BUCHSTABENSUPPESuppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
Mein Süppchen
von Helga Schubert

Ich koche.
Es sprudelt.
Es dampft.
Buchstaben wirbeln durcheinander. Wenn ich richtig hingucke, bilden sie ein Wort. Manchmal. Und nur für einen Moment, dann ist es weg. Es löst sich auf, macht Platz für ein neues.
Ein Wort. Dann ein Satz? Eine Story?
Da sind drei Rs, zwei Os und ein H.
HORROR.
Mir stehen die Haare zu Berge. Ich sehe im Topf ein blauäugiges Ungeheuer, das mich böse anschaut und seinen grässlich großen Mund öffnet. Heraus sprühen Buchstaben, Worte wie heiße Wassertröpfchen. Sie verletzen mich, meine Haut.
Ich drossele das Gas. Die Suppe kocht nur noch spärlich.
Das Ungeheuer beruhigt sich. Aber es ist da. Gefährlich. Gespenstisch. Nah.
Was will es mir antun?
Ich bin fertig, trage das Gericht auf.
HORROR.
Und ich habe Angst. Also esse ich schnell zwei Rs und ein O und füge U und M dazu. Ist bekömmlicher.
HUMOR.
Dann verspeise ich das Ungeheuer, mit seinen fürchterlich blauen Augen, mit seinem lästerhaften Mund. Nur eine Witzfigur? Aber wenigstens schmackhaft und gesund. Doch es ist zu viel. Ich bin satt. Auf dem Teller bleibt ein winziger Rest zurück.
Bloß drei Buchstaben.
ROM.
Wieso Rom?
Ach, ich weiß! Ein Wort, ein Satz, eine Story.
Vielleicht von Romulus und Remus, von Nero, den Legionen, von Cicero und …

© 1998 by Helga Schubert. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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