New York - Ende 2003
Ein Tagebuch aus dem Praktikum in einer großen Stadt
Foto von New York

Teil 2 - 04.12.2003
»Bleib cool, wenn du plötzlich deine Nachbarn beim Sex siehst« - Echte New Yorker

New YorkWenn man sich im Ausland befindet - und zwar egal wo - ist das Letzte, was man will, sich als Tourist zu outen. Noch nicht mal, wenn man in solcher Mission unterwegs ist, aber schon gleich dreimal nicht, wenn man sich dazu entschlossen hat, das jeweilige Land aus dem Blickwinkel eines ,Natives' zu betrachten.
     New York ist eine Stadt, die es einem sehr leicht macht, sich als einer der ihren auszugeben, denn es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Es ist total egal, wie man sich verhält, was man anzieht, wie man aussieht. Blond, braun, rothaarig, dunkel- oder hellhäutig, klein, groß, dünn, dick oder von allem etwas - all das sind keine Indizien, um einen echten New Yorker ausfindig machen zu können. Noch nicht mal die Sprache - in vielen anderen Ländern eine der letzten Hürden zur authentischen Eingeborenen-Tarnung - stellt hier eine Barriere dar, ist man einiger englischer Basiswörter mächtig. Mehr noch - man würde sich mit einwandfreiem Yankee-Englisch verdächtiger machen, nicht zu dieser Stadt zu gehören, als unter schamlosen Gebrauchs des jeweiligen Akzentes - denn ein echter New Yorker ist nicht in New York geboren, hat eine mal mehr, mal weniger amüsante Anekdote parat, wie es ihn denn in eben jene Stadt verschlagen hat und kann zumindest eine, besser jedoch viele Nationalitäten im New YorkFamilienstammbaum aufweisen, um diese Geschichte zu untermauern. Wenn man sich also nicht ganz idiotisch anstellt und auf die allseits beliebte »kurze karierte Hose zu weiß besockten, in den hässlichsten Sandalen, die man irgendwo erstehen konnte, steckenden Füßen und Kamera um den rot gebrannten Hals« Kombination verzichtet und so tut, als wären 200 Meter hohe Wolkenkratzer etwas, worüber man in Europa nur milde lächelnd den Mund verziehen würde, kann man hier ganz leicht untertauchen.
     So dachte ich jedenfalls. Bis ich die Schlagzeile auf dem Titelblatt des neuen Time Out New York las. »Are you a true New Yorker? 118 essential NYC activities, attributes and attitudes«. Au Backe. Eben noch siegessicher wurde mir nun mulmig zumute. Denn was, wenn ich bis jetzt in dem Gewissen gelebt hatte, so was von dazu zu gehören und insgeheim haben sich all die echten New Yorker hinter meinem Rücken hämisch ins Fäustchen gelacht? Ich musste es natürlich wissen und so befand ich mich kurz darauf schon in der Lektüre vertieft.
     »Ha!«, kann ich nur sagen! Gut, wir (und damit ist die WG hier im East Village gemeint) verfügen natürlich nicht über alle angeführten Punkte - bei »Zumindest ein Abendessen im Monat um $ 300 bestellen« mussten wir zum Beispiel passen. Bei »Dinner beim Chinesen holen und davon auch die nächsten Tage noch leben« konnten wir jedoch gleich darauf wieder Punkte gewinnen.
New York      »Akzeptiere dein Fahrrad als Teil deiner Einrichtung« - hier würde ich uns sogar gleich noch ein paar Bonuspunkte einräumen, weil wir unser bike sogar in einem Zimmer integriert haben, das gleichzeitig als Schlaf-, Ess- und Wohnraum dient. Und zwar als Handtaschen- und Jackenhalter.
      »Habe eine persönliche Kakerlaken- oder Ratten-Horror-Story parat« - Eine? Hunderte!!
      »Bleib Freitag- und Samstagabend zu Hause - das ist nur was für Amateure« - Machen wir. Aus Geldmangel an fast allen anderen Abenden der Woche zwar auch, aber das steht ja hier nicht zur Debatte, richtig? Wahrscheinlich ist man sogar noch cooler, wenn man mitten in Manhattan lebt und trotzdem zu Hause bleibt, denke ich.
      »Schaffe es, alles was du benötigst, innerhalb der nächsten sechs Blöcke deines Appartements zu finden « - Waschsalon, Chinese, spanischer Lebensmittelmarkt und Deli, bei dem Dosenbier nur 80 Cent kostet. Eh voila.
      »Verbinde die Wörter »What are you going to do« zu »whaddayagonnado«. Wir sind schon einen Schritt weiter und schaffen es mittlerweile die Begrüßung und das unvermeidbare »Wie geht's« in einem Atemzug raus zu posaunen...«Hiyadoin?« klingt das dann und wird verstanden!
      »Habe einen persönlichen Coffee guy, der sogar bemerkt, wenn du einmal nicht zur Arbeit gehst.« Hab ich! Hab ich! Mein coffee guy gießt den Kaffee schon ein, sobald ich um die Ecke biege. Manchmal will ich zwar gar keinen und niemals will ich ihn so, wie ich ihn schließlich kriege -mit zwei Löffeln Zucker nämlich. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, für das morgendliche »As usual, young lady« und somit das Gefühl, dazu zu gehören. Schon alleine für das »young lady« wären die 60 Cent gut investiert!
New York      »Schau aus dem Fenster und bleib cool, wenn du plötzlich deine Nachbarn beim Sex siehst.« Da ziehe ich doch nicht mal die Augenbraue nach oben. Ich wohne mit einem Pärchen in einem Zimmer - muss ich noch mehr sagen?«
     Und damit erübrigt sich auch schon der nächste Punkt: » Hör auf, dich darum zu kümmern, wenn deine Nachbarn dich in Action sehen.« Was heißt hier Nachbarn? Mitbewohner! Und schon wandern die Extrapunkte aufs Konto.
     In dieser Tonart geht es weiter.
     Die restlichen hundert Punkte anzuführen, würde hier nicht nur den Platz, sondern wohl auch die Geduld der Leser sprengen - aber so viel kann man verraten: wir erfüllen gut zwei Drittel der Punkte und ich kann nun wieder ruhig schlafen. Denn nun haben wir es schriftlich - We are soooo New York!

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© Text und Bilder 2003 by Claudia Sebunk. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Claudia Sebunk, Publizistik-Studentin an der Universität Wien, befand sich Ende 2003 im Alter von 26 Jahren in New York, wo sie für drei Monate als Praktikantin in einer Fotoagentur arbeitete. In dieser Zeit schilderte sie Woche für Woche ihre Eindrücke im Literatur-Café schildern.

Wozu ein Praktikum? Einerseits um die nach Studienabschluss mit großer Sicherheit folgende traurige Periode der Arbeitslosigkeit zumindest um einige Wochen hinauszuzögern; andererseits um die Lücken jener ominöser Liste namens »Was ich in meinem Leben schon alles erreicht habe«, die jeder, der kurz vor seinem 30. Geburtstag steht, gezwungen ist, aufzuzählen, zumindest durch »Auslandserfahrung« aufzufüllen, nachdem Punkte wie Job, Haus, Hund, Mann, Kind nach wie vor durch Abwesenheit glänzen und bis zu oben erwähnten Datum auch nicht unbedingt zu erwarten sind.

Mit wem? Nachdem sie 2002 das selbe Abenteuer schon einmal, jedoch alleine, gewagt hatte, entschloss sie sich dieses Mal für eine Dreier-Konstellation (bitte schlüpfrige Witze an dieser Stelle bei Bedarf selbständig einfügen) und lebt nun mit einem Pärchen, bestehend aus zwei weiteren Praktikanten in New Yorks East Village.

Warum New York? Die Mieten rangieren in Höhen, die nur noch schwindelfreie Menschen zu erklimmen im Stande sind. Es ist laut. Es ist dreckig. Und zu dieser Jahreszeit auch nicht gerade kuschelig warm. Eine Wohnung, deren Heizung nur an drei Tagen pro Woche funktioniert und die leider auch gleichzeitig Effekte auf das Warmwasser hat (das in diesem Falle als Kaltwasser bezeichnet werden müsste), macht diesen Umstand nicht gerade leichter. Man steckt ständig in einem Strom von Menschen fest, der einen in Richtungen drängt, in die man eigentlich gar nicht wollte. Begriffe wie quality time, fat free/sugar free sweets (ein Paradoxon per se) und Wasserkakerlaken (als wenn normale Kakerlaken nicht schon reichen würden) müssen plötzlich in den Wortschatz integriert werden und man hat pro Tag etwa $10 Dollar zur Verfügung, um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln bzw. das eigene Bäuchlein wahlweise mit Essen oder Bier zu füllen (beides ist aufgrund oben erwähnter finanzieller Umstände selten möglich). Warum zur Hölle tut man sich das an?

Weil es sich eben um New York handelt. Und die Stadt ist es immer noch wert, auf sämtlichen verwöhnt-europäischen Luxus zu verzichten, um sich kopfüber ins Abenteuer zu stürzen. New York macht mit all seinen Superlativen alles andere wett.

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