Die Vorleser im ZDF: Ein Bericht von der gestigen Aufzeichung der Sendung

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Hinter den Kulissen der VorleserHeute Abend (Freitag, 10. Juli 2009) wird um 22 Uhr 30 die erste Folge der neuen ZDF-Literatursendung »Die Vorleser« ausgestrahlt. Das literaturcafe.de hat letzte Woche von der Präsentation des Formats berichtet und die beiden Moderatoren Amelie Fried und Ijoma Mangold interviewt.

Gestern nun fand im alten Hauptzollamt am Hamburger Hafen die Aufzeichnung der Sendung statt, die heute Abend im Fernsehen gezeigt wird.

Isabel Bogdan gehörte zu den Gästen, die im Publikum saßen, und sie berichtet heute in ihrem Weblog von ihrem Live-Eindruck.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin präsentieren wir den Bericht von der gestrigen Fernsehaufzeichnung auch hier im literaturcafe.de. Dafür vielen Dank! Und hier der Bericht:

»Um Abendgarderobe wird gebeten«, steht auf der Eintrittskarte. Wir überlegen eine Weile, ob es wirklich ein dunkler Anzug sein muss, wirklich ein langes Kleid (ich habe gar keins), und entscheiden uns schließlich für einen hellen Anzug und das kleine Schwarzgraue. Ohne Strumpfhose! Abendgarderobe hin oder her, es ist Sommer, und wir gehen schließlich nicht auf einen Ball, sondern ins Fernsehen. Um halb neun soll Einlass sein, um viertel nach acht stehen wir vor dem ehemaligen Hauptzollamt in der Hamburger Speicherstadt. Tatsächlich werden Journalisten eingelassen, wir aber nicht, wir stehen vor der Tür, es wird kalt und kälter, von wegen Sommer. Wer eine echte Dame ist, hat zwar eine Strumpfhose in der Handtasche, aber echte Damen ziehen sich leider nicht mitten in der Speicherstadt auf offener Straße eine Strumpfhose unters Kleid. War aber knapp.

Drinnen also erstmal zur Toilette, Strumpfhose anziehen, um meine kalten Beine zu wärmen, dann zur Garderobe, Mantel abgeben, um an den Armen gleich wieder mit dem Frieren anzufangen. Innerkörperliche Arbeitsteilung, einer ist immer dran. Als ich fertig bin, sind die meisten Plätze natürlich schon besetzt, wir sitzen ganz am Rand und relativ weit hinten. Ein Scheinwerfer strahlt mir ins Gesicht, aber kurz vor Sendungsbeginn, ungefähr in dem Moment, als der Regisseur auf die Bühne geht, um uns zu erzählen, dass Frau Fried und Herr Mangold total aufgeregt sind, kommt jemand und dreht den Scheinwerfer weg. Na gut, dann komme ich eben nicht ins Fernsehen.

Das alte Hauptzollamt ist wunderschön, es hat nach beiden Seiten, also zur Straße und zum Wasser riesige Fenster, jenseits des Wassers liegt die Stadt, es dämmert draußen, die Lichter der Stadt gehen an.

Und im Saal gehen die Lichter aus, Amelie Fried und Ijoma Mangold kommen auf die Bühne und setzen sich so auf die roten Sofas, dass ich von meinem Randplatz aus nur Frau Frieds Gesicht sehen kann, Herrn Mangold sehe ich nur von hinten. Ich mag Frau Frieds Blazer nicht.

Mit den beiden ist Walter Sittler in den Saal gekommen, der später als Gast auf der Bühne sein wird, zunächst aber unauffällig irgendwo im Publikum Platz nimmt, genauer gesagt: direkt vor meiner Nase.

Vielleicht komme ich doch ins Fernsehen.

Tatsächlich merkt man, dass Amelie Fried aufgeregt ist. Ich finde das sehr süß, die Frau moderiert seit zehn Jahren die Talkshow im NDR und wirkt tatsächlich ein bisschen unsicher. Und zwar genau so lange, bis die Sendung anfängt. Sobald die Kamera läuft, ist sie vom ersten Moment an Profi. Sie stellt Ijoma Mangold vor, den ich nur von hinten sehe, sodass ich nicht weiß, wie es ihm mit der Nervosität geht.

Die beiden stellen das erste Buch vor: »Weiße Geister« von Alice Greenway. Und da passiert es tatsächlich: Amelie Fried hebt unter anderem die sprachliche Qualität des Buchs hervor, ich denke na, und, naa? … und sie setzt den Satz fort und sagt, dass das natürlich an der hervorragenden Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn liegt.

Jawoll! Hurra! Das ist ja etwas, was Frau Heidenreich einfach gar nicht begriffen hatte. Sie hat regelmäßig die wunderbare Sprache von Autoren gelobt und gar nicht erwähnt, dass sie die wunderbare Sprache eines Übersetzers damit meinte. Dass Frau Fried offenbar bewusst ist, was genau sie da liest: prächtig. Und so verzeihe ich den beiden schon im Voraus, dass sie bei allen weiteren vorgestellten Übersetzungen die Übersetzer nicht nennen, aber sie sagen auch nichts mehr über die sprachliche Qualität der Bücher.

Ich glaube, das wird eine sehr gelungene Sendung. Teilweise sind die beiden sich einig in ihrer Begeisterung für ein Buch, teilweise findet nur einer es toll, der andere nicht so, und sie diskutieren ein wenig; Walter Sittler als erster Gast macht eine sehr gute Figur, außer dass er vergisst, den Titel des Buches zu nennen. Die Location ist wunderbar, die Moderatoren charmant, die vorgestellten Bücher sehr unterschiedlich, und ich glaube, dass mit der Sendung insgesamt ein breites Publikum angesprochen wird. Man wird der Sendung vorwerfen, nicht intellektuell genug zu sein, zu wenig tiefgehende Literaturkritik zu bieten, zu seicht zu sein, blabla. Geschenkt. Das ist Fernsehen, es ist eine Bücherempfehlungssendung, kein Literaturseminar und kein Hochfeuilleton. Und wenn man genau hinguckt, kann man mich vielleicht hinter Walter Sittler im Publikum sitzen sehen.

Isabel Bogdan

  • »Die Vorleser« am Freitag, 10. Juli 2009 um 22.30 Uhr im ZDF.

Klicken Sie hier und hören Sie im Podcast des literaturcafe.de ein Interview mit Amelie Fried und Ijoma Mangold über »Die Vorleser«

Die in der Sendung besprochenen Bücher:

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