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Beitrag vom 23. April 2008 | Rubrik: Literarisches Leben, Zuschussverlage

Für einen fairen Umgang zwischen Verlag und Autor – Autorenverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz veröffentlichen gemeinsame Erklärung

FAIRLAG - Aktionsbündnis für faire VerlageMit einer sogenannten »Fairlag-Erklärung« haben sich heute namhafte Autorenverbände und andere Institutionen des Literaturbetriebs aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an die Öffentlichkeit gewandt. Die Unterzeichner, die sich zu einem »Aktionsbündnis für faire Verlage« zusammengeschlossen haben, wenden sich in dem am Welttag des Buches (23. April 2008) veröffentlichten Text insbesondere gegen die schwarzen Schafe der sogenannten »Zuschussverlage«. Bei »Zuschussverlagen« ist die Zahlungsbereitschaft des Autors das ausschlaggebende Kriterium für die Veröffentlichung. Diese »Verlage« kehren das Verlagsprinzip somit um, indem sie keinerlei finanzielles Risiko tragen.

Besonders junge und unerfahrene Autoren werden nach Meinung der Autorenverbände von den unseriösen Unternehmen der Branche über »die Gefahren derartiger Publikationen auch nicht aufgeklärt«. So werde den Autoren aufgrund ihrer »erkauften Veröffentlichung« oft die Chance genommen, auf dem Literaturmarkt und bei anderen Verlagen Fuß zu fassen. Außerdem gingen einige der »Verlage« juristisch oder durch Diffamierungen vehement gegen Kritiker vor.

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung der »Fairlag-Erklärung« drohte einer der »Dienstleisterverlage«, wie sich die Branche oft selbst bezeichnet, mit juristischen Schritten und warf selbst den honorigen Unterzeichnern der Erklärung wie dem Verband deutscher Schriftsteller in ver.di (VS) oder dem Deutschschweizer PEN Zentrum vor, sie würden sich in den »geistigen Strom der Autorenverfolgung der Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus« stellen.

Harte Worte, die nach Meinung von Beobachtern die Aussagen der »Fairlag-Erklärung« jedoch eher bekräftigen und auf die Verlagsgruppe selbst zurückfallen könnten, da sich die Erklärung u. a. genau gegen einen solchen Umgang mit Kritikern richte, der alles andere als fair und demokratisch sei. Die so heftig reagierende Verlagsgruppe wird in der Erklärung indes namentlich gar nicht erwähnt.

Überhaupt betonen die Unterzeichner in ihrer Erklärung ausdrücklich, dass »nicht jeder Verlag, der mit Zuschüssen publiziert, schon ein Druckkostenzuschussverlag bzw. Selbstzahlerverlag im Sinne der in dieser Erklärung beschriebenen Verlagstätigkeiten« sei, und dass es ihnen nicht darum gehe, »die unterschiedlichen Buchfinanzierungsmodelle auf ihre moralische Vertretbarkeit hin zu überprüfen«. Schon gar nicht sollen die dort veröffentlichenden Autoren diskriminiert werden, denn der Autor eines Zuschussverlags sei dadurch »noch lange kein schlechter Autor«.

Weitere Informationen sind auf der Website des »Aktionsbündnis für faire Verlage« zu finden. Dort können sich zudem weitere Unterstützer der Erklärung anschließen. Mittlerweile zählt dazu auch die SPD-Bundestagsfraktion.

Die »Fairlag-Erklärung« im Wortlaut

Damit sich jeder selbst ein Bild vom Inhalt der Erklärung machen kann, veröffentlichen wir hier die vollständige und ungekürzte Fassung im Wortlaut:

Fairlag-Erklärung

deutscher, österreichischer und schweizerischer Autorenverbände

23. April 2008

Und alles selbst bezahlt!
Gefahren einer Veröffentlichung in sogenannten Druckkostenzuschussverlagen/Selbstzahlerverlagen bzw. Pseudoverlagen

Mit großer Besorgnis über die unlauteren Praktiken von Verlagen, deren Verlagstätigkeit auf der Finanzierung ihrer Verlagsprodukte durch die von ihnen verlegten Autorinnen und Autoren beruht, und über die damit einhergehenden Auswirkungen weit über deren eigenes unmittelbares Tätigkeitsfeld hinaus, wenden sich die unterzeichnenden Autorenverbände und literarischen Einrichtungen mit dieser gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit.

Immer öfter sehen sich Autoren-Interessenvertretungen mit Problemen konfrontiert, die aus der Zusammenarbeit von Autoren mit den in Deutschland als »Druckkostenzuschussverlage« bezeichneten, in Österreich und der Schweiz als »Selbstzahlerverlage« bekannten Verlagen entstehen, die gegenüber ihren Autoren gerne als »Dienstleister« bzw. Verlage im üblichen Sinn auftreten und ihre von den Autoren selbst zu bezahlenden Dienstleistungen oft als branchenübliche Verlagsarbeit darstellen.

Zudem geht von solchen Verlagen, die im Angelsächsischen »Vanity Press« (Eitelkeitsverlage) genannt werden, die große Gefahr der Aufweichung rechtlicher und qualitativer Standards aus. Denn die übliche Risikoteilung (für den Autor bei der Verfassung des Manuskripts, für den Verlag bei der Herstellung des Buchs und dessen Vertrieb und Bewerbung) gilt für sie nicht und die Zahlungsfähigkeit ihrer Autoren stellt das einzige Qualitätskriterium für das Zustandekommen ihrer Verlagsprogramme dar. Schlechte oder fehlende Lektoratsarbeit ist häufig zu beklagen. Für die Zahlung der geforderten Summen bieten die Verlage ihren Autoren oftmals nur ungenügende Gegenleistungen: Manuskripte werden gar nicht oder nur mangelhaft lektoriert, Gestaltung und Aufmachung der publizierten Werke sind unzu­länglich, der Einsatz für ihren Vertrieb ist häufig praktisch gleich null.

Entsprechend wird der Ruf dieser Verlage eingeschätzt:

»Nicht nur in Fachkreisen gilt es als unseriös, einen Zuschussverlag zu betreiben, in welchem die Autoren selbst die Erstellung ihrer eigenen Bücher bezahlen müssen« (LG Stuttgart, Az. 17 O 338/06).

Dessen ungeachtet werden junge und unerfahrene Autoren durch solche Verlage zu kostenpflichtigen Veröffentlichungen angeworben, für die bis zu fünfstellige Eurobeträge verlangt werden. Es soll ihnen nicht nur der Traum von einem schnellen Erfolg am Buchmarkt »ermöglicht« werden, sondern es wird ihnen zugleich viel Geld für ein äußerst fragwürdiges Projekt abverlangt. Selbst durch einen Online-Gedichte-Generator erzeugte Manuskripte (vgl. ZDF-Sendung WISO vom 19. Dezember 2006) wurden bereits angenommen, als »eindeutig empfehlenswert« (unter Beilegung des Kostenangebots) eingestuft und zur Veröffentlichung empfohlen. Autoren wird aufgrund ihrer »erkauften Veröffentlichung« oft die Chance genommen, auf dem Literaturmarkt und bei anderen Verlagen Fuß zu fassen. Sie sehen sich jeder Möglichkeit enthoben, ein eigenständiges literarisches Renommee zu entwickeln und sind aufgrund solcher Veröffent­lichungen von manchen seriösen Literaturwettbewerben und Förderungsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Als Neulingen in der Literaturbranche sind sich viele der in solchen Verlagen publizierenden Autoren der Auswirkungen einer derartigen Publikation nicht bewusst. Wie selbstverständlich werden sie von den Verlagen, in denen ihre eigenfinanzierten Bücher erscheinen, über die Gefahren derartiger Publikationen auch nicht aufgeklärt. Die Unterzeichner, denen als Interessenvertreter von Autoren der Schutz von jungen und unerfahrenen Autoren nicht weniger wichtig ist als der ihrer etablierten Kollegen, sehen es als ihre Pflicht an, gegen diese Geschäftspraktiken unmissverständlich Stellung zu beziehen und junge und unerfahrene Autoren und die Öffentlichkeit auf diese Gefahren hinzuweisen. Dabei weisen die Unterzeichner darauf hin, dass eine Veröffentlichung in einem Druckkostenzuschussverlage völlig unabhängig von der literarischen Qualität der Publikation zu sehen ist. Es geht also darum, dass ein Autor, der nicht bei einem renommierten Publikumsverlag angenommen wird und deshalb in Kauf nimmt seine eigene Publikation zu bezuschussen, noch lange kein schlechter Autor ist. Allerdings machen sich die von uns kritisierten Verlage den Veröffentlichungswunsch eines Autors willkürlich zu Nutzen. Dies stößt auf unmissverständliche Kritik.

In einem auch auf diesem Sektor zunehmend umkämpften »Markt« haben neue Technologien, insbesondere die digitalen Dienstleistungsmöglichkeiten (Print on demand, Electronic Publishing) in den vergangenen Jahren zu verstärkten Werbeaktivitäten der Druckkostenzuschussverlage bzw. Selbstzahlerverlage geführt. Die Unterzeichner stellen deren sehr zielbewusstes Werben in renommierten Tageszeitungen und auf Buchmessen um Autoren fest. Im Internet sind ihre Anzeigen auf den verschiedensten Foren, auf Websites und sogar bei Mailboxprovidern kaum zu übersehen. Kritische Äußerungen über sie werden häufig nicht selten sofort mit juristischen Abmahnungen, Klagen, Einstweiligen Verfügungen bis hin zu Bestrafungsanträgen verfolgt.

Einschüchterung von Autorenverbänden, Verlagen und Schriftstellern

Wenngleich die Klagebegehren oft abgewiesen werden bzw. nicht erfolgreich sind, gehen mit ihnen nicht nur Arbeitsbelastungen einher, sondern sollen auch Autorenverbände, Verlage und Schriftsteller, die sich kritisch zu den Praktiken von Selbstzahlerverlagen bzw. Druckkostenzuschussverlagen äußern, eingeschüchtert werden. Es werden nicht selten Ängste um die Existenz von sich betrogen fühlenden Betroffenen bzw. Kritikern geschürt. In Einzelfällen haben heimliche Telefonaufzeichnungen und fingierte Anfragen Kritiker an den Rand des finanziellen Ruins getrieben bzw. »mundtot« gemacht. Die Unterzeichner wenden sich entschieden gegen diese Einschüchterungstaktiken, die nach dezidierter Auffassung der Unterzeichner mit den Grundregeln des demokratischen Zusammenlebens unvereinbar sind.

Kritische Berichte in Internet-Verbraucherforen (sogenannte kommerzielle Verbraucher-Communities) werden nicht nur (im harmloseren Fall) durch Pseudo-User abgewertet, sondern oft durch Anwälte angegriffen. In diesem Fall geben die Forenbetreiber meist klein bei und sperren die Berichte. Dadurch wird eine öffentliche Auseinandersetzung selbst im Internet wirksam unterbunden. Die als »Bauernfängerei« (ZDF) und »unlautere Machenschaften« (FAZ) bezeichneten Geschäftspraktiken mancher Unternehmen sind jungen und unerfahrenen Autoren nicht sofort ersichtlich und eine Aufklärung wird auf diese Weise verhindert.

Indes werden junge Autoren sogar mit Gratis-Buchbänden versorgt, die aus der Irreführung von arrivierten Schriftstellern (»Unlautere Machenschaften«, FAZ vom 28. April 1999), die dafür Beiträge zur Verfügung gestellt haben, herrühren. Die Unterzeichner kritisieren bereits seit vielen Jahren, dass sich die betreffenden Verlage zum Teil mit sehr renommierten Namen schmücken und in einzelnen Fällen sogar die Ansiedlung in die örtliche Nähe zu bedeutenden Literaturinstitutionen für ihre Zwecke nutzen. Auch mit täuschend ähnlichen Emblemen etwa zu renommierten Verlagen und vergleichbaren Mitteln wird an die Verdienste namhafter Literaten und Verlage sowie an große Traditionen und bekannte Namen angeknüpft – um »neue« Autoren anzuwerben.

Fruchtbares Umfeld

Noch problematischer stellt sich die Situation dar, wenn dazu ein organisatorisches Umfeld geschaffen worden ist (vgl. Landgericht Frankfurt am Main vom 17. Mai 2005, Az: 2-03 O 730/04), in dem jungen und unerfahrenen Autoren die kostenpflichtige Veröffentlichung in solchen Verlagen empfohlen wird. Ähnlich funktioniert ein sogenanntes »freies Portal für Autoren« im Internet, auf dem für selbstfinanziertes Publizieren in diesen Verlagen geworben wird, das aber dem Inhaber der beworbenen Verlage selbst gehört. Ferner fällt es Neulingen im Literaturbetrieb naturgemäß schwer zu beurteilen, welche Absichten hinter einem angeblich unabhängigen Schriftstellerverein stehen, der in großen Tages- und Wochenzeitungen Anzeigen schaltet und kostenlose Beratungen in Urheberrechts- und Vertragsfragen anbietet, der jedoch über kaum Mitglieder im Vergleich zu etablierten Autorenverbänden verfügt.

Druckkostenzuschussverlage/Selbstzahlerverlage und im besonderen Pseudoverlage kehren das Verlagsprinzip um. Die Unterzeichner verwahren sich ausdrücklich gegen Behauptungen, selbst Dichterfürsten und bekannte Schriftsteller hätten einst ihre Erstlingswerke selbst finanziert. Soweit dies überhaupt der Fall war, täuscht diese Ansicht über die von Autoren und Autorenverbänden in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten hart erkämpften Rechtsnormen und Mindeststandards hinweg. »Verlegen« kommt von »Vorlegen«. Wer etwas schreibt, hat es verdient, Geld dafür zu bekommen, und nicht, dafür zahlen zu müssen.

Die Unterzeichner betonen, dass nicht jeder Verlag, der mit Zuschüssen publiziert, schon ein Druckkostenzuschussverlag bzw. Selbstzahlerverlag im Sinne der in dieser Erklärung beschriebenen Verlagstätigkeiten ist, und dass es ihnen nicht darum geht, die unterschiedlichen Buchfinanzierungsmodelle auf ihre moralische Vertretbarkeit hin zu überprüfen.

Sie sehen es jedoch als ihre Pflicht an, junge und unerfahrene Autoren auf die Problematik der Folgen für ihre beabsichtigte und/oder weitere schriftstellerische Tätigkeit und die breite Öffentlichkeit auf die problematische Qualität der Verlagsprodukte aus Druckkostenzuschuss- bzw. Selbstzahlerverlagen aufmerksam zu machen.

Die Unterzeichner können nur ausdrücklich davor warnen, für Buchpublikationen bei solchen Verlagen Geld auszugeben. Das Verhältnis der Autoren zu ihren Verlegern und Lesern, die Errungenschaften von Autoren- und Verlagsrechten sowie von professioneller Verlagsarbeit und qualifizierten Produkten dürfen nicht durch Spekulationen dieser Verlage, die auf der Unerfahrenheit ihrer Autoren beruhen, von solchen Unternehmen aus den Angeln gehoben werden.

Unterzeichner am 23. April 2008

42erAutoren e.V.

AdS Autorinnen und Autoren der Schweiz

Autorenforum Spruchreif

Autorinnenvereinigung e.V.

Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. (BVjA)

Deutsch-Schweizer PEN-Zentrum

Fördererkreis deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen e.V.

Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V.

Freier Deutscher Autorenverband – Landesverband Baden-Württemberg

IG Autoren Autorinnen (IGAA)

Das literaturcafe.de

Die Kogge – Europäische Autorenvereinigung Minden e.V.

LesArt e.V.

Lese-Zeichen e.V.
Förderverein des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Landesverband Thüringen

Montségur Autorenforum

Mundartgesellschaft Württemberg

Quo Vadis – Arbeitskreis Historischer Roman

Salzburger Autorengruppe

Syndikat – Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur

Übersetzergemeinschaft – Austrian Association of Literary and Scientific Translators

Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di

Werkkreis Literatur der Arbeitswelt e.V.

Wir schließen uns diesen Unterzeichnern an

Bremer Literaturkontor

Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V.

Fehrs-Gilde
Gesellschaft für niederdeutsche Sprachpflege, Literatur und Sprachpolitik e.V.

Gesellschaft für Literatur in Nordrhein-Westfalen e.V.

Frank Wedekind-Gesellschaft e.V.

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Johannes-Bobrowski-Gesellschaft e.V.

jugendstil – Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW
Träger: Landesarbeitsgemeinschaft Jugend und Literatur NRW e.V.

Literarische Gesellschaft e. V.

Literaturbüro Freiburg – Literatur Forum Südwest e.V.

Literaturhaus Berlin

Literaturhaus Salzburg

Literaturhaus Wien – Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur

Literaturwerkstatt Berlin

Westfälisches Literaturbüro in Unna e.V.

Links im Netz:

Die Website des »Aktionsbündnis für faire Verlage«

Hinweis:

Da die oben erwähnte Verlagsgruppe bereits Website-Betreiber aufgrund kritischer Meinungsäußerungen in den Nutzerkommentaren abgemahnt hat, wollen wir uns diesem Risiko nicht aussetzen, sodass wir die Kommentare für diesen Beitrag leider geschlossen lassen müssen.

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