StartseiteLyrikSchreib-Retreat: Gedichte über Wald und Schwarzwald

Schreib-Retreat: Gedichte über Wald und Schwarzwald

Ende Oktober 2026 fand in der Black Forest Lodge in Igelsberg das erste Schreib-Retreat im Schwarzwald statt. Die Teilnehmerinnen waren begeistert und hatten Zeit zum Schreiben. Spontan entstanden am letzten Tag Gedichte und Texte über den Wald im allgemeinen und den Schwarzwald im Besonderen.

Sonnenlicht fällt zwischen hohen Tannenstämmen auf moosigen Waldboden.

Über den Schwarzwald

Für Ernest Hemingway ein Quell für kristallklares Gebirgswasser – günstig zum Angeln.

Für Hermann Hesse der Landstrich mit den allerschönsten Hügelfluchten.

Für Mark Twain ein Ort, wo Menschen die Natur regelrecht auf der Haut spüren dürfen.

Für Ludwig Auerbach eine ewig junge Schatzkammer unendlichen Zaubers – und: Jener einzige Flecken Erde, wo er begraben sein wollte.

Für User030 eher eintönig. Das Meer fehlt. Könnte hipper sein.

Für mich eine neue Heimat, die faszinierend viele Gesichter hat.

Marion Stieglitz

Ein Waldweg voller Herbstlaub führt zwischen Tannen hindurch.

Refugium in der Schwarzwaldschlucht

Idyllisch versteckt,ich wandere auf sie zu.Holzhütteumringt von Felsender Schwarzwaldschlucht.Steil, gewaltig,umzingeln das Haus.Bedrohlich sperren sie es ein,Naturgewalt.Ist dies Schutz, Geborgenheit?Abgeschieden fern der Hektikweg vom Lärm des Lebens.Laut rauscht der Bacheiskalt, glasklar.Wild äst im Morgengrauen.Wolken formen Bilder am Himmel.Der Wald ist dicht,niemand ahnt Menschen zu begegnen.Verzicht auf Luxus,zufrieden mit Wesentlichem.Holzhütteabgeschieden und einsam.Zurückziehen in eine andere Weltwie es früher war,wenn man will.

Edith Rieger

Blick nach oben in die Kronen hoher Tannen, dazwischen blauer Himmel.

Sitze auf einer SchaukelUnd blicke über Hügel Täler WolkenZwei Bussarde fliegen davonIn Wolken Weite BläueSo werde ich einmal in die Unendlichkeit fliegen

Christa Degen

Ein rot-gelb gefärbtes Espenblatt auf braunem Herbstlaub.

Was bleibt

Im Licht eine Skala vonGelb Rot Brauntönen –der Wind treibt die Blätterauseinander.Moos überzieht die braunschwarzeErde mit vielerleiGrün, weich, sanftNoch schenken sonnigeTage WärmeVogelbeeren, Pfaffenhütchenglänzen an kahlen ZweigenBald folgen nebelschwereTage

Ursula Grüllich

Eine rote Hagebutte zwischen grünen Blättern.

Schwarzwald

Bei uns unten in Basel,wo der Schwarzwald nicht weit ist und doch in einem andern Land,da kannten wir Kinder die Facts aus den Liedern, die wir im Kindergarten sangen,und aus den Geschichten, die wir in der Schule lasen:Im Schwarzwald steht ein Häuschenund darin wohnt der Santichlaus, also der Nikolaus,mit dem Schmutzli und dem Esel.Am 6. Dezember wandern die drei durch die Langen Erlen nach Basel.Sie binden den Esel an einen Stamm und der Santichlaus geht zu Fuss in die Stadt.Der Schmutzli trägt ihm den Sack nach.Darin sind Äpfel, Nüsse und Birnen.Später auch Schokolade, Lebkuchen und Legosteine.Wenn die Kinder brav waren, leert der Santichlaus den Sack in der Stube auf den Teppich aus.Und geht zurück in den Wald.Das lernten wir im Kindergarten.Aber die alten Leute sagten uns, wie es wirklich war:In den leeren Sack kamen die bösen Kinderund der Esel trug den Sack zu dem Häuschen im Schwarzwald.Dort mussten die bösen Kinder ein Jahr lang bleibenund Ruten bindenund Tannennadelsuppe essen.

Elsa Zett

Ein Fichtenzapfen zwischen dürren, flechtenbewachsenen Zweigen.

Geradeaus in Kreisen gehen

ich gehe in Kreiseneine Ewigkeit langim Dickicht der Tannenhat sich die Kälte in meinen Körper gefressenso tiefich habe mein Herz herausgerissendas zuckende Dingdamit es nicht erfriert

ich wickle es in feuerrote Farne,schnüre es mit Spinnfädenzu einem rostroten kleinen Päckchenbedächtig zusammendass es pulsiert und pocht und qualmt

Man sagtdie Knochenfrau wohnt hier im Waldzwischen nacktem Geästhält sie sich in den Tiefendes Waldes verstecktich suche nach ihrich gehe im Kreismein festgeschnürtes Herzbald bin ich bereit

doch als ich sie findenach ewigem Suchenin den Wurzeln der Bäumelege ich es ihr niederam Stumpf einer Fichte

da höre ich sie lachenSpinnfäden reißenund Farne vergehnich sehe jetztwas immer wardas Herzdas nicht erfrieren solltees ist schon längstzu Asche verweht

Sarah Binzenbach

Ein Tannenzweig mit dunkelgrünen Nadeln auf braunem Waldboden.

Im Schwarzwald

Ich steh einfach still.Die Tannen auf dem Marktplatz des Waldesspüren den Atem der anderen,fassen sich an Ästen und Wurzeln,lassen mireine warme Mitte.

Ich schenk ihnen mein Lächeln,denn sie brauchen es.Ich geb ihnen den Dank,der ihnen gebührtauf dem Marktplatz des Waldes.

Christine Lange-Krüger

Baumrinde, überzogen von hellen, blaugrünen Flechten.

in den Träumen des Waldeslächelt Lichtin das Moos nahe beim Stammund Astflechten grünen

lächelt Lichtüber hellblauer Rindeund Astflechten grünenim Wind unauffindbarer Stunden

über hellblauer RindeWorte am Wegim Wind unauffindbarer Stundenund niemand geht gänzlich allein

Worte am Wegin das Moos nahe beim Stammund niemand geht gänzlich alleinin den Träumen des Waldes

Henriette Paul

Dichtes Moos mit einem einzelnen Kleeblatt.

Die Autorinnen

Die Texte sind am letzten Tag des Schreib-Retreats im Schwarzwald im Oktober 2026 entstanden. Die Teilnehmerinnen hatten spontan beschlossen, über den Wald zu schreiben. Die Fotos stammen von einer kleinen Wanderung am selben Tag.

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