Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Wellers Wahre Worte am Café Tisch
November  2003 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


»Sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch«

Ein alter Amerikaner ohne Tabus zeigt Wege aus Versorgungslücken und Rentenfalle

Wilhelm Weller


Seien wir doch ehrlich: Wer weiß schon, ob er sein jahrzehntelang in die Rentenversicherung eingezahltes Geld jemals wiedersehen wird.
     Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass bei den Patienten Besserung erst dann zu erhoffen ist, wenn das Erlittene akzepiert wird: Ja, es ist geschehen, nichts kann es rückgängig machen, das Geschehene ist Teil meines Schicksals und Karmas.
     In Sachen Rente droht nun entgegen allen früheren Versprechen und Sprüchen des irrtümlich Minister gewordenen Büttenredners Blüm ein kollektives Trauma, das gleichwohl mit den Methoden der individuellen Traumaüberwindung kuriert werden kann.
     Am Anfang darf sehr wohl die fassungslose Frage stehen: Where has all my pension gone?
     Auch Zorn ist erlaubt: Haben die Gauner mein Geld für das Abtragen ihrer Schulden verpulvert?
     Dann aber muss im therapeutischen Prozess behutsam Einsicht in die Notwendigkeit des Faktischen geschaffen werden.
     Heidegger hat in seinem Werk »Sein und Zeit« dieses Prinzip gedankenscharf auf den philosophischen Punkt gebracht:
     »Der Begriff der Faktizität beschließt in sich: das In-der-Welt-sein eines "innerweltich" Seienden, so zwar, dass sich dieses Seiende verstehen kann als in seinem "Geschick" verhaftet mit dem Sein des Seienden, das ihm innerhalb seiner Welt begegnet.«
     Mit anderen Worten: Auch der tief gekränkte Renten(nicht)empfänger muss sein Geschick als »Sein des Seienden« begreifen.
     Erst dann ist der Weg zur befreienden Tat wirklich frei. Jean Paul Sartre, der als Schüler von Heidegger dessen Existenzphilosophie zum Existenzialismus, zu einer »Lehre der Tat«, weiterentwickelte, nennt dies sogar den ersten Grundsatz des Existenzialismus: »Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.«
     Will also der um seine Rente gebrachte und gekränkte Pensionär im billigen Lamento verharren, ein ewiges Opfer, im Sein des Nichtseienden und nicht Ausgezahlten gefangen und verhaftet? Oder will er zur befreienden, zur Misere und Moral transzendierenden Tat schreiten?
     Zitieren wir dazu einen anderen Existenzialisten, Albert Camus: »Wir nehmen es auf uns, Verbrecher zu sein, damit die Erde endlich von Unschuldigen bewohnt wird.« (Albert Camus, Die Gerechten).

Hunter »Red« Rountree hat von Camus vermutlich nie gehört. Und doch praktiziert der 91-jährige Amerikaner den alt-europäischen Existenzialismus als »Lehre zur Tat« so konsequent wie Richard Gere den neu-amerikanischen Buddhismus als »Lehre zum Tantra«.
     In den letzten 5 Jahren hat Rountree ungeachtet seines Alters, seiner Geh- und Hörschwäche drei Banküberfälle verübt, den letzten im August in Abilene (Texas).
     »Der 91-Jährige legte der Angestellten der First American Bank am Schalter einen Umschlag vor, in dem ein Zettel mit der Aufschrift "Überfall" steckte. Dann gab er ihr einen zweiten Umschlag und forderte sie auf, ihn mit Geld zu füllen. Auf die Frage, ob er scherze, antwortete der Greis: "Beeil dich oder es wird schmerzhaft für dich." Zeugen notierten das Nummernschild seines Wagens; er wurde daraufhin von der Polizei mit der Beute von 2000 Dollar rund 30 Kilometer außerhalb der Stadt gestellt.«

Mit dieser Tat im Geist der amerikanischen Frontier (wir nehmen uns das vor uns liegende Land, wir nehmen uns das vor uns liegende Geld) zeigte Rountree insbesondere allen jammernden deutschen Pensionären in spe: Ich brauche keinen Staat und keine Rente, ich nehme mir, was ich brauche, auch mit 91 bin ich noch risikofreudig und vital.
     Auf seine Weise macht der alte Amerikaner damit allen früher oder später Vergreisten Mut - nicht unähnlich dem alten Polen in Rom, der trotz Alter und Gebrechen von seiner Berufung nicht lassen will. Wer weiß, ob ein humorvoller Gott eines Tages nicht beide an seiner Pforte willkommen heißt, seinen alten Stellvertreter auf Erden und Hunter »Red« Rountree.
     Was versprach doch Jesus am Kreuz dem guten Dieb an seiner Seite: »Amen, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.«

Wilhelm Weller

Weiter Links zum Thema finden Sie unter wahre-worte.de


Wahre Worte - Januar 2004SeitenanfangWahre Worte - Oktober 2003

literaturcafe.de verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Weitere Informationen zum Datenschutz

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen