StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett vom Februar 2026: * Sie reden durcheinander. *

Das Literarische Quartett vom Februar 2026: * Sie reden durcheinander. *

Das Literarische Quartett vom 06.02.2026 (von links): Christian Berkel, Xaver von Cranach, Marlene Knobloch und Thea Dorn (Foto: ZDF/Kosei Takasaki)
Das Literarische Quartett vom 06.02.2026 (von links): Christian Berkel, Xaver von Cranach, Marlene Knobloch und Thea Dorn (Foto: ZDF/Kosei Takasaki)

Sie redeten gar nicht viel durcheinander und fast schon miteinander. Das Literarische Quartett vom 6. Februar 2026 mit Marlene Knobloch, Xaver von Cranach, Christian Berkel und Thea Dorn war diesmal geradezu angenehm und inspirierend. Es ist schön, wenn Menschen nicht nur Recht haben wollen.

Für den Ton der Diskussion war der Schluss bezeichnend: Thea Dorn hatte eigentlich abmoderiert, da stellte Autor, Sprecher und Schauspieler Christian Berkel fast schon zurückhaltend die Frage: Ob es nur ihm aufgefallen sei, dass alle vier diesmal besprochenen Romane im Präsens geschrieben seien. Es war nur eine Beobachtung, aber solche Details, nicht rechthaberisch oder besserwisserisch vorgetragen, sind für die Runde ein Gewinn.

In der letzten Ausgabe wurde viel durcheinandergeredet, und ich schrieb, dass dies nicht einfach für die Menschen sei, die die Diskussion untertiteln müssen.

Diesmal habe ich das Quartett »mitgelesen«, um zu erfahren, wie die Lösung ausschaut. Und sie musste zum Glück nur einmal verwendet werden. Da steht dann einfach:

* Sie reden durcheinander. * – So löst man es in der Untertitel-Redaktion des ZDF (Foto: Screenshot)
* Sie reden durcheinander. * – So löst man es in der Untertitel-Redaktion des ZDF (Foto: Screenshot)

* Sie reden durcheinander. *

Nicht viel durcheinander

Doch diesmal wurde nicht viel durcheinandergeredet. Neben Christian Berkel saßen Xaver von Cranach vom SPIEGEL und Marlene Knobloch von der ZEIT in der Runde. Keiner drängte sich vor, keiner musste den anderen in Lautstärke oder Originalität übertrumpfen.

Dabei wäre der erste diskutierte Titel dafür prädestiniert gewesen, denn es war der neue Roman von Lederjackenträger Bodo Kirchhoff. Das Buch kam in der Diskussion – man ist geneigt zu sagen: erwartungsgemäß – nicht gut weg. Das Werk wurde von Erzählperspektive bis Figurenzeichnung fast schon analytisch und ohne Häme betrachtet. Beim Zuhören hatte man den Eindruck, das Werk auf diese Weise gut zu durchdringen, ohne es lesen zu müssen. Selbst seltsame sprachliche Details, wie das, dass Kirchhoff nie vom Display des Smartphones spricht, sondern immer nur von »Schirm« und »Gerät«. Obwohl das Buch mit dem schönen alten Wort als »verquast« bezeichnet wurde, wurde es dennoch auch als »mutiges Buch« tituliert. Der neue Kirchhoff wurde ernst genommen.

Begeistert wurde über das Buch des Booker-Preisträgers David Szalay gesprochen, ohne dass sich – wie auch schon oft passiert – die Diskutanten sich an ihrem eigenen Lob besoffen haben.

Hochkarätig und in quasi aufsteigender Reihe ging es nach einem Buchpreis- und Booker-Preisträger mit einem Nobelpreisträger weiter: Jon Fosse. Sehr gut herausgearbeitet wurde, dass Christian Berkel die Komposition des Buches und der Sätze ohne Punkte mit der Musik von Bach oder Glass verglich, während alle bestätigen mussten, dass der Text auf der rein erzählerischen Ebene seine Schwächen habe, insbesondere in der Zeichnung der Figuren. Leider wurde nur Christian Berkels Buchvorstellung zu sehr zur überflüssigen Nacherzählung.

Die Übersetzer wurden genannt!

Und noch etwas Außergewöhnliches geschah diesmal beim Literarischen Quartett: die Übersetzer wurden erwähnt und gelobt. Hinrich Schmidt-Henkel für die deutsche Sprache von Jon Fosse und Henning Ahrens allein schon für die Tatsache, dass er sowohl Szalay als auch den am Schluss besprochenen Roman von Richard Price übersetzt hat. Lobend erwähnt wurde – und das sollte eine gute literarische Übersetzung auch leisten – dass beide Bücher dank des Übersetzers im Deutschen ihre ganz eigene Sprache haben.

Gepflegte Ambivalenz auch in der Diskussion um Richard Price.

Auf jeden Fall will man beim nächsten Besuch in der Buchhandlung in das Buch von Jon Fosse hineinlesen, allein um den Selbsttest zu machen, wie sich der Text ohne Punkte liest und selbst der »Lazarus Man« von Richard Price war so besprochen, dass man neugierig geworden ist.

Die beiden neuen, jüngeren Stimmen von Marlene Knobloch und Xaver von Cranach taten der Runde gut. Wieder zeigt sich: Das Literarische Quartett ist immer dann am besten, wenn die Diskutierenden sich und ihre Meinung nicht zu wichtig nehmen und auch mal näher am Text analysiert wird.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 06.02.2026 besprochenen Bücher:

  • Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783423284912. 28,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • David Szalay; Henning Ahrens (Übersetzung): Was nicht gesagt werden kann: Roman. Gebundene Ausgabe. 2025. Claassen. ISBN/EAN: 9783546101509. 25,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Jon Fosse; Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzung): Vaim: Der neue Roman des Literatur-Nobelpreisträgers. Gebundene Ausgabe. 2025. Rowohlt Hardcover. ISBN/EAN: 9783498007812. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Richard Price; Henning Ahrens (Übersetzung): Lazarus Man: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103977110. 26,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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1 Kommentar

  1. Ich kann in allem nur zustimmen. Die letzten Male war ich oft so genervt, insbesondere von Eva Menasse, daß ich es diesmal nur noch in der Mediathek angeschaut habe. Und war sehr angenehm überrascht, auch von den beiden, noch recht jungen neuen „Buchbesprechenden“ (ich hasse es zu gendern, auch wenn ich mich als Feministin der ersten Stunde bezeichnen würde!). Wohltuende, kenntnisreiche Diskussionen, ein Miteinander im Austausch der verschiedenen Positionen, kein aggressives Gegeneinander. Wäre schön, wenn Thea Dorn, auch im Interesse ihrer Sendung, solche Gäste öfter einladen würde!

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