
Die Aufgabe zur 100. Folge des Schreibzeug-Podcasts lautete: »Schreibe einen Text mit genau 100 Wörtern, der mit ›Es fehlen noch 100 …‹ beginnt. Hier sind die vier Gewinnertexte zum Nachlesen, die von Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer in der aktuellen Podcast-Folge ausführlich gewürdigt und vorgelesen werden.
100 Folgen, 100 Wörter – und unbeabsichtigte Drabbles
100 Wörter zur 100. Folge. Ohne es zu wissen, hatten die beiden Podcaster dazu aufgerufen, Drabbles zu schreiben. Denn so heißen die 100-Wörter-Texte offiziell. Wie es zu diesem Namen kam und was die britischen Komiker vom Monty Phytons damit zu tun haben, kann man in diesem Beitrag des literaturcafe.de nachlesen.

Die Aufgabe erforderte sprachliche Präzision und den Mut (oder Wille) zur Verdichtung. Genau 163 Einsendungen erreichten die beiden Podcaster.
📍 Schreibzeug live in Leipzig!
Am Samstag, den 21.03.2026, um 20:00 Uhr, moderieren Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer anlässlich der Leipziger Buchmesse ihren Podcast live aus Leipzig. Und ihr könnt dabei sein!
Veranstaltungsort: Musik & Kosmos, Weißenfelser Str. 52, 04229 Leipzig
Der Eintritt ist frei! Aber die Plätze sind begrenzt – also am besten schnell anmelden:
Wie immer sprechen Diana Hillebrand und Wolfgang Tischer im Podcast allgemein über den Wettbewerb und seine Besonderheiten und Auffälligkeiten. Dann werden die vier Gewinnertexte analysiert und vorgelesen.
Die Statistik des Wettbewerbs
Auf welche Ideen sind die 163 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen? Was fehlte am häufigsten? Wann kam der Großteil der Einsendungen? Aus welchen Ländern kamen Texte? Unsere Galerie zeigt die Daten und Fakten. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Bilder







Die vier prämierten Drabbles
Die vier prämierten Texte zum Thema »Es fehlen noch 100 …« können hier nachgelesen werden. Die Reihenfolge stellt keine Platzierung dar. Alle vier Texte stehen gleichrangig auf Platz 1 der Siegertreppe.
Viel Spaß beim Lesen!
Revision
von Markus Schale
Es fehlen noch 100 Wörter, bis die Wahrheit den Vorgaben der Obrigkeit entspricht. Ich ziehe den Rotstift wie ein Skalpell über das Geständnis des Zeugen. Adjektive der Angst werden gestrichen, Nebensätze des berechtigten Zweifels restlos getilgt. Ein präziser Schnitt im Protokoll genügt, um jegliche Schuldigen in lautlose Statisten zu verwandeln. Ich korrigiere nicht nur Texte, ich begradige die Realität, bis die Geometrie der Lüge keinen Schatten mehr wirft. Ein Punkt kann ein Ende sein oder eine Mauer aus Tinte. Am Ende wird dieses Papier das Opfer unter einer Schicht aus weißer Stille ersticken. Alles ist sauber. Nichts ist jemals geschehen.
© by Markus Schale. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – nicht gestattet.
Lebenstakt
von Sarah Illies
Es fehlen noch 100 Tropfen bis zur Visite. Höchstens. Seit der Morgenpflege zählt sie, wie jeden Tag. Im Liegen lauscht sie dem wässrigen Takt, kaum hörbar zwischen mechanischem Piepen und Surren. Plobb. Schritte auf dem Gang. Plobb. Gedämpfte Stimmen. Plobb. Die Tür scharrt, sie treten ein. Das übliche Skript, sie könnte mitsprechen, wenn sie könnte. Eine neue Stimme ist dabei: »Sie bekommt wirklich gar nichts mit?« Es folgt die übliche Erklärung, zur Hälfte Latein, zu 100 Prozent falsch. Und schon sind sie wieder weg. Ein letzter Satz weht herein: »Schicken Sie den Hausmeister vorbei, dieser Wasserhahn macht mich noch wahnsinnig.«
© by Sarah Illies. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – nicht gestattet.
Wenn der Mond in den alten Bäumen hängt
von Martin Bertschinger
Es fehlen noch 100 Nächte, bis die Stille aufhört, deinen Namen zu tragen. Seit du weg bist sind die Nächte länger als all die Tage und wenn der Mond in den alten Bäumen hängt, das Licht in schmalen Streifen ins Zimmer fällt, hat die Trauer gross und grau einen Namen. Ich hab Erinnerungen als zählt ich tausend Jahr und nicht nur hundert und vielleicht mag nach 37 Tagen das Licht die Oberhand gewinnen, fahle, gelbe Arabesken, die Funken auf den Fussboden schlagen, fein, vergänglich und flüchtig. Am hundertsten Tag mag die Erinnerung leiser sein als der Verlust. 100%, aber sicher.
© by Martin Bertschinger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – nicht gestattet.
Auszug aus dem Leben
von Katharina Schrempf
Es fehlen noch 100 Schritte bis zum Ende meiner Ehe.
Unsere Schuhe klick-klacken auf dem polierten Boden, reihen sich ein in das hektische Gewusel und Geschwätz, folgen scharrenden Koffern und weinenden Kindern. Als hörte er trotz alledem mein klopfendes Herz, krallt sich sein linker Daumennagel fester in mein Handgelenk.
»Wirst du mich vermissen?«
»Aber natürlich.« Ich lächle, denke an den gepackten Koffer, der unter unserem Bett liegt und darauf wartet, für immer aus der Wohnung zu rollen.
»Tut mir leid wegen gestern«, sagt er, die Augen heftig zwinkernd, während sich sein Griff verstärkt.
»Schon gut.«
Es fehlen noch fünfzig Schritte.
© by Katharina Schrempf. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – nicht gestattet.

