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Zeitlos im Zeitgeist: »Bei Regen in einem Teich schwimmen« von George Saunders

George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen.
George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen.

»Bei Regen in einem Teich schwimmen« lautet der Titel einer Kurzgeschichte von Anton Tschechow. George Saunders nimmt uns in seinem gleichnamigen Buch mit in die Welt der »russischen Meister« und zeigt, warum ihre Texte zeitlos sind. Schade nur, dass sich die deutsche Übersetzung im Zeitgeist verheddert.

Im Zentrum des Buches stehen sieben vollständig abgedruckte Erzählungen von großen russischen Autoren, die George Saunders untersucht. Der Autor zeigt, wie Spannung entsteht, wie Figuren Tiefe bekommen und warum manche Geschichten einen nicht mehr loslassen. Diese Klassiker sind keineswegs verstaubt, sondern überraschend lebendig, komisch und menschlich.

Wie funktioniert eine Geschichte?

Der 1958 in Texas geborene Saunders zählt zu den wichtigsten amerikanischen Erzählern der Gegenwart. Seine Bücher mit Erzählungen »Pastoralia« (2000) und »Tenth of December« (2013) machten ihn bekannt. Mit seinem Roman »Lincoln im Bardo« gewann er 2017 den Booker Prize.

Seit 1997 lehrt George Saunders Creative Writing an der Syracuse University im Staat New York. Zwanzig Jahre lang stellte er Studierenden dieselbe Frage: Wie genau funktioniert eine Geschichte? Aus diesen Seminaren und Vorlesungen entstand das Buch.

Wie ein literarisches Seminar – nur besser lesbar

Beim Lesen fühlt man sich tatsächlich wie in einem Literaturseminar – nur ohne die trockene Theorie. Man spürt, dass Saunders diese Texte ursprünglich mit Studierenden besprochen hat. Das Buch vermittelt dieses Gefühl: Man sitzt mit einem klugen, begeisterten Lehrer im Raum, der Literatur wirklich liebt und diese Begeisterung weitergibt.

Saunders‘ Werk ist weit von einer Lektürehilfe aus dem Deutschunterricht entfernt, sondern locker-leicht und amüsant.

Schreibratgeber und Leseschule zugleich

Man kann »Bei Regen in einem Teich schwimmen« als Schreibratgeber betrachten. Schreibtipps wie »lieber spezifisch als allgemein formulieren«, »Kill your darlings« und »nicht alles auserklären, sondern Raum lassen« tauchen auf.

Viele junge Autor:innen beginnen in der Annahme, eine Erzählung sei ein Ort, um ihre Meinungen auszudrücken – um der Wilt mitzuteile, woran sie glauben. Sie verstehen den Text als Sprachrohr für ihre Ansichten. Mir ging es jedenfalls so. […] Doch handwerklich (er)trägt die Literatur Meinungsstärke nicht gut. […] Aber vielleicht lautet die Frage nicht so sehr, ob eine Überzeugung in einer Erzählung aufscheint, sondern wie – das heißt, wie sie genutzt wird.

Ebenso ist »Bei Regen in einem Teich schwimmen« ein hervorragender Einstieg in die russische Literatur, gerade für die, die bisher von den großen Namen abgeschreckt waren. George Saunders macht die Klassiker zugänglich – und vor allem: Er macht Lust auf mehr. Nach der Lektüre von »Herr und Knecht« von Leo Tolstoi möchte man sofort zu »Anna Karenina« oder »Krieg und Frieden« greifen.

Saunders nennt die russischen Klassiker eine »Literatur des stillen Widerstands«: Texte, die geschrieben wurden, um herauszufordern, zu provozieren, zu empören – und auf komplexe Weise zu trösten.

Saunders beantwortet die Frage, was Literatur leistet: »Sie sorgt dafür, dass sich ein Geist zunehmend verändert. Das war’s schon. Aber hey – das tut sie wirklich. Diese Veränderung ist begrenzt, aber real.«

Frank Heibert und der Doppelpunkt

George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen.
George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen.

Die deutsche Übersetzung stammt von Frank Heibert, ausgezeichnet mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis (2012) und dem Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis (2016). Heibert übersetzte bereits Saunders‘ Booker-Prize-Roman »Lincoln im Bardo. Für »Bei Regen in einem Teich schwimmen« stellte er die sieben russischen Erzählungen aus neueren Übertragungen aus dem Russischen zusammen und übersetzte sie nicht aus dem Englischen – Tschechow von Barbara Conrad und Vera Bischitzky, Turgenjew von Vera Bischitzky, Tolstois »Herr und Knecht« von Hermann Röhl, Gogols »Nase« von Dorothea Trottenberg.

Dass Heibert zwar preisgekrönt aber bisweilen auch eigenwillig übersetzt, ist bekannt. Bei »Fuchs 8« sprach Saunders‘ Fuchs im Original kindlich-lautmalerisch (»Deer Reeder«, »werds I spel rong«), im Deutschen aber in Jugendslang (»Tu dir das ma rein, Alter«).

In »Bei Regen in einem Teich schwimmen« fällt etwas anderes auf: Heibert gendert mit Doppelpunkt. Leser:innen, Autor:innen. Im englischen Original stellt sich diese Frage nicht. Readers, writers. Die Diskussion ums Gendern ist omnipräsent und emotional geführt. Leider geht es dann nicht mehr um die Inhalte.

Bei Amazon hat die deutsche Ausgabe des Werkes genau 100 Bewertungen (Stand Februar 2026), Durchschnitt 4,4 von 5 Sternen. In den meisten Rezensionen, die nicht die volle Punktzahl geben, wird die gegenderte Übersetzung bemängelt. Als »Leser:innen« möchte sich diese Menschen offenbar nicht ansprechen lassen. Die Form lenkt auch hier vom Inhalt ab.

Eine editorische Notiz zur Entscheidung für den Doppelpunkt gibt es im Buch nicht. Das Satzzeichen steht gewissermaßen kommentarlos im Raum, obwohl es im Original kein Thema ist. Der Übersetzer stand laut Danksagung im Kontakt mit dem Autor. Eine Erläuterung hätte geholfen, warum es zu dieser Entscheidung kam und inwieweit sie mit Saunders abgestimmt ist. So landet ein Buch über zeitlose Klassiker hierzulande leider oft in der zeitgeistigen Gender-Debatte.

Wenn es also wieder einmal regnet, schwimmen Sie in einem Teich – oder greifen Sie zu Tschechow bzw. George Saunders. Es lohnt sich: Man kommt um eine Erfahrung reicher wieder.

Juliane Hartmann

George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen. Taschenbuch. 2023. btb Verlag. ISBN/EAN: 9783442773725. 16,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen: Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen. Gebundene Ausgabe. 2022. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630876979. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Bei Regen in einem Teich schwimmen: Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen. Kindle Ausgabe. 2022. Luchterhand Literaturverlag. 13,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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1 Kommentar

  1. Liebe Frau Hartmann, ich freue mich, dass Sie genau lesen und auch die Übersetzung wahrnehmen, das findet nicht in allen Rezensionen statt — und durchaus gern, wenn es etwas zu bemängeln gibt, weniger, wenn etwas gefällt. Nun ja. Sie stimmen ein in den kritischen Chor der Amazon-Rezensionen, die Sie erwähnen — mit dem Vorwurf des unbegründeten Genderns, da das ja im Englischen gar kein Thema sei. Nun ist es so, dass George Saunders deutlich zeigt, dass ihm der Respekt vor Frauen wichtig ist, durch eine Änderung der früher üblichen Gepflogenheit, die männliche Form generell für alle Geschlechter zu verwenden. Das wird, Sie haben es richtig bemerkt, im Englischen nicht so gemacht wie im Deutschen: Er schreibt immer wieder einmal „the writer“ und im Folgenden dann „she“ — ein unübersehbares Signal. Ich habe mit ihm darüber Rücksprache gehalten, auch mit dem deutschen Verlag. Im Deutschen habe ich verschiedene Möglichkeiten dafür: abwechselnd männliche und weibliche Formen verwenden, neutrale Formen verwenden — oder, in Einzelfällen, die Doppelpunktform, die am auffälligsten ist. Ich habe mir gut überlegt, wo ich was mache. Das hätten Sie — Journalismus ist ja, wie das Literaturübersetzen auch, zu einem großen Teil Recherche — bei mir erfragen können. Leider wollen Sie lieber bewerten und abwerten; Sie nennen meine Preise und stellen meine Übersetzungen als „eigenwillig“ (gleich unzuverlässig) dar, setzen also ein Fragezeichen an die Juryentscheidungen; Ihr Beleg dafür ist aber keiner: Die englische Stelle, die Sie zitieren, habe ich nicht mit Jugendslang übersetzt, die Jugendslang-Stelle, die Sie auf Deutsch zitieren, ist auch bei Saunders umgangssprachlich-slangig. Damit und mit der Hervorhebung meiner Gender-Entscheidung zeichnen Sie ein negatives Bild von meiner Arbeit; ist das Lesen der Doppelpunkte so unerträglich, dass die Qualität der Übersetzung davon überdeckt wird? Gerade dieses Buch, das sprachliche Fragen im Russischen und Englischen thematisiert, war nicht einfach ins Deutsche zu übersetzen, Sie loben die Leichtigkeit, mit der Saunders Schreiben lehre (und raten Sie, wie die im Deutschen zustandekommt). Es ist schade, dass Ihnen Ihr subjektives Haar in der Suppe mehr Worte wert ist, zumal Sie es qua Recherche vielleicht hätten ausräumen können. Oder sollte ich Ihrer Auffassung nach Saunders‘ Respekt vor Frauen im Deutschen unterschlagen? Ihr Wunsch nach einer Einordnung des Genderns macht mich nachdenklich. Finden Sie, ich muss mich, quasi entschuldigend, dafür rechtfertigen, dass ich des Autors Respekt vor Frauen, also auch vor Ihnen, auch im Deutschen abbilde? Dass Saunders politisch nicht zu den Konservativen gehört, ist bekannt. Ich hätte ihn verfälscht, wenn ich mir dazu nicht deutschsprachige Lösungen überlegt hätte — was Sie dann „im Zeitgeist verheddern“ nennen. Schade, dass vielmehr Sie sich im noch etwas aktuelleren, nämlich rückwärtsgewandten Zeitgeist verheddern.

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