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Beitrag vom 12. Oktober 2016 | Rubrik: E-Books

Bücher-Studie: Beratung im Buchhandel immer weniger genutzt

Ganz wichtig: Laut Presseverordnung müssen Berichte über E-Books müssen immer mit einem Symbolbild versehen sein, bei dem ein total veraltetes Gerät aus einem Buchregal gezogen wird.

Ganz wichtig: Laut Presseverordnung müssen Berichte über E-Books immer mit einem Symbolbild versehen sein, bei dem ein total veraltetes Gerät aus einem Buchregal gezogen wird

Der Verband der Digitalbranche Bitkom hat seine jährliche Buch- und E-Book-Studie veröffentlicht. Jeder Vierte liest demnach Bücher auch in der Digitalform, was in etwa dem Vorjahreswert entspricht. Klar, dass sich ein Digitalverband wünscht, dass das mehr werden. Aber warum eigentlich?

Eine andere Zahl der Studie belegt, dass die individuell beratende Buchhändlerin immer mehr zu einer Legende wird. Weitaus mehr Menschen vertrauen lieber der automatisch generierten Empfehlung im Internet.

Nur 16% der Leser lassen sich im Buchhandel inspirieren

Auf der einen Seite die anonyme und »kalte« Empfehlung durch die Maschine, die sich auf Zahlen und Käuferprofile stützt und andererseits die nette freundliche Buchhändlerin, die ihre Kundin persönlich kennt und immer das passende Buch aus dem Regal zieht und großartige Tipps hat. Letzteres scheint immer mehr zum Wunschdenken des Buchhandels und zur Legende zu werden. Tatsächlich setzen laut der Bitkom-Bücherstudie 2016 nur noch 16 Prozent der befragten Buchleser auf den persönlichen Tipp des Fachpersonals. Vor drei Jahren waren es mit 29 Prozent fast doppelt so viele gewesen. 38 Prozent der Buchleser lassen sich hingegen aktuell von automatisch generierten Vorschlägen in den Online-Shops zum Buchkauf animieren (»Kunden, die x kauften, kauften auch y«). Selbst vor drei Jahren folgten bereits 27 Prozent der Computerstimme. Die Stimme der Buchhändlerin verliert deutlich an Wert.

55% erhalten Kauf- und Lektüretipps im Internet

Ganz allgemein steht das »Stöbern im Internet« mittlerweile ganz oben auf der Inspirationsskala für den Buchkauf. 55 Prozent der Leser erhalten so ihre Lese- und Kaufimpulse. 18 Prozent finden Vorschläge über die sozialen Netzwerke.

Da Mehrfachnennungen möglich waren, steht mit 74 Prozent immer noch die Lektüreempfehlung von Freunden oder der Familie an erster Stelle. Inwieweit sich diese persönliche Empfehlung mit den 18 Prozent via Facebook & Co überschneidet, geht aus den vom Bitkom genannten Zahlen nicht hervor.

Insgesamt wurden 2.171 Personen ab 14 Jahren zu ihrem Buchkauf- und Leseverhalten befragt. Darunter waren 511 E-Book-Leser, auf die sich die Bitkom-Zahlen zum elektronischen Leseverhalten stützen. Mit einem Anteil von rund einem Viertel blieb dieser Anteil gegenüber dem Vorjahr gleich, das elektronische Buch konnte also aktuell keinen Zuwachs an Lesern verzeichnen.

Was ist überhaupt ein E-Book?

Leider erwähnt der Bitkom in seinen Meldungen nie, wie von ihm der Begriff »E-Book« definiert wird und mit welchem Wortlaut die Befragten angesprochen werden. Daher ist der Anteil der Leser, die auf Desktop-Computern oder Notebooks lesen, immer relativ hoch, da anscheinend viele auch PDF-Dateien als E-Book ansehen. Im letzten Jahr lag der Anteil der »Computerleser« bei 41 Prozent. In diesem Jahr liegen mit 56 Prozent tatsächlich die E-Reader vorn, also die reinen Lesegeräte wie Kindle Paperwhite und Tolino. 41 Prozent lesen E-Books auf dem Smartphone und 24 Prozent auf einem Tablet-Computer. Hier waren natürlich Mehrfachnennungen möglich. 23 Prozent der E-Book-Nutzer lesen ihre Texte auf mehreren Geräten.

Kunden fordern weniger Steuern auf Bücher, Steuerberater hingegen mehr

85 Prozent der E-Book-Leser sind scheinbar in Steuerfragen sehr bewandert und fordern eine Reduzierung bzw. Anpassung des E-Book-Steuersatzes von derzeit 19% an den ermäßigten Satz der Papierbücher von 7%. Erstaunlicherweise forderte der Verband der Steuerberater vor wenigen Tagen gerade Gegenteiliges: Um den Arbeitsalltag der Steuerfachkräfte zu erleichtern, solle der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Bücher ganz abgeschafft werden.

Bei den 85 Prozent der E-Book-Leser, die eine Reduzierung fordern, schwingt offenbar die naive Hoffnung mit, die Digitalbücher wären dann günstiger zu haben. Sollte es zur Anpassung kommen, dürfte klar sein, dass die 12 Prozentpunkte Unterschied von den Verlagen einbehalten werden.

»Nach Einschätzung des Bitkom braucht der Markt für E-Books neue Impulse. Die Verlage haben schon viel für die Verbreitung digitaler Bücher getan. Trotzdem ist die Schwelle für viele Leser immer noch groß, dieses Medium auszuprobieren«, sagt der Bitkom-Verband und fordert, dass die Verlage für den Fall des Falles die 12 Prozentpunkte eben nicht für sich einstreichen, sondern den Preisvorteil an die Käufer weitergeben.

Seltsamerweise fordert der Bitkom am Schluss seiner Meldung, dass die Verlage das, was man E-Book nennt, besser ganz abschaffen sollte, um diese durch Apps und Websites zu ersetzen. »Wenn am Ende kein einfaches E-Book, sondern eine benutzerfreundliche, interaktive App oder Webanwendung steht, werden sich dafür erst Recht Käufer finden.«

Eine kühne These, so als wären interaktive Apps, Kinofilme oder Videospiele nicht schon längst erfunden worden.

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4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. rowi schrieb am 12. Oktober 2016 um 11:31 Uhr

    Ich persönlich habe vor etwa 15 Jahren dem stationären Buchhandel den Rücken gekehrt. Schuld daran war nicht Amazon bzw. das Interent, sondern die großen Ketten, die alle kleinen Buchhandlungen geschluckt oder verdrängt haben.
    Bei Talia und Co. besteht der Laden zu 90% aus Schnelldrehern, die in den Bestsellerlisten stehen und wenn man ein Buch “im Stil von” oder “ähnlich wie” sucht werden einem andere Bucher des selben Autors vorgeschlagen.
    Dafür brauche ich keinen Laden, der Preis ist überall gleich und da sind Bewertungen/Blogs usw. online wirklich hilfreicher.
    Es gibt noch die eher kleineren Buchhandlungen mit echter Beratung, aber die muss man suchen und sie wurden schon vor dem Internet durch die großen Ketten verdrängt. Mittlerweile ist es für sie daher auch doppelt schwer zu bestehen.
    Ich selbst lese allerdings fast nur noch als eBook, da es praktischer ist und es mir auf den Inhalt ankommt und nicht auf die Verpackung.

  2. P.A. schrieb am 12. Oktober 2016 um 13:43 Uhr

    Woher soll die nette, freundliche Buchhändlerin auch meinen Lesegeschmack kennen? Google und Amazon hingegen wissen alles mich… *fürcht*

  3. Andreas Beitinger schrieb am 13. Oktober 2016 um 09:10 Uhr

    Mag ja sein, dass es die tollen, kompetenten Buchhändler irgendwo mal gab oder auch vereinzelt noch gibt, aber die waren immer schon die Ausnahme. Hierzu die Anekdote von meinem Vater, der ca. 1970 bei einem kleinen Buchhändler fragte, ob der eine Ausgabe von “Robinson Crusoe” vorrätig habe. “Nein, leider nicht”, antwortete der Mann mit betrübtem Gesichtsausdruck. “Aber ich hätte hier ein sehr schönes Hundebuch!”

    Was es nach wie vor gibt, sind die “Papiergeruchs-Romantiker” unter den Lesern (die gar nicht merken, wie sehr sie damit die Form über den Inhalt stellen). Über sie wird man eines Tages schmunzeln. Meine Erfahrung: Wenn man den Leuten exemplarisch vorrechnet, wie die Preise für gedruckte Bücher sich zusammensetzen (also wieviel Prozent bei Händler, Großhändler und Druckerei hängen bleiben, und wie wenig Verlag und Autor abbekommen) und das dann der Kalkulation eines E-Books gegenüberstellt, wachen doch viele auf und erkennen, wie ineffizient das gedruckte Buch ist. Zusammen mit der Umweltbelastung durch die Papierproduktion sind das schon starke Argumente fürs E-Book.

    Dass man von den Kostenvorteilen der E-Books noch so wenig merkt, kommt daher, dass die Verlange eine absurde Preispolitik betreiben: 80 % des Preises der gedruckten Ausgabe für ein E-Book sind ein schlechter Witz (und die höhere MWSt in dem Zusammenhand nur eine Ausrede). Ich weiß nicht genau, was dahintersteckt; es könnte blinde Profitgier sein (eigentlich eher unwahrscheinlich bei Verlagen), ein Unverständnis für das Funktionieren elektronischer Märkte (schon wahrscheinlicher) oder sogar der insgeheime Unwille, mittelfristig das Geschäftsmodell umzukrempeln. Immerhin würden dann die gedruckten Bücher im Vergleich sehr teuer erscheinen – was sie ja auch sind.
    Tatsächlich entstehen beim Verkauf von E-Books erheblich weniger Kosten als beim Verkauf von gedruckten Büchern; das würde die Chance bieten, die Bücher weit günstiger anzubieten. Gleichzeitig bekommt der Kunde allerdings nicht dasselbe Recht: Ein gedrucktes Buch kann man jederzeit verleihen oder weiterverkaufen, während ein E-Book “nur” eine persönliche (oder bestenfalls familienbezogene) Nutzungslizenz darstellt. Solange man Buch-Inhalte durch (Gebraucht-)Kauf und Wiederverkauf gedruckter Ausgaben viel günstiger kriegt als mit Kauf des E-Books, wird auch so mancher überzeugte E-Book-Fan noch Papierbücher lesen.

    Ein Problem aus Verlagssicht ist freilich die Übergangszeit: Wenn jetzt wirklich der Anteil der E-Books drastisch zunehmen würde, würden im Gegenzug weniger gedruckte Bücher verkauft. Besonders bei kleineren Auflagen würde das die Herstellungspreise pro Stück weiter in die Höhe treiben – und vielleicht ist das einer der Gründe, warum Verlage noch so wenig Interesse daran haben, den Umschwung herbeizuführen.
    Mit angemessenen Preisen (d. h. irgendwo zwischen einem Viertel und einem Drittel des heutigen Preises der gedruckten Ausgabe) wäre der Umschwung längst geschafft, davon bin ich überzeugt. Denn so funktioniert das am elektronischen Markt: Wenn die Preise erträglich sind, gehen die Kunden den einfachsten Weg und drücken auf den “Kaufen”-Button. Über Alternativen (Papierbuch mt Wiederverkauf, illegale Downloads, illegales Kopieren im Freundeskreis etc.) denken sie erst nach, wenn der legale Weg überteuert ist – und bei E-Books ist das heute noch meist der Fall.

    In dem Zusammenhang würde ich Verlagen übrigens auch raten, keine Verleihrechte für E-Books mehr einzuräumen. Die “Onleihe” ist etwas Absurdes in der digitalen Welt: der verzweifelte Versuch, eine Gewohnheit aus der analogen Welt herüberzuretten. Wenn man mal E-Books zu erschwinglichen Preisen kaufen kann (auch mit der üblichen Staffelung, also dass ältere Titel entsprechend günstiger werden, oder eventuell mit Nachlässen für Schüler und Studenten), wird das Interesse an der Onleihe ohnehin zurückgehen. Als Geschäftsmodell kann sie auf Dauer nicht funktionieren – auch weil die Kopierschutzmechanismen für geübte Nutzer längst kein Hindernis mehr sind.

  4. Rouven schrieb am 13. Oktober 2016 um 20:27 Uhr

    Neue Impulse?
    Was der Markt braucht, ist ein Standard im eBook-Bereich genau so, wie es Standards im Bereich der gedruckten Bücher hat. Was dem eBook nur schaden wird, sind ständige Neuerungen und Änderungen. Die Käufer und vor allem die Interessenten am eBook brauchen Sicherheiten. Die Sicherheit, dass ihre gekauften Bücher auch in Zukunft noch gelesen und auf andere Geräte übertragen werden können und Unabhängigkeit von einem bestimmten Anbieter. Wenn sich das alles auf einen Standard eingependelt hat, dann kann man den Leuten sagen: Das ist ein eBook, das kannst du so und so kaufen. Eben so wie man es vor ein paar hundert Jahren mit den Interessenten an den gedruckten Büchern gemacht hat.

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