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Altehrwürdige Bratwurstbude: Über den PEN und Deniz Yücel

Augen zu und durch? Tanja Kinkel und der später wiedergewählte ehemalige Präsident Josef Haslinger auf der PEN-Versammlung in Gotha (Bild: Screenshot Tagesthemen vom 13.05.22)
Augen zu und durch? Die Autorin Tanja Kinkel und der später wiedergewählte ehemalige Präsident Josef Haslinger auf der PEN-Versammlung in Gotha (Bild: Screenshot Tagesthemen vom 13.05.22)

Die Schriftstellervereinigung PEN wurde bislang gerne mit dem Adjektiv »altehrwürdig« versehen. Der umstrittene und schließlich zurückgetretene Präsident Deniz Yücel prägte nun das Wort »Bratwurstbude« für den Verein. Ein »Neustart« soll kommen. Aber wie?

Zentrum von Hass, Neid, Missgunst und Wichtigtuerei?

Bis vor kurzem kannten den PEN die wenigsten. Das Apronym steht für die Begriffe »Poets, Essayists, Novelists«. Neben der internationalen PEN-Vereinigung gibt es das sogenannte »PEN-Zentrum Deutschland«.

Der PEN ist ein elitärer Verein. Man kann dort nicht einfach Mitglied werden, sondern muss von anderen Mitgliedern empfohlen und hinzugewählt werden.

Laut der eigenen Charta verpflichten sich die Mitglieder, »mit äußerster Kraft für die Bekämpfung jedweder Form von Hass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken«.

Liest und hört man die Berichte von der Jahrestagung des PEN am vergangenen Wochenende in Gotha (12.-15. Mai 2022), scheint jedoch der PEN das Zentrum von Hass, Neid, Missgunst und Wichtigtuerei zu sein.

Was war passiert?

Ein verfolgter Autor als Präsident

Im vergangenen Jahr wählte der PEN Deutschland den Journalisten Deniz Yücel zum neuen Präsidenten. Das mag einige erstaunt haben, denn Yücel hatte sich bis dahin keinen Namen als Schriftsteller gemacht. Er war bis 2015 Journalist bei der taz und wechselte dann zu Springers Welt. Yücel ist nicht leise und provoziert gerne mit seinen Artikeln. 20.000 Euro musste seinerzeit die taz als Entschädigung zahlen, nachdem ein Gericht der Meinung war, Yücel habe Thilo Sarrazin einen zweiten Schlaganfall gewünscht.

Der breiten Öffentlichkeit wurde Deniz Yücel bekannt, als er 2017 ein Jahr in »Untersuchungshaft« in einem türkischen Gefängnis saß. Der in Deutschland geborene Yücel, der die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft besitzt und als Korrespondent für die Welt in der Türkei arbeitete, wurde von der türkischen Regierung als Feind der Türkei betrachtet. Man warf ihm vor, PKK-Sympathisant zu sein.

Im Februar 2018 wurde Yücel aus der Haft entlassen und kehrte nach Deutschland zurück. 2020 wurde er in Abwesenheit von einem türkischen Gericht zu einer rund dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Und so wurde Deniz Yücel 2019 in den PEN aufgenommen und im Oktober 2021 zum Präsidenten gewählt. Aufgrund seiner eigenen Erfahrung hielt man ihn offenbar für dieses Amt geeignet, denn mit verschiedenen Programmen wie »Writers at Risk« oder »Writers in Exile« setzt man sich seit Jahren für verfolgte oder inhaftierte Schriftsteller und Journalisten ein.

Doch mit seiner Art war Yücel in der Vereinigung nicht unumstritten. Zu einer ersten öffentlichen Konfrontation kam es, als Yücel bei der Eröffnungsveranstaltung der lit.COLOGNE 2022 eine Flugverbotszone über der Ukraine und somit ein Eingreifen der NATO forderte. Fünf ehemalige PEN-Präsidenten (Regula Venske, Christoph Hein, Johano Strasser, Josef Haslinger und Gert Heidenreich) forderten daraufhin in einem offenen Brief seinen Rücktritt. Mit seiner Forderung verstoße Yücel gegen die oben erwähnte Charta des PEN.

»Skandal! Präsident des Vereins der freien Worte äußert freie Worte!«, fasste es Nele Pollatschek in einem Kommentar in der Süddeutschen zusammen.

Kindergarten alter Männer

Daraufhin wurden den Medien weitere Interna aus dem PEN zugespielt, die zeigten, wie umstritten Yücel ist. Einige sprachen sich für ihn aus, andere erhoben gar Mobbingvorwürfe im Umgang mit Mitarbeitern.

Bei der Jahresversammlung in Gotha kam es dann zur offenen Konfrontation. Ein Bericht in den Tagesthemen vom 13.05.22 gibt einen Eindruck von der Veranstaltung, bei der man sich gegenseitig anschrie, johlte und feixte. Es gab juristische Drohungen. Alles wirkt wie ein Kindergarten alter Männer.

Bei einem Abwahlantrag sprachen sich 75 Anwesende für Deniz Yücel aus, 73 waren gegen ihn. Ein knappes Ergebnis.

Doch als anschließend das Präsidiumsmitglied und der Yücel-Vertraute Joachim Helfer keine Mehrheit erhielt, Yücel-Gegner und Generalsekretär Heinrich Peuckmann jedoch schon, warf Yücel hin, erklärte seinen Rücktritt und den Austritt aus dem PEN. Daraufhin trat das verbleibende Präsidium ebenfalls zurück

Yücel teilt aus

Und jetzt teilte Yücel richtig aus. Auf Twitter schrieb er: »Die Idee vom PEN finde ich ja gut. Ich habe auch nichts gegen Bratwurst. Nur mit einer als PEN getarnten #Bratwurstbude will ich nichts mehr zu tun haben.« Der PEN werde »dominiert von Spießern und Wichtigtuern Ü70, die ihre Mitgliedschaft als Ausweis der eigenen Zugehörigkeit zur publizistischen oder literarischen Elite brauchen«.

Auf Twitter und später in einem SZ-Interview wirft Yücel dem PEN vor, dass der Verein die rund 600.000 Euro Förderung für das »Writers in Exile«-Programm uneffektiv und intransparent einsetze. Der Verein schmücke sich mit diesem Programm, doch er erledige die Aufgaben »sehr schlecht für das viele Geld, was er dafür bekommt, und im Vergleich zum Verwaltungsaufwand«. Auf Twitter empfiehlt er Claudia Roth indirekt, sich nach einem anderen Träger für das Programm umzusehen.

Als »Festspiele verletzter Eitelkeiten« bezeichnet Cornelius Pollmer in der Süddeutschen die Jahrestagung.

Freilich geben dabei beide Seiten keine gute Figur ab. Ein unwürdiges Schauspiel.

Neustart wohin?

Schließlich wird als Interimspräsident des PEN der ehemalige Präsident Josef Haslinger gewählt, also einer derer, die den offenen Brief gegen Yücel unterzeichnet hatten. Für Haslinger stimmten 133 von 145. Er wolle nun den Neustart vorbereiten. Der Ruf nach einer Verjüngung des PEN wurde laut.

Leser von Pressemitteilungen wissen, dass Begriffe wie »Neustart« und »Durchstarten« meist bedeuten, dass letztendlich alles beim alten bleibt.

Für kurze Zeit hat durch den Streit eine etwas breitere Öffentlichkeit vom PEN erfahren. Die »Bratwurstbude« wird das »alterwürdige« eine Zeit lang überstrahlen. Warum sollten jüngere Autorinnen und Autoren sich für und in diesem Verein engagieren?

Schaut jemand nochmal nach den Steuergeldern?

Wolfgang Tischer

Nachtrag und Lesetipp: Friedrich  Christian Delius tritt aus dem PEN aus

»Wie konnte mein PEN seinem Präsidenten Deniz Yücel so übel mitspielen?«, fragt sich der Schriftsteller Friedrich  Christian Delius in einem Gastbeitrag der FAZ. Nach 50 Jahren tritt er aus dem PEN aus.

Und noch zwei nachgetragene Links:

Schriftstellerin Maxi Obexer ist Teil des neuen »Notvorstandes« des PEN. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur spricht sie über das Wochenende in Gotha und wie es nun weitergehen könnte. Sie hofft, dass einige der von Deniz Yücel angestoßenen Veränderungen weitergeführt werden. (16.05.2022)

Schriftstellerin Jana Hensel bedauert in der ZEIT (Paywall), dass durch die Abwahl Yücels die Erneuerung des PEN ausgeblieben sei. Leider seien viele der Unterstützer:innen Yücels nicht nach Gotha gekommen und z. T. nur online dabei gewesen. (18.05.2022)

3 Kommentare

  1. Ich fände es schade, wenn der PEN sich mit der ursprünglich aufgeworfenen (alten) Frage gar nicht mehr sachlich beschäftigen würde, nämlich: Widerspricht die Befürwortung des Einsatzes militärischer Verteidigung (Flutverbotszone) stets dem Wirken für das Ideal einer in Frieden lebenden Menschheit?

  2. Es gibt intelligentere Möglichkeiten für die Denk u Kulturelite Europas als sich mit kurzfristigen Kriegstaktiken zu beschäftigen. Das machen eigentlich nur Parteipolitiker
    ZB mit einer Analyse warum es zu solchen Konflikten kommt u wie man sie künftig vermeiden kann
    Und eine Vision für die Zukunft zu entwickeln
    Das macht zB eine andere Bewegung:
    INtegrated ART
    In jedem Fall sollte man von den PEN Mitgliedern das erwarten inkl besseren respektvollen Umgang miteinander

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