Foto von Ulrich StruveLügen wie gedruckt
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich StruveDass die Presse weithin keinen guten Ruf hat, lässt sich kaum leugnen. Auch Georg Heller tut das nicht in seiner Philippika Lügen wie gedruckt: Über den ganz alltäglichen Journalismus. Doch bestreitet er, dass es »die« Presse so überhaupt gibt. Er insistiert auf Unterscheidungen und Differenzierungen, die er aus der jahrzehntelangen Arbeit in den Wirtschaftsressorts von FAZ, Handelsblatt und Stuttgarter Zeitung und aus seinen Erfahrungen im Deutschen Presserat geschöpft hat.
     Heller ermöglicht interessierten Zeitungslesern einen Blick hinter die Kulissen des journalistischen Tagesgeschäfts. Er geißelt Filz und die allzu leicht genommene Gefahr der Korrumpierbarkeit durch »Journalistenrabatte« (15% bei Autos) und Anzeigenvergabe. Er berichtet über den fortgesetzten Betrug am Leser durch Schleichwerbung im redaktionellen Text, über sprachliche Schlampigkeiten, die offenbaren, wes Geistes Kind einer ist (oder, zumindest, mit wem er sich gemein macht), und über den Umgang mit Minoritäten und Gewalt in der Berichterstattung. Heller mischt sich auch ein in die Debatte um die Veränderung der Medienkultur im Zeitalter von Pay-TV, zunehmender Globalisierung und potenzieller Monopolisierung durch Giganten wie Kirch und Murdoch. Das Internet beschäftigt ihn weniger.
     Dabei fordert er von Redaktionen und Lesern den bewussten und verantwortlichen Umgang mit Informationen ein. Den oft erhobenen Anspruch auf »Objektivität« der Presse hält er für einen großen Irrweg, sowohl aus pragmatischen als auch philosophischen Gründen. Nicht auf Objektivität, sondern auf die Unabhängigkeit der Berichterstattung käme es an
und auf die fundamental wichtige Wahrung der Menschenwürde, die durch eine wachsam verteidigte Pressefreiheit erst möglich werde. Letztere sieht Heller als gefährdet, weil sie zusehends stärker »durchkommerzialiert« werde: »sie beginnt sich gegen den Menschen zu richten«. Dass obrigkeitsstaatliche Einschränkungen der Pressefreiheit auch in Deutschland längst nicht so eindeutig der Vergangenheit angehören, wie Heller annimmt, hat die Diskussion zum »Großen Lauschangriff« unlängst erst wieder vor Augen geführt.
     Hellers Buch ist nicht ohne gewisse Längen und Wiederholungen, aber stets trägt er seine Argumente mit Engagement und Sachverstand vor. Das Buch regt zum Nachdenken an.

Ulrich Struve

Georg Heller: Lügen wie gedruckt: Über den ganz alltäglichen Journalismus. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 1997. 183 Seiten, Pb., 29,80 DM/15,24 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN 3-931402-23-1


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