New York - Ende 2003
Ein Tagebuch aus dem Praktikum in einer großen Stadt
Foto von New York

Teil 3 - 11.12.2003
Vorweihnachtszeit in New York: Von der Kaufblockade in die Shopping-Hölle

New YorkAlle Jahre wieder… kommt die schöne Weihnachtszeit und irgendwie scheint es so, als käme diese Zeit immer früher. Hier gab es beispielsweise einen nahtlosen Übergang von der Halloween- zur Weihnachts-Deko: lachten am 31. Oktober noch ausgehöhlte Kürbisgesichter und mehr oder weniger gruselige Geister von den Veranden und aus diversen Fenstern, stand am nächsten Tag schon Santa Claus parat, die unvermeidlichen kitschig-bunten Lichterketten verzierten Einfahrten, Briefkästen und Feuerleitern und die ersten Akkorde von solch Klassikern wie »I'm dreaming of a white Christmas« dröhnten aus sämtlichen Shoplautsprechern. Eben beschriebene Umstände lassen die meisten Mitglieder meines sozialen Umfeldes (obwohl generell sehr friedliebende Menschen) schon spätestens ab Mitte November sehr aggressiv erscheinen. Alle Wörter, die an irgendeiner Stelle Weihnachten oder Geschenke enthalten, müssen dann in ihrer Anwesenheit vermieden werden und das Einzige, das von allen akzeptiert wird (aber auch nur zu jenem Zweck, die »schönste Zeit im Jahr« irgendwie erträglich zu machen), sind jene Märkte, die Glühwein verkaufen.
New York     Ich hingegen gehöre zu jener seltenen Spezies der Weihnachts-Freaks. Keine Dekoration kann mir kitschig genug sein, keine Schnulze oft genug runtergeleiert werden. Ich schreibe meine Geschenksliste (schon die Existenz einer solchen sollte zu denken geben...) üblicherweise im November und liebe es, die sich auf eben erwähnter Liste befindenden Objekte dann aufzuspüren und stundenlang einzupacken. »Last Christmas« zählt für mich zu den Meilensteinen englischsprachiger Musik - während andere genervt die Augen gen Himmel verdrehen, sobald »Wham« weltweit sämtliche Radioprogramme für die nächsten Wochen dominieren, laufen mir heiße und kalte Schauer der Verzückung über den Rücken. Ich backe sogar ab und an Kekse (die dann zwar niemand essen kann, da ich nicht backen kann - aber es geht hier allein um die Tätigkeit). Kurz und gut - ich liebe alles, was mit Weihnachten zu tun hat, und wenn das schon im Oktober losgeht - umso besser.
New York     Voller Vorfreude reiste ich in diesem Sinne auch hier an, denn ich wusste, in New York wird bestimmt alles noch ein bisschen kitschiger, schriller, bunter und weihnachtlicher als sonst wo. Die Stadt hat nicht nur in dieser Beziehung all meine heimlichen Fantasien erfüllt (denn in jeder Straße glitzert, strahlt und leuchtet es um die Wette) - um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wurde kurz vor dem Wochenende - und für eben jenes - Schnee prophezeit! Eigentlich war der genaue Wortlaut »Blizzard on Saturday« - da aber bisher ein angekündigter Hurricane letztendlich nicht viel mehr war, als ein laues Lüfterl', wie es der Wiener charmant formulieren würde - und eine Flutwarnung in etwas länger anhaltendem Regen endete, war ich mir sicher, dass es statt Schneesturm allerhöchstens ein paar verirrte Flocken geben wird.
New York     Dieses Mal sollte ich mich jedoch irren. War die weiße Pracht von drinnen noch schön anzusehen, sah das ganze draußen schon ganz anders aus. Binnen einer halben Stunde war ich durchnässt, meine Haare hingen in vereisten Strähnen wirr ins Gesicht, der Vier-Schichten-Zwiebel-Look stellte sich bald als vier-schichten-zu-wenig heraus. Bilder zu schießen (einer der Hauptgründe, weswegen die Wohnung ursprünglich verlassen wurde) war unmöglich, da erstens die Objekte, die ich festhalten hätte wollen, nicht mehr zu erkennen waren und ich zweitens auch die jeweiligen Straßen dorthin nur mehr erahnen, jedoch nicht mehr sehen konnte.
     Die andere Sache, die wir uns an diesem Wochenende zur Aufgabe gestellt hatten, Christmas Shopping nämlich, fiel somit auch gleich ins Wasser. Dies ist jedoch in New York kein Grund zur Sorge - schließlich haben in der Heimat des Kapitalismus alle Geschäfte auch sonntags geöffnet. Und nachdem auch das Wetter am nächsten Tag mitspielte, machten Maren und ich uns schließlich auf dem Weg zu Macy's. Aber nicht etwa frohen Mutes, liebe Leser. Das, was grundsätzlich rund 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung (und damit auch uns) ein großes Lächeln ins Gesicht zaubert, macht hier plötzlich keinen Spaß mehr! In der Stadt wo man alles, wirklich alles kaufen kann - und zwar meistens auch noch 24/7 - leiden wir seit Wochen an einer Kaufblockade! (Ich wusste bisher gar nicht, dass es so was geben kann!) Wir kamen zu folgender Erklärung: da man im Leben generell immer das haben will, was man nicht haben kann, will man natürlich auch umgekehrt all jene Sachen nicht, die man eigentlich haben könnte. Ein Überangebot an Konsumartikeln ließ unseren Kauf-Jagd-Instinkt in den Keller rasseln.
New York     Dennoch wollten wir noch einen Versuch wagen. Viele, viele New Yorker hatten an diesem Tag die gleiche Idee. Sehr viele. Und deshalb stellte sich auch gleich von Anfang an, das gewohnte Weihnachts-Shopping-Feeling ein. Volle Lifte, Warteschlangen an den Umkleidekabinen, erbitterte Kämpfe um bereits rar gewordene Schnäppchen, brüllende Kinder, genervte Ehemänner - ich spürte aufkeimende Erregung und war optimistisch - vielleicht war doch noch nicht alle Hoffnung verloren? Auch an Marens Mimik und Gestik konnte ich erkennen, dass noch nicht aller Tage Abend war. Von Minute zu Minute wurde ich nun aufgeregter: Minus 35 Prozent bei Calvin Klein! Minus 65 bei DKNY!! Und generell noch mal Minus 20 Prozent-Tag bei Macy's! Nicht nur wollten wir nun wirklich etwas kaufen - wir mussten nun einfach. Aber kaum war unsere Kauf-Laune zurückgekehrt, ließ nun plötzlich das Angebot nach. Von jeder nicht passenden Hose zu jedem nicht passenden Pulli sank unser Optimismus...Wir mussten doch etwas finden! Minus 85 %! Die Zeit spielte gegen uns und auch unsere Gegnerinnen wurden nun von Minute zu Minute unerbittlicher. Irgendwann jedoch (war es, als ich Jeans mit Nieten an den Seiten und New YorkSchnürverschluss vorne (etwas, was ich noch nicht mal in den Achtzigerjahren getragen hätte) probierte, die schließlich passten und ich darüber total in Verzückung geriet? Ralph Lauren! Und nur noch $ 30!!) war der Rauschzustand so plötzlich vorbei, wie er gekommen war. Wir hatten mittlerweile jeden Sinn für Orientierung verloren, ebenso die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren und auch die physischen Kräfte ließen langsam aber stetig nach. Exit war die einzige mögliche Lösung.
     Als wir schließlich endlich wieder draußen waren aus der Shopping-Hölle, schworen wir uns - noch zitternd vom Erlebten - dass wir uns das nicht noch mal antun würden...
      Next time - Chinatown. Da spielt sich erstens alles im Freien ab (man kann also auch mal eine Zigarette zur Entspannung rauchen, sollte der Stress kurzfristig zu groß werden), Markenware (wenn auch gefälscht oder gestohlen) ist hier immer billig und unsere Stammkneipe (weil Margaritas für $ 3) gleich in der Nähe :-)

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© Text und Bilder 2003 by Claudia Sebunk. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Claudia Sebunk, Publizistik-Studentin an der Universität Wien, befand sich Ende 2003 im Alter von 26 Jahren in New York, wo sie für drei Monate als Praktikantin in einer Fotoagentur arbeitete. In dieser Zeit schilderte sie Woche für Woche ihre Eindrücke im Literatur-Café schildern.

Wozu ein Praktikum? Einerseits um die nach Studienabschluss mit großer Sicherheit folgende traurige Periode der Arbeitslosigkeit zumindest um einige Wochen hinauszuzögern; andererseits um die Lücken jener ominöser Liste namens »Was ich in meinem Leben schon alles erreicht habe«, die jeder, der kurz vor seinem 30. Geburtstag steht, gezwungen ist, aufzuzählen, zumindest durch »Auslandserfahrung« aufzufüllen, nachdem Punkte wie Job, Haus, Hund, Mann, Kind nach wie vor durch Abwesenheit glänzen und bis zu oben erwähnten Datum auch nicht unbedingt zu erwarten sind.

Mit wem? Nachdem sie 2002 das selbe Abenteuer schon einmal, jedoch alleine, gewagt hatte, entschloss sie sich dieses Mal für eine Dreier-Konstellation (bitte schlüpfrige Witze an dieser Stelle bei Bedarf selbständig einfügen) und lebt nun mit einem Pärchen, bestehend aus zwei weiteren Praktikanten in New Yorks East Village.

Warum New York? Die Mieten rangieren in Höhen, die nur noch schwindelfreie Menschen zu erklimmen im Stande sind. Es ist laut. Es ist dreckig. Und zu dieser Jahreszeit auch nicht gerade kuschelig warm. Eine Wohnung, deren Heizung nur an drei Tagen pro Woche funktioniert und die leider auch gleichzeitig Effekte auf das Warmwasser hat (das in diesem Falle als Kaltwasser bezeichnet werden müsste), macht diesen Umstand nicht gerade leichter. Man steckt ständig in einem Strom von Menschen fest, der einen in Richtungen drängt, in die man eigentlich gar nicht wollte. Begriffe wie quality time, fat free/sugar free sweets (ein Paradoxon per se) und Wasserkakerlaken (als wenn normale Kakerlaken nicht schon reichen würden) müssen plötzlich in den Wortschatz integriert werden und man hat pro Tag etwa $10 Dollar zur Verfügung, um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln bzw. das eigene Bäuchlein wahlweise mit Essen oder Bier zu füllen (beides ist aufgrund oben erwähnter finanzieller Umstände selten möglich). Warum zur Hölle tut man sich das an?

Weil es sich eben um New York handelt. Und die Stadt ist es immer noch wert, auf sämtlichen verwöhnt-europäischen Luxus zu verzichten, um sich kopfüber ins Abenteuer zu stürzen. New York macht mit all seinen Superlativen alles andere wett.

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