Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 28. November 2008 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online

Statt Heizdecken an Rentner: Heidenreich verkauft Bücher nun im Internet

Elke Heidenreich liest im Internet

Quelle: litCOLONY.de

Jetzt ist sie da, wo nach Meinung vieler die Zukunft ist: im Internet. Nachdem sie beim ZDF wegen allzu garstiger Bemerkungen rausgeworfen wurde, ist Elke Heidenreichs Dauerwerbesendung für Bücher nun im Internet zu finden. Wann immer man will, kann man dort die neueste Folge von »lesen!« mit Tote-Hosen-Sänger Campino abrufen. Man kann vor- und zurückspringen zwischen den einzelnen vorgestellten Titeln und darunter ist sofort der Bestelllink zu finden.

Doch das Ganze ist eher erbärmlich und traurig. Eine Internet-Sendung, die den maroden Charme eines Heizdeckenverkaufs im Landgasthof oder des C-Promi-Auftritts zur Möbelhauseröffnung hat. Groß hatte die Heidenreich angekündigt, sie werde ihre Sendung bald in einem neuen TV-Sender präsentieren, doch nun ist das Ganze zum Werbetrailer für den neuen Internet-Auftritt zur Kölner Buch- und Lesemesse lit.cologne verkommen.

Und alles andere als souverän streut Heidenreich immer wieder plumpe und peinliche Seitenhiebe auf Reich-Ranicki, das schreckliche Fernsehprogramm im Allgemeinen und natürlich gegen das ZDF ein und hofft auf die Reaktion der ihr nachfolgenden Chlaqueure.

Eine verbitterte und gekränkte Frau, die statt in der Kölner Kinderoper ihre ohnehin geplante Sendung nun 1:1 in der Kölner Kneipe »Backes« runterreißt. Und da gerade bei ihrem peinlich stichelnden Eingangsmonolog die Lacher und Reaktionen aus dem Publikum ausbleiben, lässt das darauf schließen, dass dieser nachträglich noch eingefügt wurde.

[sevenload LdGxrOl]

Waren in der ZDF-Version das Heidenreichsche Geschnatter abfangende Kameraschwenks und Zooms zu finden, so unterstreicht im Kneipenrund die nachträglich eingefügte zu schnelle Schnittfolge nur das Runterrasseln von »Supertoll-schönes Buch. Kaufen! Lesen! Weiter! Nächtes!«-Monologen.

Totgeredet wird Campino. Das ist schade, denn wenn dieser Ansätze macht, einmal etwas Substanzielles oder Gegenteiliges zum Buch zu sagen, bekommt er verbal eine übergebraten. Campinos wenige Worte sind die Höhepunkte. Am Schluss drückt sein süffisantes Lächeln zu Roger Willemsens Buch »Der Knacks« mehr aus als Heidenreichs lobhudelnder Wortschwall.

In diesem Umfeld ist es für jede und jeden klar, dass dies nur eine Verkaufsshow ist, die so auch auf der Website von amazon.de oder brigitte.de zu finden sein könnte. Ein liebloses und reflexartiges Bücherloben, das keine Leselust mehr verbreitet, wie dies im ZDF noch der Fall war.

Und am 16. Dezember gibt es die Sondersendung mit letzten Geschenktipps vor Weihnachten.

Und spätestens jetzt ist klar, wo Heidenreichs Sendung am besten hingehört hätte: in den Homeshoppingkanal von RTL.

Wolfgang Tischer

Aufruf: Schreiben Sie einen Gegenartikel! Diese Polemik war nicht dazu gedacht, den Autor zu beschimpfen. Das darf natürlich gemacht werden, doch sind das keine Kommentare, die Sie hier finden werden. Wenn Sie aber Lust haben, eine – gerne genauso polemische und unterhaltsame – Gegenmeinung zu vertreten und uns zu erzählen, warum Frau Heidenreichs Sendung im Web besser aufgehoben ist und was ihre Sendung so besonders macht, dann schicken Sie uns den Text mit Ihrem vollen Namen(!) an die eMail-Adresse der Redaktion (siehe Impressum). Wenn der Artikel unterhaltsam genug ist, veröffentlichen wir ihn gerne.

6 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Brunopolik schrieb am 29. November 2008 um 20:00 Uhr

    Im Internet findet sich das junge und neuerdings auch das Rentner-Publikum als das Publikum der Zukunft. Dort tummelt sich nicht, wer sich abgeschlafft berieseln lassen will – auch mit Werbung -, sondern wer aktiv seine Zeit gestaltet. Mag sein, dass da auch viele sind, die nur Unterhaltung suchen, doch die werden “Spiele” und nicht “Lesen” anklicken.

    Insofern halte ich die Entscheidung von Elke Heidenreich für sehr konsequent und modern. Ob sie jedoch im Internet das Publikum erreicht, woran ihr so liegt, wird sehr von ihr und ihrer Sendung abhängen. Die muss nämlich Qualität haben, so dass sich eine Fangemeinde aufbaut. Da müssten schon andere Bücher vorgestellt werden, als in so mancher vergangenen Sendung. Es muss die Handschrift eines traditionell eigenwilligen Buchhändlers präsent werden, und zwar einer von denen, die inzwischen der Markt mit den Thalias etc. weggefegt hat. Da muss Liebe zum Buch und zur Literatur, von der Lyrik angefangen, eine wichtige Rolle spielen. Dann wird auch die Werbung, die das alles finanziert, nicht schaden. Schließlich ist das Portal eine “Werbesendung” für das Lesen und damit für das Buch. Die erste Sendung im Netz kam wie gewohnt daher, nicht schlechter aber auch nicht besser als im ZDF. Oder vielleicht doch? Wenn aber die werbenden Verlage beginnen, die Auswahl zu treffen, wird der Star-Bonus schnell verfliegen und das Portal ein Flop werden.

    Ich wünsche Elke Heidenreich diese glückliche Hand. Es ist ein Spagat, den sie versucht. Sie könnte viel zur Qualifizierung des Internets und damit unserer sich ständig verändernden Kultur beitragen. Ihr Erfolg wird andere nachziehen, so dass die Mächtigen des Fernsehens aufwachen oder sich langsam verabschieden müssen – zumindest bei denen, die noch immer lesen. Die Zahl der Neuerscheinungen mit ihren stolzen Auflagen und vor allem die vielen kleinen jungen Verlage mit Miniauflagen lassen hoffen.

  2. Cornelia Lotter schrieb am 30. November 2008 um 10:44 Uhr

    Ich fand E.H. und die ganze Veranstaltung (einschl. des mickrigen Publikums) ärmlich. Sie machte auf mich den Eindruck eines im Moor Ertrinkenden, der sich retten will, wild um sich schlägt und doch nur immer mehr untergeht. Dass es eine so intelligente Frau nötig zu haben meint, mit diesen primitiven Rundumschlägen Punkte zu machen (bei mir eindeutig Minuspunkte), erschreckt. Das Format und die Darreichungsform weist eindeutig – wie Wolfgang Tischer schon festgestellt hat – in Richtung Homeshopping. Und dann noch diese eitlen Selbstbeweihräucherungen und fishing for compliments (“wie alt ist Tantchen?”) – einfach widerlich!!!

    findet C.L.

  3. Frank Rawel schrieb am 5. Dezember 2008 um 13:36 Uhr

    Frau Heidenreich dient das Internet leider nur als notdürftige Fortsetzung des Fernsehens. Lieber grob gepixelt als ganz weg vom Fenster, denkt sie.
    Schade, dass sie die speziellen Rezeptionsbedingungen des Internets offenbar überhaupt nicht interessieren. Hauptsache, es sieht von weitem aus wie ZDF.
    Müsste man Buchempfehlungen (Kritiken erst recht, aber damit hat sie es ja nicht) im Netz visuell nicht ganz anders aufbereiten denn als Guckloch in eine Kölner Kneipe?

  4. Doris Schweitzer schrieb am 20. Dezember 2008 um 13:40 Uhr

    Ich befürchte, dass Elke Heidenreich mit ihrem Internetauftritt die Personengruppe, die sie zu Beginn ihrer Sendung im ZDF zum Lesen bringen wollte, nicht erreichen wird. Besagte Personengruppe ist eher selten im Internet unterwegs und wenn dann bestimmt nicht auf Literaturportalen. Zudem muss man danach schon sehr gezielt suchen, ich habe von lit.colony per Zufall durch eine kleine Randnotiz in der Regionalpresse erfahren. Ich wünsche Elke Heidenreich dennoch, dass zumindest einige ihrer treuen Zuschauer sie im Internet wieder finden.

  5. Andrea schrieb am 27. Dezember 2008 um 10:02 Uhr

    Schade, dass Frau Heidenreich mit dem neuen Format wenig wohlwollend aufgenommen wird.
    Nachdem ich schon auf eine Mitteilung wie und wo es weitergeht gewartet hatte, habe ich mit Spannung “reingeklickt”.
    Mich haben die vorgestellten Bücher sehr interessiert und Campino hat mir noch besser gefallen – aber ich gebe meinem Vorredner in einem Punkt recht, Elke Heidenreich sollte ihre Gäste hin und wieder ausreden lassen.

  6. Martina Adam schrieb am 12. Januar 2009 um 16:07 Uhr

    Die Menschen sind in der Regel Voyeure. Es interessiert sie nicht was ihnen empfohlen wird. Es interessiert nur von wem und wo.Nach dem Motto: “was macht sie jetzt in dieser Situation” dies ist spannend und dabei kann man dann vortrefflich lästern. Wenn also Frau Heidenreich die gleichen Bücher im ZDF empfohlen hätte, dann wäre einige dieser schwachsinnigen Kommentare nicht zustande gekommen.Das Internet ist nicht schön aber real, genau wie das FERNSEHEN.In sehr naher Zukunft wird es da eh keinen Unterschied mehr geben, ob es uns gefällt oder nicht. Wer keinen Internetanschluss hat, wird bald auch nichts mehr einkaufen können, jedoch wer will sich mit diesen harten Realitäten schon auseinandersetzen? Warum wurde Herr Obama gewählt? Denken sie mal nach. Es wird Zeit.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Lesen! im Internet « Federwerk verlinkte am 28. November 2008 um 20:10 Uhr

    […] Der Abgesang auf Literaturcafe.de: Statt Heizdecken an Rentner: Heidenreich verkauft Bücher im Internet« […]

  2. Fernsehen mit Elke « Turmsegler verlinkte am 30. November 2008 um 10:51 Uhr

    […] Arbeitgeber geredet. Das Ergebnis: Das ZDF ist nunmehr ihr »gewesener Arbeitgeber«. Über das »Literaturcafé« erfahre ich nun, das Elke Heidenreich ihre Sendung »Lesen!« künftig nicht mehr im Fernsehen, […]