
Seit vielen Jahren verknüpft Leander Wattig die Buchbranche untereinander und mit der digitalen Welt. Der Blogger, Berater und Eventkonzepter organisiert seit 2013 die »Leipziger Autor:innenrunde« während der Buchmesse. Am 21. März 2026 findet die Veranstaltung zum 14. Mal statt. Wie sich in all der Zeit das Leben der Schreibenden verändert hat, erzählt uns Leander Wattig in einem Gespräch.
Lieber Leander, die Leipziger Autor:innenrunde geht 2026 in die 14. Ausgabe – und das literaturcafe.de ist wieder als Medienpartner dabei. Höchste Zeit für ein Gespräch über die Konferenz, die Entwicklung der Buchbranche und die Fragen, die Autorinnen und Autoren gerade umtreiben.
Falls jemand die Leipziger Autor:innenrunde tatsächlich noch nicht kennt: Was macht dieses Format aus – und warum funktioniert es seit 14 Jahren so gut?
Leander Wattig: Es ist die Konferenz von Autor*innen für Autor*innen. Mein Grundgedanke bei der Konzeption damals war, dass die beste Form der Wissensvermittlung ein Gespräch auf Augenhöhe ist – quasi unter Kolleg*innen. Zumal in einer sich so schnell wandelnden Welt wie die der Schreibenden, wo niemand eine Glaskugel für ewig gültige Antworten besitzt. So ist die Leipziger Autor*innenrunde mit ihrem Format der Tischgesprächsrunden entstanden, bei denen man viel Wertvolles erfährt, aber auch die Referent*innen und anderen Teilnehmer*innen kennenlernt. Dieser Ansatz hat sich komplett bewährt und die Leute waren von Anfang an immer begeistert, wenn sie es einmal selbst erlebt haben.
2013 seid ihr mit 10 Tischen gestartet, heute sind es 22 Tische mit 66 Gesprächen. Wie hat sich die Runde inhaltlich entwickelt? Und was hat sich bei den Bedürfnissen der Teilnehmenden verändert?
Leander Wattig: Der Kern ist unverändert geblieben, nämlich dass wir für möglichst alle Fragen rund ums Schreiben, Veröffentlichen und Vermarkten wertvolle Anregungen liefern möchten. An jedem Tisch sitzt ein Speaker und die Teilnehmer*innen verteilen sich völlig frei nach Interesse auf die Tische. Sie dürfen auch zwischendurch wechseln. Es ist ein sehr schönes und entspanntes Format, bei dem man sich den eigenen Konferenztag ganz gezielt nach den eigenen Interessen zusammenstellen kann. Während das Grundbedürfnis der Teilnehmer*innen, sich fit zu machen fürs erfolgreiche Schreiben, unverändert geblieben ist, haben sich die Themen und Anforderungen natürlich verändert über die Jahre, was ich bei der Programmkuration stets berücksichtige. Während es früher vor allem das Ziel gewesen ist, bei einem Verlag unterzukommen, ist es heute viel selbstverständlicher, sich aktiv und unternehmerisch um das eigene Publizieren zu kümmern.
Die Leipziger Autor:innenrunde nennt sich mittlerweile explizit »Selfpublishing- und DIY-Konferenz«. War das von Anfang an die Ausrichtung oder hat sich das über die Jahre herauskristallisiert? Und wie stehst du zu der manchmal noch spürbaren Trennung zwischen »Verlagsautoren« und »Selfpublishern«? Ist sie noch relevant?
Leander Wattig: Mir war von Beginn an wichtig, bei der Leipziger Autor*innenrunde keine künstlichen Trennungen vorzunehmen, wie sie 2013 in der klassischen Buchbranche, aus der ich komme, noch selbstverständlich gewesen sind. Damals hätte ich den Untertitel noch nicht so deutlich formulieren können, weil es ein Politikum gewesen ist. Wir haben aber immer schon alle Autor*innen willkommen geheißen, die ihre Schreibtätigkeit aktiv und bewusst gestalten wollen. Damit waren wir auch Pioniere in diesem Umfeld. Später war dann viel von Hybridautor*innen die Rede, während es heute keinen Spezialbegriff mehr braucht, weil es völlig normal geworden ist, in beiden Welten unterwegs zu sein und je nach Buchprojekt zu schauen, was am besten passt. Ich empfinde das als eine sehr gute Entwicklung, die wir gern weiter begleiten und unterstützen.
ChatGPT, Midjourney, KI-Schreibassistenten – das Thema brennt vielen Autorinnen und Autoren unter den Nägeln. Welche Fragen und Unsicherheiten nimmst du da wahr? Und wie wird das Thema bei der diesjährigen Runde eine Rolle spielen?
Leander Wattig: Jede technische Umwälzung erzeugt viel Interesse und manchmal auch Sorgen im Kreise der Schreibenden. Beim Thema KI natürlich umso mehr, weil es eine sehr grundsätzliche Veränderung ist und gewissermaßen das ganze Berufsfeld potenziell in Frage stellt. Mir ist wichtig, dies stets entsprechend bei der Programmkuration zu berücksichtigen. Das habe ich die letzten Jahren mit unterschiedlichen KI-Themen schon getan und dieses Jahr freue ich mich, unter anderem Dich, lieber Wolfgang, für eine Tischrunde zum Thema »Künstliche Intelligenz – Wie sie beim Schreiben hilft und wo sie beim Schreiben schadet« gewonnen zu haben, zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind.
Du beobachtest die Szene seit vielen Jahren sehr genau. Welche Veränderungen siehst du bei den Menschen, die heute schreiben und veröffentlichen – im Vergleich zu 2013? Was hat sich bei den Erwartungen, den Arbeitsweisen, den Geschäftsmodellen getan?
Leander Wattig: Heute begreifen sich Autor*innen vor allem viel eher als Unternehmer*innen in eigener Sache, selbst wenn sie (noch) einen Brotjob haben. Früher war es das große Ziel, publiziert zu werden, während dies jetzt erst der Startpunkt ist, was alle verstanden haben. Entsprechend hat sich ein ganzes Ökosystem entwickelt, welches Autor*innen unterstützen kann. Ich empfinde das als eine Demokratisierung des Betriebs, der früher ja oft recht arrogant auf Selbstverleger herabgeschaut hat, was mich immer schon störte. Selfpublisher*innen haben heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein, das nicht zuletzt aus der gegenseitigen Unterstützung wächst, welche wir mit der Leipziger Autor*innenrunde auch vorleben. Aber natürlich wird es immer auch den klassischen Verlagsautor geben, der*die am liebsten alles aus der Hand gibt und sich rein aufs Schreiben konzentriert, was ebenfalls völlig okay ist. Es ist nur nicht mehr der automatisch angestrebte Idealfall.

Du hast dich schon früh mit der digitalen Transformation der Buchbranche beschäftigt – zu einer Zeit, als das noch belächelt wurde. Wie siehst du die Branche heute aufgestellt? Wo steht sie bei der Digitalisierung wirklich, jenseits aller Marketing-Versprechen? Am Anfang wurde Social Media und »das Internet« kaum wahrgenommen, heute hat jeder Verlag eine Social-Media-Beauftragte. Ist somit alles gut? Oder besteht auch eine Gefahr, wenn man auf Influencerinnen setzt?
Leander Wattig: Als ich 2008 als Fachblogger und Berater in der Buchbranche begonnen habe, war sie eine andere Welt, in der man mit Digital- und Community-Themen nicht selten erst verlacht wurde. Seitdem hat sich sehr viel getan und professionalisiert. Die Kernherausforderung bleibt: Wofür steht ein Verlag und welche der vielen Buchthemen kann er glaubhaft, umfassend und nachhaltig abdecken und in die Breite tragen? Zumal in dem stetig wachsenden Medien-, Themen- und Zeitwettbewerb. Nicht umsonst haben die Verlage so viele fokussierte Themen-Labels gestartet über die Jahre. Influencer*innen sind wichtig, aber man sollte als Themen-Community von ihnen nicht abhängig, sondern idealerweise selbst Influencer sein. Hier sehe ich gerade durch die Flut an KI-Content vor allem eine Chance für starke Marken und Community-Formate von Branchenakteuren.
Die großen Plattformen dominieren immer stärker, gleichzeitig gibt es Initiativen für den stationären Buchhandel. Wie erlebst du diese Spannung – und was rätst du Autorinnen und Autoren im Umgang damit?
Leander Wattig: Man soll natürlich unsere Buchkultur und -infrastruktur pflegen und unterstützen, aber da hat die einzelne Person auch nur begrenzten Einfluss. Weltrettung kann man von ihr nicht verlangen. Insofern sollten Autor*innen aus meiner Sicht alle Möglichkeiten nutzen, ohne sich unnötig abhängig zu machen. Am Ende ist das Wichtigste, das eigene Werk, die eigene Marke und die eigene Community gezielt zu entwickeln, weil es einem langfristig die größte Stärke, Unabhängigkeit und Flexibilität verleiht.
Du sprichst oft vom »Klassentreffen-Charakter« der Runde. Was macht diese Community aus – und warum ist der persönliche Austausch gerade in Zeiten von Online-Workshops und Social Media so wichtig?
Leander Wattig: Die Möglichkeiten im Internet sind wunderbar und sollten alle genutzt werden. Am Ende ist aber nichts wirkungsvoller als die direkte Begegnung. Darauf hin sind wir Menschen optimiert. Das war so und das wird immer so sein. Und es geht ja auch nicht um ein Entweder-Oder, sondern die Dinge befruchten sich gegenseitig. Bei der Leipziger Autor*innenrunde herrscht seit Beginn eine sehr besondere Atmosphäre, die eben durch den persönlichen Kontakt wächst, weil die Leute nicht nur ganz viele wertvolle Informationen erhalten, sondern darüber hinaus auch die anderen Leute kennenlernen. Endlos viele Kontakte wurden bei uns schon geknüpft, aus denen wiederum Buchprojekte und langfristige Beziehungen aller Art entstanden sind. Vor allem versammelt sich bei uns eine Gruppe von Menschen, die gegenseitige Unterstützung aus Überzeugung lebt und nicht nur neidisch auf den eigenen Vorteil schielt.
Mal abgesehen von der aktuellen Runde: Wo siehst du die größten Herausforderungen für Autorinnen und Autoren in den kommenden Jahren? Und welche Chancen?
Leander Wattig: Die größte Herausforderung ist sicherlich, überhaupt wahrgenommen zu werden. Immer mehr Menschen schreiben Bücher und jetzt kommt noch die ganze KI-Schwemme hinzu. Der Ansatz bei meiner Tätigkeit als Konzepter von Community-Formaten war immer schon das Motto »Community First«. Als Autor*in will man doch vor allem schreiben und gelesen werden. Dafür braucht man aber nicht gleich Millionen verkaufte Bücher. Einige echte Fans können als Grundlage schon ausreichen, um hier Lebenszeit investieren und seiner Leidenschaft folgen zu können. Also gilt es, die Leser so zu behandeln, dass sie zu echten Fans werden können. Darauf baut dann alles andere auf. Wie das gehen kann, erfährt man auch bei der diesjährigen Leipziger Autor*innenrunde bspw. am Tisch von Helen Daughtrey: »Community statt Reichweite – Wie Autor*innen nachhaltige Beziehungen zu Leser*innen aufbauen«.
Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Was sollten Erstbesucher über die Leipziger Autor:innenrunde wissen? Wie bereitet man sich am besten vor – oder lässt man sich einfach treiben?
Leander Wattig: Man kann es sich so vorstellen: Sie kommen in einen großen Saal mit 22 Tischen, an denen jeweils ein Programmthema vorgetragen wird. Jede Tischrunde dauert 45 Minuten und findet zweimal hintereinander statt, damit die Teilnehmer*innen bei dem reichen Angebot zweimal die Chance haben, eines der 22 Themen auszuwählen. Dieser Doppeldurchlauf findet dreimal statt, sodass man am Ende sechs Runden á 45 Minuten mitgemacht hat. Ein bisschen wie an einem Schultag, nur viel schöner natürlich und mit Mittags- und Kuchenpausen sowie einer Happy Hour am Ende. Jeder Tisch hat eine Nummer, die den Programmpunkten auf der Website zugeordnet ist, sodass man sich vorher schon einen persönlichen Ablauf überlegen kann, was sich durchaus empfiehlt. Auf der Basis kann man sich vor Ort dann aber auch treiben lassen. Ein Wechseln der Tische währenddessen ist ebenfalls völlig in Ordnung. Man merkt manchmal ja erst am Tisch, in welche Richtung ein Vortrag sich entwickelt. Wenn man dann in den Runden sitzt, bitte keine Scheu haben, aktiv Fragen zu stellen. Die Referent*innen haben Lust auf den Austausch und sind von mir auch danach ausgesucht. Insgesamt ist es eine sehr herzliche und zugewandte Atmosphäre. Uns ist es wichtig, dass die Teilnehmer*innen das Meiste für sich mitnehmen. All das klingt manchmal erst etwas abstrakt, aber wenn man dann vor Ort selbst dabei ist, ergibt es sich erfahrungsgemäß ganz natürlich. – Kurzum: Wir freuen uns auf euch! Noch gibt es Tickets die aber wegen des besonderen Tischrundenformats limitiert sind. Bei Fragen jederzeit gern melden: kontakt@autorinnenrunde.de
Vielen Dank, lieber Leander, für das Gespräch. Wir sehen uns in Leipzig!
Hinweis: Das Interview wurde per E-Mail geführt. Das literaturcafe.de ist Medienpartner der Leipziger Autor:innenrunde.

