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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
Juni 2000 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


Be cool, baby: I LOVE YOU!
Von Viren, Würmern, mails und Menschen
Wilhelm Weller

5. Mai 2000. An diesem Tag kam Angelina zu mir, sichtlich nervös, fast panisch.
     In der Hand einen Brief, dessen äußerste Ecke sie eingeklemmt zwischen den Spitzen ihres Daumens und Zeigefingers festhielt - den Arm weit von sich gestreckt und eyes wide open.
     »Was ist los, cherie?«
     »Schau doch, schau!« rief sie mit erregter, zitternder Stimme. Sie hielt mir den Brief vor das Gesicht.
     »Ein Virus!«
     »Be cool, baby! Und halte mir das Ding nicht ständig vor die Nase, lege es hier auf den Tisch!«
     Sie ließ den Brief auf meinen Schreibtisch fallen und beruhigte sich ein wenig.
     »Ein Glück, dass ich heute Morgen die Warnungen im Radio hörte, sonst hätte ich ihn geöffnet. Siehst du, was vorne in großen Buchstaben drauf steht: I LOVE YOU!«
     Tatsächlich, sie hatte Recht. Links neben ihrer Adresse zierte ein kalligraphisch anmutender Schriftzug das Kuvert, liebevoll mit roter Tinte gesetzt. Umrahmt waren die Worte von niedlich aufgemalten Rosenblüten.
     Ich mag Angelina, ich mag sie sehr.
     Deswegen teilte ich ihre Besorgnis. Wer mochte diesen Brief wohl geschrieben haben, wer wollte sich noch an sie heranmachen?
     Ich streifte mir die Gummihandschuhe für den Abwasch über, nahm eine Pinzette und drehte den Brief damit um.
     Absender: John Malcovich. 64287 Darmstadt. Park Rosenhöhe 5.
     Das war in der nächsten Nachbarschaft.
     Seltsam, ich kannte hier keinen Malcovich. War der neu zugezogen?
     »Angie baby, ich muss dich aufklären. Es gibt verschiedenste Virenarten:
     Makroviren, Trojanische Pferde, Hoaxes und so genannte Würmer. Dies hier ist ein äußerst gefährlicher Wurm!«
     Dann machte ich ihr klar, dass in solchen Fällen nicht nur das Gesundheitsamt, sondern auch das Bundeskriminalamt eingeschaltet werden muss.
     »Diesen Virus wird man in einer speziellen Verbrennungsanlage zusammen mit dioxinhaltigem Müll verbrennen müssen!«
     Ich sah, wie sie erbleichte.
     »Be cool, baby! Du hast ihn nicht geöffnet, es passiert dir nichts. Ich sorge dafür, dass das Zeug richtig entsorgt wird.«
     Um sich in Zukunft besser vor versteckten Viren in der Post zu schützen, gab ich ihr eine CD ROM mit den neuesten Tools von Mc Affee mit.
     »Lege das in deinen Briefkasten, oder noch besser: Lass die Scheibe dort fest installieren. Für das Loch in der Mitte brauchst du allerdings eine passende Schraube.«
     Sie schaute mich mit ihren großen, lieben Augen an: »Mein Gott, wenn ich DICH nicht hätte!«
     »Aber du hast mich doch, cherie!«
     Kaum zu glauben, wie nah man sich durch einen Liebesbrief kommen kann.
     Zwei Wochen später, wir hatten eine lange, schöne Nacht hinter uns, fragte mich Angelina nach dem Aufwachen:
     »Weißt du, wovon ich geträumt habe, Schatzi? Es regnete Rosen vom Himmel herab. Danach kam ein großer Flieger auf mich zu. Näher, immer näher kam er. Ich dachte, ich sterbe. Bis ich sah, dass es ein Papierflieger ist. Ich nahm ihn in die Hand und entfaltete das Papier. Stell dir vor, es war beschrieben! Und weißt du, was da stand? I LOVE YOU!«
     »Schön, Angie, schön! Das hätte von mir sein können.
     Übrigens, habe ich dir erzählt, dass man den Absender des Virus-Briefes ausfindig machen konnte? Malcovich war nur ein Pseudonym. In Wirklichkeit versteckte sich dahinter ein Hans Hölzel.«
     »Ist das nicht der Student, der vor einigen Monaten bei Dudenhöfers einzog? Der, mit der 2 CV Ente? Der grüßte mich immer so komisch. Wenn ich zurück grüßte, wurde er rot.
     Was ist mit ihm geschehen?«
     »Vor dem bist du nun sicher, Angie baby. Er wurde nach Stuttgart-Stammheim überführt, in das Gefängnis, in dem in den 70er-Jahren Terroristen einsaßen, Hochsicherheitstrakt.«
     »Mein Gott, musste das sein?«
     »Angelina! Mitleid ist bei so einem fehl am Platz. Stell dir vor, du hättest seinen Brief geöffnet. Womöglich würdest du heute nicht mehr neben mir liegen.«
     »Ach Schatzi, du hast Recht. Wahre Worte, wie immer.«

Ihr Wilhelm Weller


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