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F auf der Flucht
von Lothar Schmidt

Sollte er etwa schlafende Hunde wecken? Björn Scheuing gehörte nun bereits seit fünf Jahren zur »F Multimedia«. Lange Wochen hat er sich die Fragen von Freunden und Bekannten anhören müssen, was denn F bedeutet, und was sich hinter dem ominösen Buchstaben verbirgt. Doch auch als die Nachfragen langsam abebbten, weil er gelangweilt nur »Fuck« oder »Fitze Fitze Fatze« zur Auskunft gab, blieb für ihn selbst, Björn Scheuing, der Titel undurchsichtig. Und weil er sich schnell in seinem Büro, in das er täglich um zehn Uhr ging, wohlfühlte, besetzte er den Buchstaben mit Inhalten wie »Familie«, »Freundschaft« und »Fairplay«. Das alles waren ihm schließlich keine fremden Begriffe, so dachte er, und seine Gedanken gingen auf eine lange Reise.
     Nun, da er mehr über seinen Arbeitgeber wusste, verfluchte er diesen Buchstaben, den sechsten im Alphabet. Er dachte an Frauke, seine erste große Liebe, damals in Rheine, oder an sein Ferienhaus auf Fuerteventura, und sogar an Freddie Förster, seinen größten Feind in der Grundschule, vom dem er auf dem Schulnachhauseweg fast monatlich verprügelt wurde. Er dachte an seine blutige Nase, an die viel zu oft ramponierte Brille, für die er zu Hause vom Vater die nächste Prügel bezog. Und das alles wegen diesem draufgängerischen Freddie!
     »Vielleicht war es nicht richtig von mir, der Sache so auf dem Grund zu gehen…«. Björn machte sich Sorgen: Er wusste, dass alles mit der Neugier an diesem verflixten Buchstaben zusammenhing. Ein Stein kam nach dem anderen ins Rollen. Jetzt war die Lawine nicht mehr aufzuhalten. Seine Beunruhigung schlug mehr und mehr in eine nicht zu greifende Angst um. »Was ist, wenn sie schon bei mir Zuhause sind? Und Jenny, hoffentlich werden sie Jenny nichts antun. Um Himmels willen.« Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Schließlich beherrschte er mehrere Sprachen, hatte das Ticket nach Milwaukee bereits in der Aktenmappe und hatte, früher als er dachte, die Daten an Mrs Tullfire in Devon weiterleiten können.
     Der Wind wehte vom Meer hinüber; Björn roch die salzige Luft und den öligen Geruch der Fischfabrik am Ende der Stadt. Am Leuchtturm drehte sich Björn noch einmal um. Die Silhouette des Firmengebäudes ruhte zufrieden in der Abenddämmerung. Nur ein großes apfelgrünes »F« sendete unterwürfig ein giftiges Licht über die Dächer aus. »Freiheit« flüsterte Björn in den Wind und wusste, das gewagte Unternehmen fing erst an.

© 1998 by Lothar Schmidt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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