Foto von Ulrich StruveHeiligenschein mit Kratzern
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich StruveAnne Tylers Roman Fast ein Heiliger erzählt die Geschichte Ians, eines ganz gewöhnlichen amerikanischen Jungen, der durch die Verkettung schicksalhafter Umstände schließlich die drei Kinder seines älteren Bruders Danny großzieht. Danny war mit dem Auto gegen eine Mauer gefahren, als Ian ihn über die vermeintliche Untreue seiner Frau informiert hatte. Aus dieser nicht ganz glaubwürdigen Prämisse entwickelt Anne Tyler zwei miteinander verwobene Themenstränge, die die Freuden und Leiden des allein erziehenden Vaters wider Willen und Fragen von Schuld und Vergebung umkreisen.
     Bald nachdem Ian sein College-Studium abbricht, stolpert er in die »Kirche der Zweiten Chance«. In der kleinen, vage protestantischen Gemeinde, deren Pfarrer, Reverend Emmett, sich seine Theologie so ziemlich selber zurechtgezimmert hat, ist Vergebung nämlich nur durch die Tat, die konkrete Wiedergutmachung, welche die Ernsthaftigkeit des Gebets und der Reue unter Beweis stellt, zu erlangen. Dass Ian unter der sich selber auferlegten Beweislast nicht zusammenbricht, ist das eigentliche Wunder des Romans. Jahre später, die Kinder sind längst aus dem Haus, stellt sich heraus, dass Reverend Emmett zu erwähnen vergaß, dass Ian sich auch selbst vergeben müsse, um die herbeigesehnte Erleichterung zu spüren. An solchen Momenten der Erzählung greift amerikanische Pop-Psychologie vor der theologischen Reflektion, aber man nimmt das Tyler nicht weiter übel, denn sie erzählt den Roman mit liebenswerter Sympathie für ihre Figuren, mit wunderbarer sprachlicher Gelassenheit, das ganze mit einem gehörigen Schuss Lakonik versetzt.
     Anne Tyler hat ein ausgesprochen feines Ohr für die amerikanische Alltagssprache. In der Übersetzung von Anne Ruth Frank-Strauss kommt das leider kaum zum Ausdruck. An vielen Stellen übersetzt sie wortwörtlich, ohne viel Gespür für sprachliche Equivalenzen zwischen dem Amerikanischen und Deutschen an den Tag zu legen. Mitunter ist die Wortwahl schlicht falsch (»Dringend-gesucht-Plakat vom FBI« statt Fahndungsplakat) oder von irreführender Pseudo-Authentizität geprägt (die »depression« der späten Zwanziger ist nun mal im Deutschen nicht als »die Depression«, sondern als Weltwirtschaftskrise bekannt). Alles in allem ist die Übersetzung eher hölzern. Tylers wunderbarem Roman ist damit kein guter Dienst erwiesen worden.

Ulrich Struve

Anne Tyler: Fast ein Heiliger: Roman. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1992. 349 Seiten, geb., 39,80 DM/20,35 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN 3-10-080012-5


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