Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Näumanns NörgeleiEine Tasse Kaffee
Monatliches vom Café-Tisch - Dezember 1996


Mehr Mezäne!

Näumann am Café-TischGestern war ich in der Götterdämmerung, letzten Sonntag in der Walküre. Das Rheingold musste ich mir leider schenken, da es ausverkauft war und Siegfried sollte natürlich an einem Werktag bereits um 16 Uhr beginnen, sodass wohl überwiegend Arbeitslose und Rentner die Ränge füllten. Aber sonst gab's über diesen Ring absolut nichts zu nörgeln, im Gegenteil, Barenboim fantastisch, Siegfried Jerusalem als Siegfried fantastisch, Deborah Polaski als Brünnhilde umwerfend, und um die Pausengespräche der wandelnden wagnerianischen Gemeinde wehte mal wieder transzendent psychologisch-semiotische Tiefe. Überflüssig zu betonen, dass schwarze Rollkragenpullover dominierten.

Auch werde ich mich hier jetzt nicht rechtfertigen, warum mir ausgerechnet Musikdramen von Richard Wagner gefallen, es sollen vielmehr zwei Aspekte der Ringtetralogie genauer beleuchtet werden: Zum einen handelt es sich um eine Abfolge von Opern, und zum anderen ist deren zentrales Motiv das Geld in Form eines aus dem Rhein geborgenen und anschließend verfluchten Nibelungenschatzes.

Wer jetzt nämlich denkt, ich hätte als mittelloser Student beide Aufführungen jeweils fünf Stunden stehend irgendwo hinter einer Säule sichtbehindert im Olymp der ehrwürdigen Staatsoper gelitten, täuscht sich gewaltig. Mein weich gepolsterter Platz befand sich beide Male im „I. Rang Mitte“, direkt neben der zentralen Loge gewichtiger Persönlichkeiten, mit perfekter Sicht und erstklassiger Akustik. Der Preis für einen solchen Platz beträgt stolze 155 DM. Als Student musste ich davon allerdings nur 18 DM bezahlen, da ich ja mittellos bin.

Auch darüber gibt es wahrlich nichts zu nörgeln!

Zurück zum Ring: Wotan bringt sich in die Bredoullie, weil er Fasolt und Fafner mit einem Großauftrag betraute, dem Bau Wallhalls, und als Entlohnung - etwas leichtfertig - seine Schwägerin Freia anbot. Er konnte sie gerade noch rechtzeitig gegen die Zahlung des Rheingoldes aus der Hand der Riesen befreien. Da dies bekanntlich mit einem Fluch belegt war, nimmt nun die Geschichte ihren verhängnisvollen Lauf... Nun ist mir nicht bekannt, ob Eberhard Diepgen z.B. Sir Norman Foster für den Neubau des Reichstag im Vorfeld ähnliche Versprechungen gemacht hatte, Tatsache ist auf alle Fälle, dass auch heute in unserer Stadt gigantische Projekte in Auftrag sind, alle zu bezahlen in handfestestem Rheingold, und dass mitunter auch hier die Götterwelt am Rande des Ruins steht.

Die Götter versuchen natürlich den drohenden Bankrott abzuwenden und so kürzen sie ihre großzügigen Geschenke an die gemeinen Menschen wo es nur geht: Kindergärten werden teurer, Sozialtickets für die U-Bahn gestrichen, Sozialprojekte weggekürzt, Theater geschlossen...

Jawohl, auch Theater geschlossen, nämlich das berühmte Schillertheater, an dem Bernhard Minetti für Furore sorgte, und über die Frage, ob denn drei Opernhäuser wirklich nötig sind, wird zumindest sehr laut nachgedacht.

Opern sind teuer. Meine 18 Mark waren ein milder Pfennig in den Klingelbeutel, aber selbst die 155 DM hätten wohl kaum die Unkosten für meinen Platz an einem der beiden Abende gedeckt. Nehmen wir an, die Karte für eine Vorstellung kostete im Schnitt etwa 80 DM. Das wären bei einer Gesamtkapazität von ca. 1800 Plätzen eine Einnahme von .144.000 DM an Eintrittsgeld. Das Orchester besteht nun aus etwa 80 Musikern und musste fünf Stunden im Graben schwitzen. Wenn die Musiker im Schnitt an diesem Abend etwa 500 DM verdient haben, bleiben noch etwa 100.000 DM übrig. Dann muss der Chor bezahlt werden, bleiben 90.000 DM. Jetzt Herr Baremboim, Frau Polaski, Herr Jerusalem, die drei Nornen, Gunther, Hagen, Gutrune etc, die Rheintöcher (!), alles hochkarätige Solisten, die ihre Kunst entsprechend teuer verkaufen. Wieviel jetzt von unseren 90.000 DM noch übrig sind, wage ich nicht zu beziffern, vielleicht kann der Intendant davon einmal bei Aldi einkaufen.

Soweit haben wir alles bezahlt, doch müsste die Veranstaltung nun in einem dunklen unbeheizten Schuppen stattfinden, und das auch noch konzertant. Wie teuer war wohl das Bühnenbild, extra angefertigt in der hauseigenen Schreinerei? Wieviel kosteten die Schneiderinnen und Schneider die die teuren Kostüme anfertigten und sie nun in Schuss halten, in der hauseigenen Schneiderei versteht sich? Die starken Arme, die die Bühne bestücken und die Kontrabässe in den Orchestergraben tragen? Die Techniker, Spielleiter, Souffleure? Die Frauen, die mir das Ticket verkauften, und die sympathisch lächelnden jungen Damen und Herren, die vor den Logen und Rängen stehen, alle wollen bezahlt sein. Vergessen wir nicht die Bedienungen an den diversen Getränke- und Champagnerbars während des Pausengewühls, und schon garnicht diejenigen - meist Frauen -, die nach dem rauschenden Abend den Dreck wegräumen, die Zigarrenasche aus den roten Läufern saugen, Geländer polieren und die Pissoirs reinigen. Der Strom, die Heizung, das Taxi für Deborah Polaski, als sie zum III. Akt der Walküre für die heisere Anne Evans einspringen musste, die GEMA-Gebühren, und letztlich natürlich noch die gesamten Produktionskosten, die Gehälter für Verwaltung und Intendanz, usw. usf....

Nun gibt es Menschen, die behaupten, Kultur sei vornehmste Aufgabe des Staates. Ich gehöre eigentlich auch dazu und brachte deswegen auch schon mal in der New Yorker Met zusammen mit einem Mailänder Familienvater einen Fremdenführer an den Rande des Wahnsinns, aber wie der Staat in der breit gefächerten Kulturszene seine Gelder verteilt, darüber sollte durchaus nachgedacht werden. Denn in einem Punkt hatte unser braver Fremdenführer an der Met ja zweifelsohne Recht: Das Haus bekommt vom Staat keinen Cent an Subventionen und ist dabei eines der besten Bühnen der Welt.

Die Ausgangslage ist in den USA natürlich eine andere, Mäzenatentum ist verbreiteter, Formen des „Merchandising“ ausgereifter, alles berechtigte Einwände, aber sollte man nicht auch die ehrwürdigen Spielstätten in Deutschland da etwas mehr in die Pflicht nehmen? Das Hinterhoftheater in Kreuzberg hat sicher kaum Möglichkeiten sich aus Privatkapital zu finanzieren, hier ist der Staat gefragt, aber die großen Opernhäuser, die in allen Fremdenverkehrsbrochüren auftauchen und mit denen von großen Unternehmen als kultureller Standortfaktor kräftig Reklame gemacht wird? Häuser, die ihre Plätze als Kontingentkarten in den Hotels der haute noblesse ertreiben? Warum sind beispielsweise die hauseigenen Souveniershops immer nur während der Vorstellung geöffnet? Man sollte sie aus dem Vestibül herausverlegen, sodass sie für die flanierenden Touristen von der Straße aus zugänglich sind. Poster, Postkarten, eigene CD-Produktionen lassen sich immer verkaufen. Überhaupt: die Staatsoper hat zum Ring für jeden Teil ein exzellentes kleines Begleitbuch herausgegeben (wohl auch für alle anderen Werke, die im Repertoir sind), unter Kunst- und Musikfreunden finden sich dafür bestimmt begeisterte Abnehmer. Warum schließen sich die Museen nicht auch noch an? Reprints von Kunstschätzen, Kataloge, Nofreteten als Briefbeschwerer, warum eigentlich nicht? Und die Schönen und Reichen dieser Stadt, die sich die Karte für 200 DM leisten, ob sie vielleicht auch noch viel mehr bezahlen ürden...? Man müsste es ihnen schmackhaft machen, Mäzene wollen zwar im Hintergrund bleiben aber doch irgendwo genannt sein, in der New Yorker Met werden die Namen der größten Spender daher dezent in der Eingangshalle in Marmor gemeißelt.

Kleine Bühnen insbesondere aus dem „Off-Bereich“ wären für solche Aktionen sicher kreativ genug, ihnen fehlen aber die Mittel, weshalb sich der Staat nicht aus der Verantwortung ziehen darf. Die großen Häuser verfügen zwar über die Mittel, aber anscheinend nicht über die Kreativität.

Natürlich gibt es außerhalb des Kulturbereichs Projekte in größenwahnsinnigen Dimensionen, hier müsste mit dem Sparen begonnen werden. Aber der Unabhängigkeit und Beständigkeit des Kulturlebens, täte es sicher nicht schlecht seine Finanzierung aus möglichst vielen Kassen zu sichern.

Angefangen bei denen die am meisten davon profitieren. Jedenfalls war ich einigermaßen beruhigt, als ich, schon längst wieder zu Hause, auf dem Besetzungsplan für die Walküre las, dass das aufwendige Bühnenbild von einer schwäbischen Automobilfirma gesponsort worden war. Das ganze so klein gedruckt, dass ich's fast übersehen hätte, der charakteristische Stern erschien weder im Programm noch auf dem Bühnenbild. Bravo.

Johannes Näumann


November 1996SeitenanfangJanuar 1997