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Beitrag vom 29. Mai 2009 | Rubrik: Literarisches Leben

Wut auf Weltbild: Entlassene Mitarbeiter machen ihrem Frust im Web Luft

WeltbildEs begann mit einer kurzen Mitteilung im Online-Branchenmagazin boersenblatt.net. Eine Mitteilung, wie sie in diesen Tagen so oder ähnlich leider oft zu lesen ist: »Das Unternehmen [Weltbild] stellt zum Ende des laufenden Geschäftsjahres am 30. Juni seine 258 Filialen auf ein stärker selbstbedienungsorientiertes Konzept um. Damit werden 322 der 1571 Stellen entfallen, teilte Weltbild mit.«

Erst kürzlich wurde eine Zerschlagung oder gar ein Verkauf der Verlagsgruppe in Erwägung gezogen. An der Augsburger Verlagsgruppe hält die katholische Kirche mit verschiedenen Diözesen einen großen Anteil. Zuletzt war zu lesen, dass am Stammsitz Augsburg bis zu 60 Stellen »auf der Kippe« stünden.

Die weitaus größere Entlassungswelle in den Filialen blieb jedoch nicht unkommentiert, und seit gestern machen sich offenbar viele Filialangestellte und Entlassene in den Kommentaren auf boersenblatt.net Luft. Und da geht es richtig zur Sache.

Über 100 Kommentare zum Artikel gingen an nicht einmal einem Tag ein, fast alle davon anonym. Und daher wird dort ohne Rücksicht auf die Öffentlichkeitswirkung über den Konzern und die Geschäftsleitung hergezogen. Es wird festgestellt, dass in der »Riege der Geschäftsführung natürlich alle in ihren Sesseln sitzen bleiben«.

Eine Mitarbeiterin berichtet, wie sie die Kündigung völlig unvermittelt getroffen hat: »Ich bin seit August 2000 bei Weltbild beschäftigt. Unser Team ist einfach klasse. Am Mittwoch, 27.05.09 hatte ich frei. 9 Uhr klingelte der Postmann an meiner Tür. Ein grosser Brief für mich, bedriebsbedingte Kündigung! Wie aus heiteren Himmel! Ohne das vorher auch nur andeutungsweise einmal mit mir gesprochen wurde. So sieht der Umgang mit langjährigen
Mitarbeitern, die immer fürs Unternehmen da waren, und sagt eigentlich alles über den moralischen Zustand der Chefetage aus!!«

Für wieder andere kamen die Kündigungen nicht ganz unerwartet, von »roten Zahlen in den Monatsstatistiken« ist da zu lesen, an denen man sehen konnte, dass in vielen Filialen nicht mehr alles beim Besten war.

Die Kommentare lassen erkennen, dass der aufgestaute Frust der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter groß ist. Einige Kommentatoren geben zu bedenken, dass nicht 322, sondern 640 Mitarbeitern gekündigt wurde, da einige auch Änderungskündigungen mit einer deutlich reduzierten Arbeitszeit erhalten hätten. Einige Kommentatoren wissen daher nicht, wie sie künftig den Filialbetrieb aufrecht erhalten wollen: »Es ist der reinste Wahnsinn, ich arbeite noch, habe leider keine Kündigung bekommen und werde voraussichtlich im Juli alleine arbeiten, da es keinen anderen Mitarbeiter in unserer Filiale gibt!!!! Mein Vorgesetzter weiß auch keine Lösung, sagt aber: Der Laden muß geöffnet sein, egal wie.« Zum Problem wird da offenbar auch, dass einige Filialen keine Toilette haben.

Man erfährt von Kleiderordnungen, von Zeiterfassungsaktionen, bei denen die Mitarbeiter aufschreiben mussten, wie viel Zeit sie »zum Disponieren, Telefonieren oder für individuelle Kundenberatung« brauchen. Mit solchen Auswertungen – so der Kommentator – habe man sich das eigene Grab geschaufelt. Selbstbedienung statt Kundenberatung.

Was jedoch neben der Wut auf die Geschäftsführung, die nach Meinung eines Kommentators »ohne Branchenkenntnis agiert«, auch deutlich wird: Viele Mitarbeiter haben immer gerne bei Weltbild gearbeitet: »Es kam immer noch verdammt nah an meinen Traumjob ran!!«, ist in einem Kommentar zu lesen.

Überhaupt nahm offenbar bislang die kompetente Kundenberatung einen hohen Stellenwert ein: »Kunde vor Kiste!« lautete nach Angaben eines Kommentators die Devise.

Das freilich läuft einem »selbstbedienungsorientiertes Konzept«, wie es Weltbild nun umsetzen will, diametral entgegen.

»Das ist doch kein neues Verkaufskonzept, sondern lediglich blinder und irregeleiteter Aktionismus!«, meint daher eine Kommentatorin mit dem Pseudonym »zum teil betroffene«.

Plötzlich erhalten die Betroffenen einen Ort zur anonymen Diskussion

Der Börsenblatt-Artikel und die daraufhin eingehenden Kommentare sind ein gutes Beispiel, wie Betroffene im Web plötzlich und unvorhergesehen einen Ort für Austausch und Organisation erhalten, den sie sonst nicht hätten. Da dies anonym erfolgt, wird oft kein Blatt vor den Mund genommen. Für Noch-Beschäftigte und den Ruf des Unternehmens ist dies nicht unbedingt positiv.

»Und ich werde einen Teufel tun, meinen noch verbliebenen Kollegen jetzt Steine in den Weg zu legen, sei es durch krankmachen, Unterschriften gegen Weltbild sammeln oder Kunden mit meinen Privatproblemen belasten! Wer so etwas macht, ist ein Kollegenschwein!!!«, schreibt ein Kommentator zurecht.

Wem nachgewiesen werden kann, dass er einen rufschädigenden Eintrag verfasst hat, dem drohen zivil- oder arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Doch ohne die Anonymität käme oft auch die berechtigte und konstruktive Kritik nicht ans Licht – ein Dilemma.

Bleibt zu hoffen, dass die Weltbild-Führung dieses PR-Desaster nicht für juristische Rundumschläge nutzt oder als unsachlich abtut, sondern aus den schonungslosenen und offenen Texten die wahren Probleme der Mitarbeiter herausliest. Denn der Konzern ist nur so gut wie seine Mitarbeiter.

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Micha Stein schrieb am 15. Juli 2009 um 00:59 Uhr

    Ich finde es gut und richtig, daß ihr auf eurer Seite über die Massenentlassungen bei Weltbild berichtet. Nur sollte euch auch klar sein, daß “Jokers Restseller” zu 100 Prozent Weltbild gehört. Einer eurer Links auf der linken Seite führt direkt dorthin. Bei uns tobt jetzt der gleiche Wahnsinn wie bei den Kollegen von Weltbild Plus. Ich arbeite bei Jokers und bei uns stehen jetzt nur noch Aushilfen. Der Kunde soll nicht mehr bedient werden, wenn wir auf Toilette müssen, sollen wir den Laden abschließen. Lachhaft. Innerlich habe ich schon längst gekündigt und schaue den Stellenmarkt sehr genau an.

  2. Frank Bergers schrieb am 18. Juli 2009 um 01:08 Uhr

    Erschreckend finde ich, daß so etwas bei einem Arbeitgeber passiert, bei dem die katholische Kirche ihre Finger mit ihm Spiel hat. Meine Definition von Nächstenliebe und “tue Gutes” etc. sähe definitiv anders aus, aber lassen wir das.
    Was Weltbild und Jokers angeht, wird sich das Ganze wohl eh´bald erledigt haben. Die Kunden werden sich abwenden und sich solidarisch mit den Angestellten erklären. Dann gibt es bald kein Weltbild mehr. Ich für meinen Teil werde bei beiden nicht mehr kaufen.

  3. Anonym schrieb am 22. März 2014 um 20:15 Uhr

    Weltbild ist u.bleibt ein Sauhaufen mit Faulen u.Unmotevierten Mitarbeitern

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