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Näumanns NörgeleiEine Tasse Kaffee
Monatliches vom Café-Tisch - Januar 1997


Wieder alles vergessen!

Näumann unterm ChristbaumEs ist nicht einfach, für Menschen zu schreiben, die Generationen nach einem die Erde bevölkern. Man muss damit rechnen, dass sich Weltbilder und Alltagserfahrungen gewandelt haben, prägende Lebenswelten ganz andere sind, und vieles, das einem heute noch selbstverständlich ist, nur noch als Mythen und Fabeln im kollektiven Bewusstsein bleibt.

In diesem Moment habe ich genau dieses Problem, denn ich richte mich an Leser einer völlig anderen Epoche. Nein es gab keinen tragischen Unfall im Raum-Zeit-Kontinuum, es ist nur so, dass Sie sich bei der Lektüre dieses Textes bereits in der NACHweihnachtszeit befinden, während ich gerade noch der typische Mensch der VORweihnachtszeit bin: gehetzt und gejagt vom Geschenketerror durch die glitzernden Konsumtempel und festlich geschmückte Einkaufsstraßen... Wie fülle ich bloß den Kühlschrank? Mit was? Welchem Geld? Und passt auch alles rein? Speisepläne: Was kochen wir Heilig Abend und was schenke ich bloß meiner Nichte? Nein, wir haben dieses Jahr keinen Tannenbaum, ja Weihnachten in Berlin; der Besuch bei meinen Eltern erst am 29., wie jedes Jahr. Und wenn ich noch einmal "Oh du fröhliche" hören muss, während ich mich autoscooternd mit dem Einkaufswagen zur Fleischtheke vorarbeite, sprenge ich den Laden in die Luft, mit samt dem fetten Weihnachtsmann der oben auf dem Dach sitzt. Immerhin ist das das Fest der Liebe.

Erinnern Sie sich? Im Januar ist das nämlich alles wieder vergessen. Schön war's zu Weihnachten, wieder so besinnlich, friedlich, und man hat schon fast ein wenig Vorfreude auf das nächste Mal.

Erinnern Sie sich auch noch, dass im Dezember in Lima die japanische Botschaft besetzt und hunderte von Geiseln genommen wurden? Jede Wette, dass jetzt davon niemand mehr spricht - und falls sich, was wir nicht hoffen wollen, immer noch Menschen in der Hand von Terroristen befinden sollten, wird dies höchstens noch ein paar kleine Meldungen "vor dem Wetter" wert sein. Es sei denn es passiert noch etwas völlig Spektakuläres.

Dabei war doch jetzt, kurz vor Weihnachten, das Thema "Peru" stets an erster Stelle. Jede Bewegung auf dem Botschaftsgelände wurde von hunderten von Kamerateams verfolgt und anschließend in Expertenrunden im Studio oder einem Krisenstab analysiert. Augenzeugen wurden interviewt und aufwendige Liveschaltungen gelegt, in denen atemlose Korrespondenten Dinge erzählten, die man sich auch auf der heimischen Fernsehcouch hätte zusammenreimen können. Aber selbst wenn kommerzieller Journalismus heutzutage leider die Kunst bedeutet, mit möglichst schönen und kompetent klingenden Worten die Tatsache zu verbergen, dass man genau so wenig Ahnung hat wie alle anderen auch, gab es doch in den Medien erstaunlich viele gute Hintergrundberichte über Peru, die abseits von allem Sensationsgebaren der politischen und sozialen Wirklichkeit Lateinamerikas auf den Grund gingen. Man konnte etwas erfahren über die katastrophale Armut der peruanischen Bevölkerung - mehr als die Hälfte lebt unter dem Existenzminimum - über Herrn Fujimori, dessen Ziel es ist, die Wirtschaft zu stabilisieren und den Terrorismus auszurotten und wir erfuhren etwas darüber, dass seine Wirtschaftspolitik zwar die Inflation gedrosselt hat, die Kluft aber zwischen Arm und Reich dennoch immer größer wird.

Es ist ruhig geworden um Lateinamerika, seit dem sich die Operettengeneräle nicht mehr putschend die Klinke in die Hand geben und überall nun die Demokratie (ein Wort, das im Zusammenhang mit Peru sparsam Verwendung finden sollte) eingekehrt ist. In der Tat sind die grauen Uniformen durch graue Anzüge ersetzt worden, die Maschinengewehre durch Laptops, denn es wird freie Marktwirtschaft praktiziert, wie überall in der zivilisierten Welt. Dass dieser Kontinent aber brodelt, dort eine soziale Zeitbombe tickt, in Argentinien, dem einst siebtreichsten Land der Erde, bereits Supermärkte gestürmt wurden, davon wissen wir kaum etwas. Woher auch?

Leider mussten es mal wieder spektakuläre Ereignisse sein, wie eine Geiselnahme von 500 Menschen inklusive dem deutschen Botschafter, die unseren (Medien-)Blick über den Tellerrand gelenkt haben. Dieses Ziel, sollte es denn eines gewesen sein, hätte "Tupac-Amaru" jedenfalls erreicht, auch wenn Gewalt nie die Lösung sein kann.

Und außerdem: was bringt's? Im Januar ist doch sowieso schon wieder alles vergessen…

Vielleicht wäre es besser, ein Fest wie zum Beispiel Weihnachten - war da nicht mal was von Liebe und Gerechtigkeit? - all denen zu widmen, die nicht im KaDeWe einkaufen können? Zumindest einen kleinen Gedanken an sie zu verschwenden und vielleicht auch einen kleinen guten Vorsatz zu fassen? An die Slumbewohner auf den Müllhalden in Lima, an die Mädchen, die in Bangkok von deutschen Bierbäuchen missbraucht werden oder an die Obdachlosen weltweit die sich aus Papierkörben "ernähren"?

Das ist im Januar zwar auch vergessen, aber Weihnachten kommt wieder. So sicher wie das Amen in der Kirche.

Johannes Näumann


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