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des Literatur-Cafés

  
Warum alle meine Nachbarn weggezogen sind
von Georg Rikken

»Musiker sind anders«, pflegte meine Tante Anni aus Kleve immer zu sagen, »Musiker kommen mir nicht ins Haus, sie verursachen zumeist einen unerträglichen Höllenlärm, neigen zum Delirium Tremens oder nehmen andere stimulierende Mittel zu sich, um, wie sie sagen, ihr musikalisches Empfinden zu sensibilisieren. Selbst Opa Schmoll aus Duisburg hat seine Ausreden wenn es ums Trinken geht, ja ja.«
     Tante Anni kannte also ihre Pappenheimer. Mich, ihr Patenkind, hatte sie allerdings fest in ihr Herz geschlossen, überhäufte mich darüberhinaus mit Schokolade und Spielgeld aus ihrer Kindheit, auf dass ich dick, rund und so fett würde, dass ich nur bloß nicht mehr durch die Haustüre passe und in Kontakt mit diesem musikalischen Haufen kommen könne, mit dem ich mich schon seit Jahren bundesweit auf äußerst suspekten Konzerten in noch viel suspekteren Kneipen herumtrieb.
     Tante Anni kannte keinen meiner musikalischen Mitstreiter, geschweige denn unsere Musik. In ihrer Kindheit, die sie während des Krieges erlebte, hatte sie ein schweres Trauma mit einem russischen Klarinettisten erlebt. So ist ihre beschützende Hand, die sie aus reinstem Mutterinstinkt über mich legte auch nur zu verstehen.
     Wenn die Tante mal bei uns zu Besuch war, dann ignorierte ich ihre kleinen widerlichen Stricknadelstiche, was die Musik anging, so gut wie mir das nur eben möglich war und rettete so oft den häuslichen Frieden.
     Das Musik allerdings tatsächlich ein Werk des Teufels sein kann, erfuhr ich leidvoll am eigenen Körper.
     Es geschah vor einigen Monaten auf einer Konzertprobe; so gegen 22.30 Uhr, ich wollte meine Trompete nach einem Solo wie gewohnt absetzen, musste ich zu meinem großen Erstaunen feststellen, dass sich mein Instrument irgendwie an meinem Mund festgebissen zu haben schien. So sehr ich mich auch bemühte, ich bekam die Trompete nicht mehr vom Mund los. Es war so, als hätte man an mir soeben einen chemischen Spezialkleber für medizinische Zwecke ausprobiert. Obwohl ich natürlich wusste, dass Tierversuche beim Menschen verboten sind, schoss mir diese Vision förmlich aus dem Kopf.
     Fortan sah ich mich gezwungen, mich in Tönen zu äußern, eine äußerst diffizile Angelegenheit, die leicht zu Missverständnissen führt und oft den Spott der Leute nach sich zieht.
     Es gab zwar Transponiertabellen, Fotokopiergeräte und den Bassschlüssel, aber keinen Schlüssel, der imstande war, Tönen eindeutig Buchstaben zuzuordnen, ein Umstand, der mein sprachliches Vermögen geradezu hemmte. Mit C-Dur, Cis, Fis oder moll kam ich hier nicht weiter.
     Die weitläufige Meinung, Musik sei eine Weltsprache, kann ich seither nicht mehr teilen. Ich jedenfalls konnte mich mit meiner Tonsprache selbst in meinem Heimatland nur sehr schlecht verständlich machen. In Frankreich hätte man mich womöglich gar nicht verstanden, obwohl immer die selben Töne aus dem Instrument fielen.
     So kam es schließlich, dass sich die Leute auf der Straße die Ohren zuhielten wenn sie mich von Weitem heranschreiten hörten. Freier ließen von ihrem Weib, Räuber von ihrem Opfer und die Katz von der Maus. Einige wenige Schaulustige sahen sich vergeblich nach dem Notarztwagen um, den sie bald in der Erscheinung eines Trompeters herannahen sahen, der unaufhörlich sein Il Silenzio gegen die schmutzigen Wände einer verarmten Vorstadt blies. Alle meine Nachbarn zogen aus...
     Ich wurde einsam und krank . Schließlich starb ich nach langem Siechtum an einer Ventilverstopfung.

© 1998 by Georg Rikken. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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