwergenkönigs zu den wenigen Darstellern, die in der Serie ihren Job ausüben dürfen.

Keinerlei Ambitionen

Denn das eigentlich Erstaunliche und Bemerkenswerte an der Serie ist, dass sie keinerlei künstlerische und kreative Ambitionen hat. Nichts ist neu. Trotz des hohen Budgets wurde inhaltlich, visuell, erzählerisch, musikalisch und darstellerisch nichts Neues erschaffen. Man kann nicht einmal sagen, dass die Bücher von Tolkien die Grundlage der Serie sind, sondern es sind die Tolkien-Verfilmungen von Peter Jackson. Die Serie bietet keinerlei künstlerische Fortentwickung, weil Fans das offenbar nicht mögen, wie unlängst auch Spiele-Erfinder Ron Gilbert feststellen musste. Alles wirkt altbacken, beliebig und erwartbar wie Fantasy aus den 2000er-Jahren. Es ist eine Fantasy-Verfilmung, wie sich der Durchschnittszuschauer Fantasy-Verfilmungen vorstellt.

Tatsächlich wirkt die Serie visuell und erzähltechnisch so, als hätte man ein KI-System mit den Jackson-Filmen, den Tolkien-Büchern und unzähligen Kalendersprüchen gefüttert, und die hat dann in der üblichen beliebigen Pseudospannung Drehbuch und visuelle Entwürfe ausgespuckt. Die Darsteller spielen dann auch nicht mehr, sondern wandern durch die Kulissen und deklamieren mit heiligem Ernst und in gestelzter präteritumsgeschwängerter Sprache Kalendersprüche, die Tiefe vortäuschen, wo keine ist. Dieser Effekt wird noch verstärkt, indem fast jeder Satz seine eigene filmmusikalische Untermalung bekommt.

Beeindruckten früher Kamerafahrten über eine Bergkuppe, die in der Ferne zu Zeiten Kubricks noch gewaltige Statistenmengen und später dann bei Jackson gewaltige digitale Rechenleistungen sichtbar machten, so wird dieser ausgelutschte Kamerafahrteffekt in den ersten beiden »Ringe der Macht«-Folgen unzählige Male eingesetzt, und er entlockt uns statt eines »Oh!« und »Ah!« nicht mal mehr ein Gähnen. Selbst die Jump-Scare-Effekte sind Dutzendware des Erschreckens.

Die Elben wandeln weiterhin wie bei Peter Jackson durch ihre herbstlich architektonische Landschaft, und man würde zu gerne einen Blick in ihre Frisier- und Haarstuben werfen, in denen man ihnen die 70er-Jahre 3-Wetter-Taft-Frisuren stählt, die selbst im wildesten Kampf bretthart halten.

Alles schwelgt in der erwartbaren Üppigkeit einer Wurst- oder Margarinewerbung.

Mehr will und soll die Serie offenbar auch nicht sein.

Wolfgang Tischer

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