Céline Minard: Das große Spiel – mit Nonne auf Riemen

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Céline Minard: Das große Spiel

Eine Frau zieht sich in die Einsamkeit der Bergwelt zurück, um dort in völliger Autonomie zu leben und sich mit Fragen ihrer Existenz zu beschäftigen. Das klingt nach einer klassischen Aussteigergeschichte. Doch auf Céline Minards Roman »Das große Spiel«, übersetzt von Nathalie Mälzer, trifft dies nicht zu.

Die Protagonistin ohne Namen sucht die Einsamkeit und Nähe zur Natur, sie baut ihr eigenes Gemüse an und unternimmt abenteuerliche Wanderungen in der alpinen Umgebung. Jedoch ist dies eine Geschichte fernab jeglicher Hüttenromantik, und man fühlt zeitweise eher an einen Science-Fiction-Roman erinnert. Die Behausung der Eremitin kann man sich als futuristische Wohnkapsel vorstellen. Für den Bau hat sie ein spezialisiertes Unternehmen beauftragt, das genaue Berechnungen und Planungen angestellt hat, um die Unterkunft an die raue Umwelt anzupassen und die natürlichen Ressourcen zu nutzen, inklusive Isolierung und Photovoltaikmodule.

Die Ausgangssituation klingt spannend. Jedoch ist man beim Weiterlesen des Romans schnell enttäuscht. Der Text wirkt sperrig. Weder den Klettertouren noch den philosophischen Exkursen kann man immer folgen. Ein nachvollziehbares Bild, welchen Weg die Wanderin in den Bergen einschlägt, bekommt man oftmals nicht.

Und selbst wenn man sich auf die philosophischen Gedanken im Roman einzulassen versucht, schlau daraus wird man selten. So ist der folgende Abschnitt in die Kategorie »sinnloses Gerede« einzuordnen:

Die beste Drohung ist eine, die auf ihre Umsetzung verzichtet, denn genau darin liegt ihre Macht, im Druck, den sie ausübt: sich nicht zu verwirklichen. Wenn man die Autorität desjenigen zurückweist, der sie durch Drohung einfordert, macht man sich dann nicht genau das zu eigen, was er verlangt? Ist es deswegen unmöglich, eine Drohung zu ignorieren? Noch mehr als ein Versprechen. Die Autorität: das große Spiel der Menschheit?

Was? Warum liegt so viel Macht in einer Drohung, wenn sie gerade nicht umgesetzt wird? Unverständliche Pseudo-Philosophie.

Ein weiteres Beispiel: Minard spricht an einer Stelle des Romans von einem »kohärenten Feind«. Das klingt im Deutschen komisch. Kohärent bedeutet soviel wie zusammenhängend und es erschließt sich nicht, was dieses Adjektiv in Bezug auf einen Freund oder Feind bedeuten soll, auch nicht im Kontext des Romans. Wie erwartet, handelt es sich bei der Übersetzung um eine wortwörtliche Übertragung des französischen Wortes cohérent. Um sicher zu gehen, dass das Wort im Französischen nicht primär eine andere Bedeutung hat, fragen wir einen Muttersprachler nach seinem Urteil. Er bestätigt, dass die Formulierung auch im Original für ihn merkwürdig klingt.

Céline Minard: Das große Spiel – Ein genauer Blick ins Buch

Die sprachlichen und logischen Ungereimtheiten führen dazu, den Text genauer zu analysieren und die deutsche Übersetzung mit dem französischen Original zu vergleichen. Sind die Holprigkeiten auch der Übersetzung geschuldet?

In der zufällig ausgewählten Textpassage übt sich die Protagonistin auf einer Slackline, nachdem die zweite Figur des Romans, eine Nonne namens Dongbin, inmitten der Berge ein solches Sportgerät befestigt und sich als wahre Meisterin in dieser Disziplin gezeigt hat. Der Begriff »Slackline« fällt im Roman übrigens nicht, weder auf Französisch noch auf Deutsch. Das französische Wort sangle wird mit »Riemen« übersetzt, was falsche Assoziationen weckt. Hier wäre »Gurt« oder »Spanngurt« wohl die treffendere Wortwahl gewesen, der oft genannte »Riemen« irritiert. Genauso wie die darauf herumturnende Nonne.

Oder der Satz »Meine Fesseln […] waren hart wie trockenes Holz«. Warum benutzt die Übersetzerin das Wort Fesseln, das man eher bei Pferden verwendet? »Knöchel« wäre gebräuchlicher, zumal auch das Wörterbuch für chevilles diese Übersetzung nennt.

Kurz darauf folgt dieser Satz:

Ich habe mich auf den Riemen gesetzt, der endlich still hielt, und in dieser Haltung, schwerelos zwischen Tag und Nacht, erfuhr ich einen Moment derart tiefer Ruhe, dass sie meinen Körper zu erfüllen und in die Höhe zu heben schien.

Zum Vergleich das Französische:

Posée sur ce fil de deux centimètres cinq de large, enfin stable, en apesanteur entre le jour et la nuit, j’ai connu un moment de repos si profond qu’il semblait remplir et soulever mon corps.

Hier fallen gleich mehrere Dinge auf:

  1. »der endlich still hielt« – ist in diesem Fall nicht korrekt, weil es einen aktiven Prozess beschreibt. Tiere halten still. »Still sein« oder »bewegungslos« wäre angebrachter.
  2. Der Satz beginnt im französischen Original mit der Textpassage Posée sur ce fil de deux centimètres cinq de large. Diese Info fehlt in der deutschen Übersetzung schlichtweg!
  3. Und nun zum letzten Satzteil »erfuhr ich einen Moment derart tiefer Ruhe, dass sie meinen Körper zu erfüllen und in die Höhe zu heben schien«. Warum das umständliche »dass sie« und stattdessen nicht einfach »die«? Im Französischen, so bestätigte der Muttersprachler, kann man qu’il oder qui sagen. Denn bei sembler handelt es sich um ein Verb, das unpersönlich oder persönlich verwendet werden kann, also qu’il oder qui.
  4. Des weiteren stellt sich die Frage, ob sich der letzte Nebensatz überhaupt auf die Ruhe bezieht und nicht auf das vollständige Satzobjekt »Moment der Ruhe«, sodass es im Nebensatz »der« statt »die« lauten müsste. Im Französischen sind sowohl der moment als auch repos maskulin, wodurch sich nicht  genau sagen lässt, worauf Bezug genommen wird. Sehr wahrscheinlich aber auf den moment, genauer gesagt den moment de repos, also den »Moment der Ruhe«.

Vier auffallende Stellen in einem beliebig herausgegriffenen Satz. Wie ist die Qualität der Übersetzung einzustufen? Und wie die Sprache des Originals?

Fazit:

Céline Minards Roman kann nicht überzeugen. Beim Vergleich der Übersetzung mit dem französischen Originaltext wurden in einem zufällig ausgewählten Satz ganze vier Stellen gefunden, die nicht wirklich gut übertragen sind. Dies spricht nicht unbedingt für die Qualität der Übersetzung. Dennoch ist es nicht der Übersetzerin anzulasten, dass Minards Roman misslungen ist. Es kann nicht die Aufgabe der Übersetzerin sein, sprachliche Absurditäten des Original auszubügeln. Man hätte den Roman erst nicht übersetzen müssen. Bereits das Original wirkt sprachlich und inhaltlich ungelenk und reichlich überflüssig.

Juliane Hartmann

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4 KOMMENTARE

  1. Die Schlussfolgerung, schon das Original sei misslungen, kann nicht überzeugen, wenn zuvor lediglich Beispiele für “auffallende” Stellen der Übersetzung angeführt werden.

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