Behmels Bösewichter (6): Warum Schurken alt aussehen

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Albrecht Behmel, Initiator des Samiel Awards
Albrecht Behmel (Foto: privat)

Der Große Böse Wolf, Mephistopheles, Dracula und die Panzerknacker – wer liebt sie nicht? Schurken sind ein zentraler Erfolgsfaktor in Geschichten, gleich ob es Märchen sind, Thriller oder Romanzen. In gewisser Weise brauchen sogar Sachbücher Antagonisten oder zumindest antagonistische Kräfte, denn wir Menschen sind von Konflikten, Siegen und Niederlagen fasziniert.

In dieser Kolumne zum Samiel-Award ergreife ich Partei für das Böse. Im sechsten Teil geht es um die Frage, warum das Böse allzu oft männlich, wohlhabend und gebildet ist.

Samiel Award 2013 - Bester AntagonistDer Samiel Award
ist ein Literaturpreis für Autoren, die herausragende Antagonisten erschaffen haben: Monster, Schurken, Fieslinge und Gegenspieler. Bis zum 1.12.2013 können Verlage und Autoren Ihre Charaktere für den Preis vorschlagen, der vor Weihnachten verliehen wird. Das literaturcafe.de unterstützt als Partner den Wettbewerb.

Albrecht Behmel ist der Initiator des Samiel Awards. In dieser Kolumne begibt er sich auf die Spur des Bösen.

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Gute Antagonisten müssen, wenn sie ihre Funktion als Katalysatoren optimal erfüllen sollen, an eine Urangst der Zuhörer rühren. Diese Verbindung kann auf wenige Archetypen zurück geführt werden, die über die Literaturgeschichte ebenso konstant geblieben ist, wie darüber hinaus, wenn man in die Vergangenheit, in Oper, Roman, Film, Mythos und Theater blickt.

Das traditionelle Geschichtenerzählen gerät aus diesen Gründen geradezu zwangsweise in ein bestimmtes Fahrwasser und stellt Antagonisten in Bezug auf den Protagonisten häufig so dar, dass zunächst einmal ein Altersunterschied entsteht.

Die Identifikation des Zuschauers mit dem Jüngeren ist fast zwangsläufig, verbindet sich mit dem Begriff der Jugend doch eine Vorstellung nicht nur von Dynamik, liebenswerter Naivität, Unverbrauchtheit und physischer Schönheit, sondern auch eine Vorstellung von biographischer Zukunft. Antagonisten sind daher häufig älter, reicher und kultivierter als die Protagonisten. Sie verkörpern die abtretende Generation, ganz analog zu dem von Sigmund Freud erkannten, bzw. konstruierten Ödipus-Schema: Der junge König löst den alten König ab. Ein statistisch ermittelter Standard-Antagonist ist demnach männlich, wohlhabend, gebildet (auffallend viele Antagonisten verfügen über einen höheren Hochschulabschluss: Professor Moriarty, Dr. No, Dr. Evil, Dr. Mabuse, um nur einige zu nennen) und sie sind körperlich auffällig, etwa durch Narben oder Gebrechen.

Erst mit der Romantik und der Moderne, und auch hier noch gar nicht so lange, kamen aktive Frauengestalten mehr oder weniger in Mode. Miss Marple ist (abgesehen von mittelalterlichen Heiligen) möglicherweise die erste richtige Protagonistin der Weltliteratur, die ausreichend interessant für eine ganze Serie von Geschichten war.

Doch der Trend zur Gleichberechtigung ist keineswegs irreversibel. Während Disney eine ganze Reihe von weiblichen Hauptfiguren zur Auswahl stellt: Cinderella, Mulan, Pocahontas und Arielle… akzeptiert zum Beispiel Pixar praktisch keine Stoffe mit einer weiblichen Hauptrolle. Doch insgesamt nehmen weibliche Hauptrollen zahlenmäßig zu. Lara Croft, Cat Woman, Supergirl und deren jeweilige Clone stürmen die Leinwand und die Bildschirme, freilich mit wechselndem kommerziellen Erfolg – genau wie bei den männlichen Kollegen. Aus diesen Gründen muss es eigentlich heißen, dass es traditionell drei zentrale Konfliktebenen in Geschichten gibt: Mensch gegen Mensch, Mensch gegen die Natur und die Inneren Kämpfe eines Menschen – oder Kombinationen daraus. Denn jede wirklich gute und vor allem kommerziell erfolgreiche Geschichte bietet einen Mix aus allen drei Ebenen, wobei jedesmal ein Symbol für diesen Kampf gefunden werden muss.

Albrecht Behmel

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