
Es wimmelt nur so von Müttern bei den Neuerscheinungen. Isa Tschierschke stellt fest, dass viele der Romane Mutter-Tochter Geschichten sind. Zu Recht! Ist dies doch die Achse, um die sich das Familienleben wirklich dreht, unverrückbar und zugleich ständig in Frage gestellt.
»Widersprüche aushalten«
Katharina Braschel verarbeitet in »Heim holen« ihre eigene donauschwäbische Herkunft und das komplizierte Verhältnis einer Kriegsenkelin zu ihrer Mutter. »In 24 Stunden können meine Mama und ich alle Themen durchgehen, die sicher sind«. Das Unausgesprochene in der Familiengeschichte macht jedes Telefonat zu einem Eiertanz zwischen Smalltalk und unangenehmer Konfrontation.
In letzter Zeit kann Ich-Erzählerin Lina nicht aufhören zu lesen, zu forschen, zu bohren. Plötzlich überkommt sie das Gefühl etwas herausfinden zu müssen darüber, was ihr Großvater „im Krieg” eigentlich wirklich für eine Funktion innehatte. Also fordert sie seine Akte im deutschen Bundesarchiv an.
Ihre Familie stammt aus der donauschwäbischen Gemeinde »Franztal« bei Semlin (Zemun), das heute ein Stadtteil von Belgrad ist und wo von 1941 bis 1944 ein KZ, das »Anhaltelager Semlin« (Sajmište) bestand, in dem 8.000 bis 10.000 serbische und kroatische Jüdinnen und Juden den Tod fanden. Zum Teil wurden sie in mobilen Gaswägen getötet, die quer durch Belgrad zu den Massengräbern fuhren.
Dass ihr Großvater bei der SS war, wusste die Ich-Erzählerin schon früher und auch, dass er sich mit den ehemaligen Kameraden nach dem Krieg noch regelmäßig traf. Aber immer, wenn Lina genauer nachfragt, läuft sie bei ihrer Mutter ins Leere. »Sie zuckt mit den Schultern und sagt: ›Das waren halt Männer, die dasselbe erlebt haben, Lina. Das war der Ort, an dem er hat darüber sprechen können.‹«

Lina ist in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die donauschwäbischen Traditionen auch in der neuen Heimat Salzburg gepflegt werden und in dem die Vergangenheit »glatt gestrichen und widerspruchslos« erscheint, »ohne Fragen nach Schuld und Mitschuld.« An ihren Großvater hat sie liebevolle Erinnerungen als passionierter Gärtner und als »der Einzige in unserem Haus, dem ein Vollbad zustand«.
Linas Recherchen verschlechtern die Stimmung zwischen ihr und ihrer Mutter, denn die Frage, warum diese ihren Vater nicht nach Semlin gefragt hat, steht immer mit im Raum. Das offizielle Familien-Narrativ, die Großeltern hätten mit der Vergangenheit abgeschlossen, als sie Belgrad verlassen mussten, beginnt zu bröckeln und Lina spürt, wie es wirklich war. »Niemand, denke ich wieder, hat so wenig mit etwas abgeschlossen wie meine Großeltern mit Franztal, mit Semlin.«
Im Roman werden die Recherchen der Ich-Erzählerin begleitet von Gesprächen mit Freundinnen, die am Fortschritt der Nachforschungen teilnehmen. Als Lina darüber klagt, dass die Fakten aus den Unterlagen von früher sich nicht decken mit ihrer glücklichen Kindheitserinnerung an ihren Großvater, bekommt sie den Rat, diese Widersprüche auszuhalten und in etwas Neues zu verwandeln.
Allein tritt sie eine Reise nach Belgrad an, ohne zu wissen, was sie dort zu finden hofft. Immerhin bekommt sie nach der Rückkehr von ihrer Mutter zum ersten Mal so etwas wie Anerkennung für ihre Hartnäckigkeit. »Da kann ich wahrscheinlich noch etwas lernen von dir.«
»durch ein Stahlseil aneinandergekettet«
Die französische Autorin Julia Deck setzt in »Die Wahrheit über Ann« ihrer englischen Mutter ein Denkmal. Als Ann schon über neunzig ist, beschäftigt sich Ich-Erzählerin Julia immer häufiger mit dem Verdacht, dass sie womöglich nicht die ganze Familiengeschichte kennt. »Fasziniert folgte ich den Myriaden von Verzweigungen, die er in unsere Leben zog, untersuchte alles, was er in meiner Wahrnehmung seit meiner Kindheit umformte. Dann nahm ich den Zug zurück nach Paris und vergaß ihn.«
Julia geht ihrer Intuition immer nur ein paar Schritte hinterher, bevor sie wieder auf das sichere Terrain der alten Kinderwahrheiten abbiegt. In ihrem neuen Roman will sie sich autofiktional der eigenen Familiengeschichte nähern und sagt von sich: »Ich führte ein herrliches Leben. Ich hatte meinen Traum erfüllt, den meiner Mutter, und ich war dabei, sie zu verraten.«

Die beiden Frauen haben viele Jahre ihres Lebens im gemeinsamen Haushalt gelebt, in einem »Alltag von Müttern und Töchtern, die durch ein Stahlseil aneinandergekettet sind«. Aber schließlich hat Julia sich nach Tours abgesetzt und lässt ihre Mutter alleine in Paris zurück. Als diese einen Schlaganfall erleidet, stellt das beider Leben auf den Kopf.
Ann, die vier Sprachen fließend spricht und bis ins hohe Alter als Übersetzerin arbeitete, ist fast nicht mehr ansprechbar und aufgrund der Untersuchungen wird ihre Überlebenschance auf wenige Tage geschätzt. In den emotionalen Tumult, den Julia zu ertragen hat, mischt sich die Bedrohung durch ein Gesundheitssystem, das, von den Gesunden unbemerkt oder geduldet, schon längst seinen Dienst versagt hat. Die Ärztinnen versichern Julia, dass alles medizinisch Mögliche getan werde. Doch sie sieht ja mit eigenen Augen, was von den Räumen ausgeht, in denen sie arbeiten, »von diesem Flur, der einem einhämmert, dass man ein Nichts ist, dass man es nicht wert ist zu leben und noch weniger, auf Kosten der Gesellschaft gepflegt zu werden. […] Natürlich hat niemand das Wort Triage benutzt.«

Ein Jahr, überbietet sie sich selbst.
Ich weine lauter.
Vielleicht zwei.
Das ist ihr letztes Angebot. Und ohne weitere Umschweife beschreibt sie uns die Station für Palliativmedizin.« (Julia Deck, »Die Wahrheit über Ann«)
Der Roman ist ein Zeugnis des enormen Kraftaufwands, des eigenen Energieverlusts und des Gefühls, das sich bei der intensiven Begleitung Sterbender einstellt. Dass die Welt verschwindet und mit ihr das eigene Leben. Julia kann nicht zurück nach Tours in ihre eigene Wohnung, sondern wohnt bei Ann, geht durch ihre Dinge und kümmert sich monatelang um kaum etwas anderes als die Suche nach einem bezahlbaren Pflegeheim. Ihre beruflichen Verpflichtungen kann sie nur noch vereinzelt wahrnehmen. »Als ich »Zürich« auf der Anzeigetafel am Gare de Lyon lese, kommen mir beinahe die Tränen. Die Welt ist nicht ausgelöscht, sie wartet am Ende der Gleisstrecke auf mich.«
»Du bist schon wie Oma«
»Bleib’ doch mal sitzen« sagen Kinder und Mann am Esstisch mit der tadelnden Überheblichkeit derer, die nicht sehen können, was noch fehlt. Weil es nicht ihre Verantwortung ist.
Lena Gorelik würdigt in »Alle meine Mütter« viele Frauenrollen. »Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.«
Manche sind seit Jahrzehnten tot, andere leben noch. Manche sind mit ihr verwandt, andere wohnen in ihrem Umfeld. Lena Gorelik beobachtet Mütter, verändert ihre Namen, tauscht aus, wiederholt Schicksale mit anderen Vorzeichen.

Was sich durchzieht, ist, dass keine Mutter wirklich entspannen kann.
»Ich mache mir Kaffee, richte die Kissen auf der Couch, verkrieche mich unter der Wolldecke, schlage das Buch auf der richtigen Seite auf, blicke mich in der Behaglichkeit um – um gleich wieder aufzuspringen: Habe ich nicht, wollte ich nicht, müsste ich nicht? Ich muss das Haus verlassen, an anderen Orten sein, um zur Ruhe zu kommen.«
Es ist ein Zustand, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt, obwohl »alle sagen, die Kinder seien aus dem Gröbsten heraus, aber Julia weiß nicht, was soll das Gröbste sein?« Bis in die Physiognomie hinein gräbt sich das Erbe der Mutter. »Ich gehe ins Bad, stehe vor dem Spiegel, suche in dem Gesicht, das mir entgegenblickt, dich, deine Züge. Aber alles, was ich sehe, sind wir.«
Und natürlich gehören zum »Hinwachsen« zur eigenen Mutter nicht nur deren Gesichtszüge, sondern auch Ihre Sprache. »Will noch jemand Waffeln?«

Und sonst so?
Andere Titel mit Mütterbezug, die ich dieses Frühjahr schon besprochen habe und die ich wärmstens empfehlen kann:
Nadine Schneider, Das gute Leben. Für Mütter, deren Mütter auch schon bei Quelle bestellt haben.
Betty Boras, Das schönste Leben. Für Mütter, die finden, dass die Schönheitsnormen, denen sie selbst gehorchten, eine Zumutung für ihre Töchter sind.
Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen. Für Mütter, deren langjährige Ehen auch viel Unordentliches enthalten.
Wencke Mühleisen, Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? Für Mütter, die gar nicht daran denken, auf Liebe zu verzichten.
Katrin Seddig, Gedanken zu Turnhallen, für Mütter, die gerne denken und lachen (oder andersrum).

Und die Jungs so?
Nach Muttertag ist vor Vatertag. Verleger Lou Probsthayn hält mit seinem Literatur Quickie Verlag die Grillzange der Männerliteratur hoch. Von ihm selbst ist gerade der Geschichtenband »Junge Männer mit leeren Bierflaschen« erschienen und von Veit Sprenger »Bewegtes« mit dem Titel »Durch die Gärten, sehr weit links«. Muss mit in den Bollerwagen!

Die erwähnten Bücher
- Veit Sprenger: Durch die Gärten, sehr weit links: Bewegtes. Gebundene Ausgabe. 2026. Literatur Quickie. ISBN/EAN: 9783949512568. 20,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Lou A. Probsthayn: Junge Männer mit leeren Bierflaschen: Erzählungen. Gebundene Ausgabe. 2026. Dielmann, Axel. ISBN/EAN: 9783866384989. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Katherina Braschel: Heim holen. Gebundene Ausgabe. 2026. Residenz Verlag. ISBN/EAN: 9783701718153. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Julia Deck; Sina de Malafosse (Übersetzung): Die Wahrheit über Ann: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Nagel & Kimche. ISBN/EAN: 9783312014484. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Lena Gorelik: Alle meine Mütter: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Rowohlt Hardcover. ISBN/EAN: 9783498007621. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Lena Gorelik; Inka Löwendorf (Erzähler): Alle meine Mütter. Audible Hörbuch. 2026. Argon Verlag. 15,95 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige
- Katrin Seddig: Gedanken zu Turnhallen: Essays. Gebundene Ausgabe. 2026. Literatur Quickie. ISBN/EAN: 9783949512551. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Wencke Mühleisen; Ina Kronenberger (Übersetzung): Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Nagel & Kimche. ISBN/EAN: 9783312014736. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Christien Brinkgreve; Lisa Mensing (Übersetzung): Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen. Gebundene Ausgabe. 2026. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446285675. 23,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Nadine Schneider: Das gute Leben. Gebundene Ausgabe. 2026. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103977134. 25,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Betty Boras: Das schönste aller Leben. Gebundene Ausgabe. 2026. hanserblau. ISBN/EAN: 9783446284517. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

