Blick hinter die Kulissen: So entsteht ein Podcast

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Bachmann-Podcast-Produktion am Biertisch mit Andrea Diener (Foto: Instagram/frau_diener)
Bachmann-Podcast-Produktion am Biertisch mit Andrea Diener (Foto: Instagram/frau_diener)

Wie produziert ihr euren Podcast? Welche Technik verwendet ihr? Die Frage nach dem »Setup« wird unter Podcastern und denen, die es werden wollen, gern gestellt. Podcasts boomen, und daher hören auch wir die Frage sehr oft – speziell nach den jüngsten Bachmannpreis-Folgen. In diesem Beitrag zeigen wir unsere Ausrüstung und geben Tipps für die Podcast-Produktion.

Auf die Frage, wie man (s)einen Podcast produziert, gibt es wahrscheinlich genauso viele verschiedene Antworten, wie es Podcasts gibt. Im Grunde hängt es von drei Faktoren ab, welche Technik, welche Software und welchen Produktionsprozess man einsetzt.

Drei Faktoren für die Podcast-Produktion

  1. Wie hoch ist das Budget für den Podcast?
    Wer einen Podcast starten und über Bücher reden möchte, benötigt im Grunde genommen nicht viel Technik. Den Ton kann man mit einem Smartphone aufnehmen, Rekorder-Apps sind häufig Bestandteil des mobilen Betriebssystems. Am besten verwendet man das Mikro im mitgelieferten Kopfhörerkabel, so hat man die Hände frei. Zum Schneiden, Nachbearbeiten und Speichern der fertigen MP3-Audiodatei kann das kostenlose Programm Audacity eingesetzt werden. Das wäre Podcasting zum Nulltarif, sieht man einmal vom Kauf des Smartphones ab. Dieses Setup stößt jedoch bereits an seine Grenzen, wenn man zwei Gesprächspartner aufnehmen möchte.
  2. Wie sieht die Aufnahmesituation aus?
    Will man für den Podcast zwei oder mehr Gesprächspartner optimal aufnehmen, reicht ein Mikrofon in der Regel nicht mehr aus. Ein Mikro auf dem Tisch fängt oft zu viel Raumhall ein. Und wird der Podcast in einem ruhigen Büro oder am Rande einer belebten Konferenz aufgenommen? Sitzen alle bei der Aufnahme still oder stehen und bewegen sich die Gesprächspartner? Unterschiedliche Aufnahmesituationen verlangen unterschiedliche Technik.
  3. Welche (akustischen) Ansprüche hat man an den Podcast?
    Der Vorteil von Podcasts ist nach wie vor, dass die Hörer keine klinisch reine Aufnahmequalität erwarten. Nebengeräusche und das nicht so Perfekte machen den Charme vieler Podcasts aus. Und dennoch sollten Stimmen gut zu verstehen, der Ton gleichmäßig laut und nicht zu verhallt und Nebengeräusche nicht zu hoch sein. Nichts ist ärgerlicher, als wenn der Hörer am Wiedergabegerät den Ton ständig leiser und lauter drehen muss, weil ein Podcast nicht gleichmäßig abgemischt ist.

So produzieren wir den Podcast des literaturcafe.de

Die Aufnahmetechnik

Nicht nur bei unserem Bachmannpreis-Podcast ist die Situation die, dass zwei oder drei Gesprächspartner aufgenommen werden. Zudem muss die Technik mobil sein, in Klagenfurt wurde der Podcast direkt im Garten des ORF-Studios aufgenommen, in dem es zudem nicht ganz ruhig war. Um während der Aufnahme in Texten zu blättern oder auf dem Smartphone Infos zu googeln, sollten die Sprecher die Hände frei haben und nicht mit den Lippen an einem Mikro kleben müssen.

Zoom H6
Der Zoom-H6-Rekorder besitzt ein eingebautes digitales Mischpult

Das perfekte Aufnahmegerät für diese Situation ist der Zoom-H6-Rekorder. Hier können bis zu sechs einzelne Mikrofone angeschlossen werden. Der Ton wird in separaten Dateien gespeichert, sodass die Gesprächspartner später in der Lautstärke individuell und einheitlich angepasst werden können. Über einen Kopfhörer kann der Moderator den Klang während der Aufnahme überprüfen.

Zoom H6
Der Zoom H6 kann bis zu sechs getrennte Spuren aufnehmen

Als Mikrofone setzen wir leichte Earmics von Thomann ein. Sie werden an einem Ohr befestigt und lassen sich gegenüber den Nackenmikrofonen einfacher und bequemer tragen. So kann man frei agieren, da das Mikro stets in Mundnähe ist. Zum Anschluss an den Zoom H6 sind Adapter für die XLR-Anschlüsse erforderlich. Die für die Mikros notwendige sogenannte Phantomspeisung leistet der Recorder.

Earmic am Ohr
Mit einem Earmic hat man während der Aufnahem die Hände frei.

Mit diesem Setup konnten beim Bachmannpreis-Podcast drei Gesprächspartner an den Biertischen im ORF-Garten sitzen und während der Aufnahme in Notizen und Texten blättern oder rasch eine Info googeln. Da kein Mikro rum- oder hin- und hergereicht werden muss, entsteht eine gleichberechtigte natürliche Gesprächsatmosphäre.

Earmic
Das »Ohrenmikro« trägt sich angenehmer als ein Mikro mit Nackenbügel. Um es am Zoom H6 anzuschließen, benötigt es einen Adapter (schwarz)

Mit den beim H6 mitgelieferten Aufsteckmikros ist es möglich, das Gerät wie ein »Reportermikro« einzusetzen, um Interviews mit Autoren oder Jury-Mitgliedern zu führen und die Aufnahmen später in den Podcast reinzuschneiden. Die Mikros haben eine optimale Einsprechrichtung (Nierencharakter), sodass man das Gerät beim Interview hin- und herschwenkt. Das erlaubt dem Interviewer zudem besser, dem Gesprächspartner durch den Mikroschwenk zu signalisieren, wer gerade das Wort hat. Da der H6 für diesen »Handeinsatz« etwas groß ist, setzen wir hier den kleinen H1-Rekorder von Zoom ein, der wie ein Handmikro ausschaut. Der typische »Mikropuschel« verhindert bei Außenaufnahmen störende Windgeräusche.

Zoom H1: Ideal zur Aufnahme von Interviews.
Zoom H1: Ideal zur Aufnahme von Interviews. Mittlerweile gibt es das Nachfolgermodell. Wir schätzen den Vorgänger, da alle Funktionen über mechanische Tasten erreichbar sind und das Gerät sehr lange mit einer AA-Batterie auskommt, während das Nachfolgemodell H1n zwei Batterien benötigt.

Postproduktion: Aufbereiten der Audio-Aufnahmen

Wie eingangs erwähnt, setzen viele Podcaster zur Nachbearbeitung die kostenfreie Audio-Software Audacity ein, die sich vor teurer Profisoftware nicht zu verstecken braucht. Im Netz finden sich Tutorial und Videos zur optimalen Bedienung der Software.

Für den Podcast des literaturcafe.de verwenden wir jedoch die Software »Reaper« in Verbindung mit der kostenfreien Podcast-Erweiterung »Ultraschall«. Diese Kombination ist perfekt für die optimale Podcast-(Post-)Produktion, und es gibt sie für Windows und Mac. Die reduzierte Reaper-Lizenz kostet für Einzelpodcaster günstige 60 Dollar. Aussehen und Funktionen von Reaper lassen sich nahezu unbeschränkt anpassen. Dies nutzt das »Ultraschall«-Projekt rund um Ralf Stockmann, das mit der Ultraschall-Erweiterung eine perfekte Podcast-Anpassung von Reaper vorgenommen hat.

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Die Erweiterung Ultraschall macht die Audio-Workstation Reaper zur perfekten Podcast-Produktionsumgebung. Der Menüpunkt »Podcast« orientiert sich am Workflow einer Podcast-Poduktion, von der Vorbereitung über die Aufnahme bis zur Post-Produktion.
Mit Ultraschall/Reaper lassen sich Templates für die Podcast-Folgen vorbereiten. Unser Template für den Bachmannpreis-Podcast beinhaltet Intro und Extro und entsprechend konfigurierte leere Audiospuren. Die Audiodateien vom Rekorder werden per Drag-and-Drop von der Speicherkarte importiert und »zusammengebaut«. Der Bachmannpreis-Podcast soll sehr natürlich wirken, daher wird so gut wie nicht geschnitten. Vordefinierte Ultraschall-Effekte (Kompressor und Limiter) passen die Audiolautstärke aller Sprecher gleichmäßig an. Gesprächspodcasts haben in der Regel eine geringe Dynamik (hohe Kompression), sodass sie später auch in lauterer Umgebung (z. B. im Auto) gut zu verstehen sind.

Das Aufwändigste bei der Postproduktion ist das Einfügen von Kapitelmarken. So können die Hörer später entsprechende Stellen auch in längeren Podcast-Folgen rasch anwählen. Kapitelmarken werden von allen moderneren Podcast-Playern unterstützt und sind ein Service für die Hörer. Dauert ein Podcast eine Stunde, muss er hierzu nochmals komplett angehört werden. Der Zoom-Rekorder erlaubt es, grobe Marker während der Aufnahme zu setzen, in Ultraschall/Reaper werden diese dann beschriftet. Ultraschall ermöglicht es, die Aufnahme mit zwei- oder dreifacher Geschwindigkeit abzuhören – bei Beibehaltung der Tonhöhe. So lässt sich dieser Prozess abkürzen.

Abschließend wird die fertige MP3-Datei mit den Kapitelmarkern und einer eingebetteten Cover-Datei verknüpft, die später auf den Podcast-Playern angezeigt wird.

Damit der Podcast zudem direkt auf der Website des literaturcafe.de angehört werden kann, setzen wir die Podcast-Erweiterung »Podlove« ein. Der Podlove-Player unterstützt die gesetzten Kapitelmarken.

Ebenfalls wichtig ist das Erfassen der sogenannten »Shownotes«, also der textlichen Zusatzinfos und Links auf der Website des literaturcafe.de. Auch hier bietet die Podlove-Erweiterung entsprechende Eingabefelder an.

Mit der Veröffentlichung des Beitrags geht die Podcast-Folge dann online. Durch den Eintrag in Podcast-Verzeichnissen wie Podcast bei Apple und Spotify wird dort die jeweils aktuelle Folge angezeigt.

Hinweis: Die Links auf den genannten Geräten führen zum Musikhaus Thomann und zu weiteren technischen Infos. Bei den Links handelt es sich zudem um Affiliate-Links. Wenn Sie über den Link eines der Geräte bestellen sollten, so unterstützen Sie das literaturcafe.de, da wir eine kleine Provision erhalten.

4 Kommentare

  1. Interessanter Einblick in die Hintergründe der Podcast-Erstellung!

    In dem Zusammenhang möchte ich gern auf ein störendes Detail aufmerksam machen, das mir schon in vielen Podcasts aufgefallen ist: Wenn es am Aufnahmeort Hintergrundgeräusche gibt und der Sprecher macht eine kurze Pause, entsteht so ein hörbares “Runterregeln” des ganzen Tons. Das finde ich oft irritierend. Es klingt so, als ob da ein kleines Männchen im Mischpult sitzt und übereifrig den Ton runterregelt, sobald gerade nichts gesprochen wird. (In Wahrheit ist es vermutlich ein automatischer Noisegate-Filter von Reaper bzw. Ultraschall.) Würden die Hintergrundgeräusche einfach ganz normal weitergehen, würde das überhaupt nicht stören, aber das hörbare Runterregeln klingt unnatürlich und fällt auf.
    Zum Beispiel im Podcast mit Anna Basener zwischen 01:50 und 01:57 oder auch kurz nach 06:00.
    Wie sehr es stört, hängt immer ein bisschen davon ab, wie laut die Hintergrundgeräusche sind, die da runtergeregelt werden. Mag auch sein, dass es von vornherein beim Hören mit Kopfhörer mehr stört als beim Hören über Lautsprecher und/oder in einem lauten Umfeld.
    Man könnte das durch etwas andere Filtereinstellung bestimmt reduzieren oder verhindern.

    • Lieber Andreas Beitinger,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Tatsächlich ist das ein Zusammenspiel zweier etwas “überregelter” Effekte, wobei es im erwähnten Basener-Podcast tatsächlich der vom Mischpult abgenommenen Bühnenton war, der die Effekte schon “mitbrachte” und nur wenig nachbearbeitet wurde. Es sind hier zwei Effekte, die sich überlappen und zu diesem Atmen und scheinbarem Runterregeln führen. Damit die Lautstärke gleichmäßig ist und auch leise Passagen gut hörbar sind, wird ein sogenannter Kompressoreffekt eingesetzt. Dabei werden laute Passagen abgesenkt und die leisen verstärkt und dies bei Wortbeiträgen in der Regel sehr rasch und nahezu ohne Verzögerung. Dies führt jedoch dazu, dass in kurzen Gesprächspausen in diesem recht lauten Umfeld die Hintergrundgeräusche unnatürlich und unschön “hochgeregelt” werden. Daher setzt man zusätzlich ein Noisegate ein, das die Nebengeräusche grundsätzlich runterregelt bzw. unter einer gewissen Lautstärke abschneidet. Spricht also keiner, so wird der Ton nahezu ausgeblendet und es wirkt wie von Ihnen beschrieben, als würde ein kleines Männlein den Ton sofort runterregeln, wenn niemand spricht. Der Verzicht auf das Gate würde aber zum Gegenteiligen Effekt führen, dass die Hintergrundgeräusche in den Gesprächspausen sehr laut wären und sich diese sofort wieder absenken, sobald wieder jemand spricht.
      Es ist die hohe Kunst eines Tontechnikers, die beiden Effekte so einzustellen, dass man sie möglichst wenig bemerkt. Wie sie auch schreiben, fällt der Effekt dann besonders auf, wenn man die Aufnahme selbst in einer ruhigen Umgebung hört. Ist es auch beim Anhören laut, so fällt dies natürlich weniger auf. Die Bühne in Leipzig wird jedoch nicht von einem Tontechniker betreut und natürlich ist hier das Hauptaugen- bzw. Hauptohrenmerk auf der guten Verständlichkeit vor Ort.
      Das Problem tritt natürlich auch in anderen lauteren Umgebungen auf wie beim Bachmannpreis-Podcast, der zwar nicht auf der Bühne, aber dennoch draußen und nicht im Studio aufgenommen wird. Da es jedoch ein Gesprächspodcast ist, nehme ich den negativen Effekt zu Gunsten der Verständlichkeit in Kauf. Allerdings ist der Effekt hier nicht so krass wie bei den Bühnenmitschnitten.
      Beste Grüße
      Wolfgang Tischer

  2. Vielen Dank für diese ausführliche Erklärung, Herr Tischer! Kann ich gut nachvollziehen.
    Wahrscheinlich wäre für jemanden, der (wie ich) den Podcast im “stillen Kämmerlein” hört, ein weitgehend unbearbeiteter Ton am angenehmsten. Aber dann würden sich wieder die Leute beschweren, die ihn unterwegs beim Joggen, im Auto etc. hören wollen und auf den Kompressor angewiesen sind.

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