StartseiteBuchkritiken und TippsEin Leben aushalten: »Die Riesinnen« von Hannah Häffner

Ein Leben aushalten: »Die Riesinnen« von Hannah Häffner

Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)
Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)

Eine Familiengeschichte über drei Generationen, die im Schwarzwald spielt. Selbst diese nüchterne Inhaltsangabe lässt Heimatroman und Kuckucksuhren-Klischee befürchten. Doch mit »Die Riesinnen« hat Hannah Häffner ein Buch geschrieben, das erzählerisch und sprachlich weit aus der dominierenden Dutzendware herausragt.

Wittenmoos, »eine Pfütze von einem Dorf«, liegt im Schwarzwald, irgendwo zwischen Freiburg und Stuttgart, vielleicht hinter Triberg und Furtwangen. Wir wissen es nicht, denn die Autorin deutet die Lage nur an. Auf der Landkarte wird man es ohnehin nicht finden, denn Wittenmoos wurde für »Die Riesinnen« erfunden. Es ist der Ort im dunklen Wald, der die drei Protagonistinnen prägt und prägen wird.

Man wird, so ist zu befürchten, in anderen Besprechungen des Buches lange Nacherzählungen der Handlung finden, sodass darauf an dieser Stelle verzichtet werden soll. Die Lebensgeschichten dreier Frauen, dreier Generationen, das ist nicht sonderlich originell, es klingt zunächst wie »für den Markt« geschrieben, und es ist beachtlich, dass die Geschichten der drei für sich genommen vielleicht auch nicht originell sind und originell sein wollen. Daraus dennoch eine ergreifende Geschichte zu machen, das ist die Kunst der Hannah Häffner.

Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)
Buch: Hannah Häffner: Die Riesinnen (Penguin Verlag)

Hannah Häffner wohnt bei Stuttgart, aber nicht auf der »Schwarzwaldseite«, sondern eher östlich, Richtung Remstal. Bislang hat sie Bücher geschrieben, die an der Nord- oder Ostsee spielen.

Die erste Seite der Riesinnen klingt nach Klischee. Ein Unwetter über dem Schwarzwald, das ihn noch dunkler macht. Einheimische, die scheinbar nur einen Nachnamen haben: »der alte Rombach«, »die Frau vom Merzenbecher«. Eine leicht archaische Sprache mit nicht immer zu erwartenden Verben, Wendungen und Bildern. Eine Geschichte, die Anfang der 1960er-Jahre beginnt. Man hat das Gefühl, dass das Erzählte wenig mit dem Leben der Autorin zu tun hat, was hier jedoch als großes Kompliment zu verstehen ist.

Sätze, die aufhorchen lassen: »Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?«

Und dann bricht in diesen Roman, bricht in die erzählte hermetische Dorfwelt, kurz nach Seite 100 die Welt herein. Filbinger. Der Widerstand gegen Wyhl. Die Geschichte findet ihren Anschluss in der Geschichte und wird weitere Ankerpunkte setzen, manchmal durch einen Song und durch Orte weit weg von Wittenmoos.

So sehr die Figuren mit ihrem eigenen Sein ringen und sich immer falsch fühlen, stehen sie doch im Leben, sind wir bei ihnen, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Die Lesenden bleiben Beobachter, da uns die Autorin nicht lenken will. Wir können ihr vertrauen, denn sie wird nie im Gefühlskitsch landen, auch wenn sie manchmal unnötig ausspricht, was uns ihre Figuren längst gezeigt haben. Stellenweise jagen die Dinge schnell vorbei, bleiben Momente des Nicht-Außerzählten, aber das macht die Geschichte stark, wenn man es auszuhalten vermag, so wie die drei Riesinnen ihr Leben.

Wolfgang Tischer

Hannah Häffner: Die Riesinnen. Gebundene Ausgabe. 2026. Penguin Verlag. ISBN/EAN: 9783328604334. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Hannah Häffner: Die Riesinnen. Kindle Ausgabe. 2026. Penguin Verlag. 21,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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