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Auf diesen Tag hatte ich gebannt gewartet.
Jener 26. Juni 2000, an dem Bill Clinton
zusammen mit Francis Collins und Craig Venter während einer Pressekonferenz
im Weißen Haus den erfolgreichen Abschluss des Human Genome Projects
(HGP) bekannt gab, also die gelungene Entschlüsselung des menschlichen
Erbguts, mag für die Menschheit ein epochales Schicksalsdatum darstellen,
ähnlich jenem 20. Juli 1969, an welchem Neil Armstrong als erster
Mensch außerirdischen (Mond-)Boden betrat. Für mich war es
mehr, etwas besonderes, ein Outing gewissermaßen.
Haben Sie sich nie gefragt, wessen
Genom, stellvertretend für die menschliche Gattung nun konkret sequenziert
wurde?
In den verschiedenen Zentren des weltweit
koordinierten Projektes griff man natürlich auf das Erbmaterial verschiedener und natürlich
ausgewählter Exemplare des Homo Sapiens zurück.
Craig Venter legte besonderen Wert auf eine,
nun, etwas »elitäre« Auswahl jenes prototypischen, menschlichen
Erbmaterials.
Mit anderen Worten: er stellte sich bzw.
eine eigene Körperzelle zur Entschlüsselung bereit.
Sie wissen ja, der Bauplan jedes Lebewesens,
die DNA, steckt als sich selbst entpackende EXE - Datei ausnahmslos in
allen Zellen des Organismus.
Aus Craig Venters Umfeld wird kolportiert,
die von ihm bereitgestellte Zelle stamme aus einer Schuppe, die ihm vom
fast kahlen Haupte fiel.
Wie auch immer, Venter ist zwar monoman,
dennoch lässt er einige wenige neben sich gelten.
Jedenfalls trat er 1998 an Udo Schultz heran,
damals International Chairman von MENSA,
und brachte in einer für ihn typischen Weise sein Anliegen vor:
»Udo, I need a real German genius,
someone like Einstein or that. Do you know somebody? I can't stand all
those other fucking American bastards!«
Zwei Tage später rief mich Udo an.
Craig wolle für sein Projekt auch eine deutsche DNA, ob ich mich
bzw. meine DNA nicht zur Verfügung stellen möchte.
Ich wusste natürlich von dem Projekt
und, gut, ich fühlte mich geschmeichelt. Aber wollte ich wirklich
bis in die letzten Basen meiner Existenz bzw. meiner DNA durchleuchtet
sein?
Ich erbat mir zwei Tage Bedenkzeit.
Es wurde ein faustisches Ringen mit mir
selbst. Alas! oder pourqoi pas?
Am Ende obsiegten Neugier und Ethos: Wenn
es denn der Wissenschaft und der Wahrheitsfindung dient.
So spendete ich am Tag darauf Blut und Zelle
für jenen höheren Zweck.
Craig hielt mich über den Fortgang
meiner Sequenzierung auf dem Laufenden. Im Abstand weniger Wochen wurden
nach und nach meine 23 Chromosomen geknackt.
2 Tage vor der offiziellen Bekanntgabe im
Weißen Haus erhielt ich aus den Staaten eine eMail mit nur 3 Worten:
It's done!
Es war vollbracht.
Inzwischen wurde ich für meine Teilnahme
mit einer DVD beschenkt, auf der mein kompletter genetischer Code gespeichert
ist.
Beigefügt auch ein kurzes Schreiben
des amerikanischen Präsidenten:
»On behalf of the American people
I would like to thank you for the important role you have played in this
remarkable scientific achievement.«
Die üblichen großen Worte.
Ich selbst bin nun ganz mit dem Studium
meiner DNA-DVD beschäftigt. Es ist dies die finale Phase meiner Selbstfindung.
Es geht nicht mehr um Biologie, in meinen
Genen suche ich in Wirklichkeit Geist und Gott.
Haben Sie schon einmal erlebt, wie kahlköpfige
Jungs in Springerstiefeln beim Anblick von Menschen mit dunkler Pigmentierung
manchmal mit Grunzlauten und affenartigem Gang und Gesten reagieren?
Eine tiefe Wahrheit wohnt dem inne:
Nur wenige Promille unterscheiden den Menschen von seinem tierischen Vetter.
Mein (und Ihr!) Genom sind nämlich
zu über 99% mit dem eines
Schimpansen identisch.
Mit anderen Worten: Der Ursprung des Geistes
liegt in geringfügigen genetischen Differenzen der Hominiden, die
demnächst exakt lokalisiert werden können.
In der noch andauernden Kartierung des Schimpansen-Genoms
wurden bereits auf dessen DNA-Strang Abschnitte gefunden, die Ähnlichkeit
zu jenen Abschnitten der menschlichen DNA aufweisen, die vermutlich die
Herausbildung mentaler Funktionen steuern.
Ich scheue mich nicht, Ihnen eine heiße
Spur zu präsentieren, die ich derzeit verfolge.
Sie sehen unten eine Gegenüberstellung
»verdächtig« ähnlicher Abschnitte meiner geisthaltigen
DNA (1) und der etwas haarigeren DNA (2) des Schimpansen.
Die vier kombinierten Lettern des genetischen
Alphabets: A,T,G,C, die Bits der Biologie, stehen bekanntlich für
die Basen Adenin, Thymian, Guanin und Cytosin.
- TCAGCCTACGTTATACTACAHAAHATACTGCCGAGCCGAGAACGA
- TCAGCCTACGTTATACTACGAGAGATACTGCCGAGCCGAGAACGA
Schreiben Sie mir,
wenn es Ihnen gelingt, in diesem Buchstabengewirr die entscheidenden Unterschiede
zu entdecken!
Der Lohn für diese intellektuelle Herausforderung
könnte ein tieferer Einblick in die wahre Natur des Geistes sein.
Ihr Wilhelm
Weller
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