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Bücher nach Bachmann: Martin Piekar – Vom Fällen eines Stammbaums

Autor Martin Piekar nach seiner Lesung
Autor Martin Piekar nach seiner Lesung beim Bachmannpreis 2023 (Foto:Tischer)

Ein Text über das Leben mit der Mutter. Ein Schrei bei Minute 19. Martin Piekar las 2023 beim Bachmannpreis, gewann Kelag- und Publikumspreis. »Vom Fällen eines Stammbaums« heißt der Roman, der drei Jahre später daraus entstanden ist. Eine Geschichte über Herkunft, Fremdsein, Musik, Alkohol, Computerspiele, Freundschaft und Liebe.

Unter den 14 Lesenden beim Bachmannpreis 2023 fiel er bereits optisch auf: groß, breite Schultern, schwarz gekleidet, lange Haare, Ohrring und schwarz lackierte Fingernägel. Die Erzählfigur in seinem Text war eng an den Autor angelegt. Ein Gamer und Metal-Fan. »Es ist schon mein Leben«, sagte der Autor Martin Piekar damals im Podcast des literaturcafe.de. Eine Kindheit mit der Mutter in einer zu kleinen Wohnung, Wand an Wand. Die Mutter war aus dem damals noch kommunistischen Polen geflüchtet. Der Sohn in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Mutter war Lehrerin, nach der Flucht arbeitete sie als Altenpflegerin. Jetzt ist sie berufsunfähig und schwer alkoholkrank.

Jury-Mitglied Klaus Kastberger hatte Martin Piekar 2023 nach Klagenfurt eingeladen. Piekar hatte sich als Lyriker bereits einen Namen in der Szene gemacht. Er hoffe, so sagte er vor drei Jahren nach seiner Lesung, dass mehr aus diesem Text werde.

Das Buch »Vom Fällen eines Stammbaums« von Martin Piekar
Das Buch »Vom Fällen eines Stammbaums« von Martin Piekar

»Roman« steht drei Jahre später auf dem Cover des Buches, das aus dem Text hervorgegangen ist: »Vom Fällen eines Stammbaums«, erschienen im Rowohlt Verlag.

»Roman« ist auch hier die typische literarische Absicherung eines autofiktionalen Werks, das keine beglaubigte Biografie sein will, obwohl es unverkennbar in der Wirklichkeit ankert.

Der kleine Klagenfurt-Text entfaltet sich zum 400-Seiten-Buch, obwohl auch dafür – wie im Nachwort zu lesen ist – einiges gekürzt wurde.

Der Roman beginnt kurz vor der Polen-Reise des 27-jährigen Protagonisten, der Martin Piekar heißt, von der Mutter Marcin genannt. Sie fleht ihn an, nicht in das Land zu reisen, aus dem sie seinerzeit geflüchtet ist. Sodann springen wir in die Zeit des Bachmann-Textes, in das Alter, in dem Kinder gegen die Eltern revoltieren. Doch Marcin kann es nicht, da er nur seine Mutter hat. Adipös und alkoholkrank wird sie im Laufe der Geschichte immer hilfloser, will die Wohnung nicht mehr verlassen.

»Vom Fällen eines Stammbaums« ist viel, und all dies gelingt dem Autor mit Bravour. Es ist eine Erinnerung, eine Liebeserklärung und Liebesversicherung an die Mutter, die 2023 – rund zwei Monate vor dem Bachmann-Wettbewerb – verstorben ist. Die Reise nach Polen wird zur vielzitierten Reise in die Vergangenheit. Piekar trifft seinen Vater, der in Polen geblieben ist. Stück für Stück werden der Stammbaum und die Geschichte der Mutter freigelegt. Vom Fällen zunächst keine Spur.

Es ist – von außen betrachtet – eine schlimme Kindheit, wenn man mit der kranken Mutter allein leben muss. Doch der Autor Piekar beschreibt all das von innen ohne Larmoyanz und lakonisch selbstverständlich. Diese Diskrepanz macht den Text so stark, erst zum Ende schleicht sich mehr Emotionalität ins Buch.

Neben der Flucht in die Welt von Warcraft III ist es die Musik, die Martin Kraft gibt. Es gibt viele Romane mit Musikzitaten, doch hier sind sie fester Bestandteil des Textes, sie ergänzen und kommentieren, als wären sie nur für das Buch und die Geschichte Marcin geschrieben. In Klagenfurt hat Martin Piekar sie sogar gesungen.

Weite Passagen bestehen aus Dialogen mit der Mutter. Die eingebauten Info-Happen stören dabei nicht, da sie klar als Teil des Erzählkonzepts erkennbar sind.

Der polnische Akzent der Mutter ist konsequent phonetisch wiedergegeben, also ein i für ein ü, ein ee für ein ö, der Satzbau meist inkorrekt, oft wird komplett ins Polnische gewechselt, manchmal in eckigen Klammern übersetzt, manchmal nicht, wenn der Inhalt auch so klar ist. ›Darf man nicht reden mit Wand? Was mache ich beeses?‹

So beschrieben klingt das anstrengend und bemüht, doch funktioniert es hervorragend und wirkt beim Lesen nie wirklich anstrengend und bemüht.

»Vom Fällen eines Stammbaums« ist ein Buch über die Familiengeschichte und auch über Freundschaft.

Und dass dieser Junge trotz der enormen emotionalen Belastung zum preisgekrönten Lyriker wird, sein Abitur macht, Lehramt studiert und dann als Lehrer in einem nicht einfachen Umfeld arbeitet, wird nebenbei und ohne viel Aufhebens miterzählt.

Vom eigenen Leben, von der Familie, von Krankheiten zu berichten, kann schmerzlich sein. Für Außenstehende ist es selten interessant.

Es sei denn, man ist ein Sprachkünstler wie Martin Piekar, der auf allen seines Romans den richtigen Ton findet und die geeigneten sprachlichen Mittel hat, das Gewollte meisterlich umzusetzen.

Beeindruckend, was für ein literarisches Denkmal der Autor mit »Vom Fällen eines Stammbaums« für seine Mutter geschaffen hat, nachdem die kleine Wohnung längst leergeräumt ist.

Wolfgang Tischer

Martin Piekar: Vom Fällen eines Stammbaums: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Rowohlt Hardcover. ISBN/EAN: 9783498007461. 26,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Martin Piekar: Vom Fällen eines Stammbaums: Roman. Kindle Ausgabe. 2026. Rowohlt E-Book. 19,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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