Start Buchkritiken und Tipps Die Wahrheit über Tina Uebels »Die Wahrheit über Frankie«

Die Wahrheit über Tina Uebels »Die Wahrheit über Frankie«

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Die Wahrheit über Tina Uebels »Die Wahrheit über Frankie«

Tina Uebel: "Die Wahrheit über Frankie" und andere BücherBlödsinn: Es gibt mitnichten Wahrheit; es gibt allenfalls so etwas wie Wirklichkeit – und die ist sehr individuell. Es gibt sie abstrakt als Suche nach einem Sinn im Leben, damit es nicht ganz so öde vor sich hin dümpelt. So empfindet das bereits die Protagonistin in Tina Uebels Erstling von 1999, »Frau Schrödinger bewältigt die Welt« – Eines dieser 40+1 Kleinodien sei hier zitiert:

Frau Schrödinger zwischen Sasel und Poppenbüttel
Frau Schrödinger, deren Sehnsucht nach universeller Harmonie der Dinge seit jeher ebenso unerfüllt wie beträchtlich gewesen ist, und die in schwachen Momenten sogar ab und an unüberzeugt mit dem Gedanken spielte, sich eine Religion zuzulegen, kam neulich mit ihrem Auto, irgendwo zwischen Sasel und Poppenbüttel, an einem kleinen, weißen Lieferwagen vorbei, auf dem, kaum erkennbar, in grüner, schwungvoller Schrift » Weinhaus Gröhl» geschrieben stand.
Da wurde Frau Schrödinger ganz leicht ums Herz, denn solche erhabenen Momente waren es, die sie doch auf die Existenz eines Gottes hoffen ließ, und sie fühlte sich fast so glücklich wie damals, als ihr die »Klempnerei Rumohr« erschienen war.

Das Weinhaus gibt es tatsächlich, ebenso wie in Rumohr eine Klempnerei – insofern hat diese Episode einen wahren Kern. Aber ob das wirklich ein so erhabener Moment ist?

Wenden wir uns dem Ich-Erzähler aus »Ich bin Duke« zu, Tina Uebels Zweitling (2002): Gibt es diesen Duke wirklich? Sind all diese wahnwitzigen Ereignisse tatsächlich passiert? Einige wohl ganz sicher nicht! Oder sind sie allesamt Kopfgeburten, entsprungen der grenzenlosen Langeweile: »Es ist langweilig … Mir ist langweilig … Ich langweile mich« – so beginnen etliche der 80 Kapitel, oder: »Lass uns was spielen … Lass uns so tun, als seien wir verliebt … Lass uns falschrum slummen gehen«.  Es hagelt Anspielungen aus Film, Fernsehen, Computerspielen, Werbung – Leben aus zweiter Hand: der Traum vom wirklichen Leben ersetzt allemal das wirkliche Leben.

Ganz anders wieder von Stil und Inhalt her ist Tina Uebels Drittling, Horror Vacui (2005): Die Angst vor der Leere im Leben ist hier Programm. Vier Menschen wollen unbedingt den Südpol in einem gebuchten Abenteuerurlaub erreichen, Susan, Ralph, Michael und ein namenloser Ich-Erzähler. Sie flüchten aus der inneren Leere in die äußere Leere der Antarktis in dem unsinnigen Versuch, damit die innere Leere zu füllen …

Schon hier zeigen sich Elemente, die Tina Uebel in ihrem jüngsten Werk vervollkommnet: Es gibt verschieden Erzähler (den Ich-Erzähler und die drei personalen Erzähler der drei Namensträger), manche Episoden erlebt man unterschiedlich aus unterschiedlicher Sicht. Konsequenterweise hat dieser Roman keinen Schluss: Das Treiben der vier hat keinen Sinn, es kann kein Ankommen geben, die Leere lässt sich so nicht besiegen – das mögen manche Kritiker aber gar nicht, weil sie doch gerne einen Sinn oder so gehabt hätten …

Und jetzt zum Roman »Die Wahrheit über Frankie«, der wohl kaum noch zu toppen sein wird, was Tina Uebels Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Wirklichkeit anbelangt:

Schon der Titel lügt, denn wir erfahren nichts über Frankie. Wir erfahren nur, was Christoph, Judith und Emma vom Rattenfänger Frankie glauben oder glauben, geglaubt zu haben – schließlich geben sie in 20 Kapiteln (zu je drei Unterkapiteln) nur ihre Erinnerungen wieder über 10 Jahre freiwilliges Leben im Untergrund. Sicher ist, dass sie von Frankie gequält und misshandelt werden, physisch und psychisch, und dass sie das gutheißen, weil es einer »höheren Sache« dient (wie Frankie sie glauben lässt). Ihre Erinnerungen driften teilweise erheblich auseinander – es ist ein bekanntes Phänomen, dass die eigene Vergangenheit geschönt wird, es gibt die ganz persönliche Mythenbildung. So wundert sich der Leser immer wieder, er erlebt hautnah mit, dass da irgendwas nicht stimmen kann.

Jeder der drei Protagonisten hat eine eigene Sprechweise (und hat im Druck auch noch eine eigene Schrifttype erhalten: Dass es so etwas noch gibt, grenzt schon an ein Wunder) und erinnert sich vor laufender Kamera oder Tonaufnahme-Gerät unterschiedlich ausführlich: Der Möchtegern-James-Bond Christoph ist der Vielschwätzer (über sieben Stunden), die liebeshungrige Judith bringt es auf dreieinhalb, und die harte Emma (sie erinnert mich an Susan aus »Horror Vacui«) verspottet eineinhalb Stunden lang ihre Gesprächspartner: »Und haben Sie, Gegenfrage, haben Sie begonnen, mich kleinzukriegen? Haben Sie das? Sind Sie der Meinung, ich wäre irgendwann auch nur ansatzweise nah dran gewesen, Ihnen die Wahrheit über Frankie zu erzählen?«.

Erschreckend ist, wie sich die drei allem, was Frankie von ihnen verlangt, letztlich bedingungslos unterwerfen; erschreckend, wie sehr sie untereinander um Frankies Aufmerksamkeit buhlen, Frankie ganz für sich reklamieren, besonders wichtig für ihn zu sein glauben und sich gegenseitig bekämpfen und quälen – in wechselnden Koalitionen; erschreckend, dass man sich als Leser fragen muss, ob man eigentlich selbst gefeit ist vor solch einer Hörigkeit gegenüber einem Guru oder sogar einer Organisation wie z. B. einer Sekte: Auch da wird einem ja vermittelt, dass man etwas ganz Besonderes ist, nämlich – von Gott höchstpersönlich auserwählt – dessen göttlichen Auftrag zu erfüllen hat. Bestimmt nicht zufällig findet sich unter den Motti zu Beginn des Romans auch ein Zitat der Scientology-Geldfabrik: »That which is true for you is what you have observed to be true«.

Damit schließt sich der Kreis zu Frau Schrödinger vom Beginn, die auf eine Existenz Gottes hofft, damit ihr Leben einen Sinn hat.

»Die Wahrheit über Frankie« aber ist letztlich keine Fiktion: »Die Geschichte erzählt sich entlang der wahren Story von Robert Freegard und seinen Opfern, dennoch sind alle Charaktere, Orte, Verstrickungen und Details ganz offensichtlich vollkommen frei erfunden« schreibt Tina Uebel zu Beginn. Das ist sicher so – aber es bleibt entsetzlich wirklich.

Fazit: Lesen! Unbedingt!

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Tina Uebel: Frau Schrödinger bewältigt die Welt (Knaur Taschenbuch. Lemon). Taschenbuch. 2002. Droemer Knaur. ISBN/EAN: 9783426615294
Tina Uebel: Frau Schrödinger bewältigt die Welt: Kurze Geschichten (Knaur Taschenbuch. Lemon). Kindle Ausgabe. 2012. dotbooks Verlag
Tina Uebel: Frau Schrödinger bewältigt die Welt : kurze Geschichten. Broschiert. 1999. München : Droemer Knaur,. ISBN/EAN: 9783426728109
Tina Uebel: Frau Schrödinger bewältigt die Welt: Kurze Geschichten (Knaur Taschenbücher. XPRESS). Unbekannter Einband. 1999. Droemer Knaur. ISBN/EAN: 9783426728109

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Horror Vacui: Roman von Tina Uebel (2005) Gebundene Ausgabe. Gebundene Ausgabe. 1600. . EUR 46,75 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Multimediales zu Buch und Autorin

Audio-Interview mit Tina Uebel von der Buchmesse 2009

Video-Lesung von zehnseiten.de:

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