Künstler fordern verstärkte Kriminalisierung von Fans und Kunden

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Offener Brief an die BundeskanzlerinAnlässlich des morgigen Tags des Geistigen Eigentums fordern zahlreiche, zum Teil bekannte Musiker, Schriftsteller und Verleger, die Kriminalisierung ihrer Fans und Kunden von staatlicher Seite weiter voranzutreiben. In einer ganzseitigen Anzeige, die heute in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der tageszeitung erschienen ist, fordern sie von der Bundeskanzlerin indirekt eine Lockerung des staatlichen Gewaltmonopols und des Datenschutzes, um mithilfe privater Ermittler schneller die Nutzer von Tauschbörsen und illegaler Downloadsites juristisch zu verfolgen. Vorbild soll hier das französische Modell sein, bei dem Rechteinhaber die Nutzerdaten recht einfach durch die Provider erhalten können oder der Netzzugang zensiert wird.

In den Anzeigen wird zudem nicht zwischen gewerblichen und privaten Nutzern unterschieden, sodass die von staatlicher Seite bislang verneinte »Kriminalisierung der Schulhöfe« (Kulturstaatsminister Neumann) weiter vorangetrieben werden sollte.

Zu lange schauten Musikindustrie und Verleger dem Treiben auf den illegalen Tauschbörsen zu, ohne legale Alternativen anzubieten oder Preis- und Produktpolitik zu ändern. Erst innovative und zunächst brachenfremde Unternehmen wie Apple mussten der Verwertungsindustrie Alternativen aufzeigen.

Nur langsam scheinen Künstler und Rechteverwerter zu begreifen, wie das Internet ihre Branche verändert. Der Ruf nach härterer Strafverfolgung und Bestrafung drückt dennoch weiterhin deren Hilflosigkeit aus, denn diese Maßnahmen richten sich – trotz illegalem Treiben – in erster Linie gegen Fans und Kunden.

Dass dieser Ruf per Anzeige in gedruckten Tageszeitungen erschallt, die ebenfalls zu spät auf die Umwälzungen durch das Internet reagiert haben und reagieren, darf durchaus als weiteres Menetekel gewertet werden.

Lese- und Linktipp zum Thema:

  • Klappern gehört zum Musikhandwerk: Robert Basic von basicthinking.de spekuliert über die Gründe, warum Musikindustrie und Verlage jammern – und was sie stattdessen besser tun sollten. Unbedingte Leseempfehlung!
  • Sie sollten eher über die Zukunft des Buchs nachdenken: Rüdiger Wischenbart fragt auf perlentaucher.de, warum sich Verleger vor den Karren der viel unbedeutenderen Musikindustrie spannen lassen und den unsäglichen Brief zum Tag des Geistigen Eigentums unterschreiben. Ebenfalls Leseempfehlung!
  • »Ich habe langsam die Nase voll von den Frechheiten der Musikindustrie«: Prof. Dr. Thomas Hoeren, Lehrstuhlinhaber für Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Uni Münster, macht seinem Ärger über den Brief im Weblog des C. H. Beck Verlags Luft. Man beachte auch die Kommentare der dortigen Leser.

6 Kommentare

  1. […] Brief an die Bundeskanzlerin. Das das Literaturcafé hat sich diesem Thema schon angenommen: “Künstler fordern verstärkte Kriminalisierung von Fans und Kunden“.Also mal sehen, was in diesem Bref steht. Hört sich einfach an, aber das Schriftstück ist […]

  2. Ich habe mir gerade die Mühe gemacht, die Liste der Unterzeichner durchzusehen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Enttäuschung und Ratlosigkeit. Ratlosigkeit: Ich kenne sehr viele dieser Stars und Sternchen nicht. Will sie ab heute auch nicht mehr kennen lernen. Enttäuschung: Von diversen Leuten auf dieser Liste hätte ich etwas mehr Verstand, Weitblick und Innovationswille erwartet. Außerdem haben diese Verdrehungs-Künstler mich beleidigt. Ich oder ein anderes Mitglied meiner Familie hat ihr geistiges Eigentum damals mit sauber verdientem Geld erstanden, von einem besitze ich sogar alle Musikproduktionen, die auf CompactDisc bis jetzt erschienen sind. Ich benutze aber auch Technologieen wie BitTorrent, um ein gänzlich freies Betriebssystem zu beziehen. Diese Technik, stellen die “Künstler” nun unter Generalverdacht. Noch schlimmer, sie stellen das Internet unter Generalverdacht.

  3. So richtig ist das alles nicht zu verstehen. Zwar ist klar, dass die Künstler Geld verdienen wollen und müssen, sie brauchen es zum leben wie jeder Mensch. Aber wenn das mitschneiden von Internet-Radiosendern legal ist darf man sich doch seine eigenen Musik-Zusammenstellungen machen. Wo ist der Unterschied zu Downloads? Niemand hat sich aufgeregt, wenn früher Tonbandmitschnitte gemacht wurden. Was ist neu, außer der Technik?
    Dazu kommt doch, dass höchsten 5% der aufgenommenen Musik gekauft würde. Die CD-Preise steigen, die Einkünfte sinken! In den 70er/80er Jahren, also zu Zeiten als gut verdient wurde, kostete eine LP 12-15 DM. Heute kostet eine CD 15-20 EUR, also etwa das 3fache. Und die Einkünfte? Oft geringer wie vor 30 Jahren!

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