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Es bahnt sich gesellschaftlicher
Fortschritt mitunter in dunklen Ecken an, in Garagen etwa. Man denke
nur an den kometenhaften und weltwandelnden Aufstieg des Bill Gates.
In diesen Tagen werden wir Zeuge eines
weiteren Aufbruchs zu neuen Horizonten - und auch dieser Aufbruch vollzieht
sich in einer Ecke, die ein blasiertes Bildungsbürgertum als »Schmuddelecke«
abtun will, im angeblichen Pfui-TV von RTL 2.
Tatsächlich handelt es sich bei der ab
dem 1. März täglich dort ausgestrahlten Sendung »Big Brother«
um einen Meilenstein nicht nur der Fernsehgeschichte.
Mehr als 30 Jahre mussten
vergehen, um wahr, radikal wahr zu machen, was der erste Kommunarde
der Studentenbewegung, Dieter Kunzelmann, schon in den 60er-Jahren proklamierte:
»Alles Private ist öffentlich!«
Die wirklich legitimen Erben seiner urchristlich
motivierten Berliner Kommune 1 sitzen nun in Köln - Hürth, in einem
eigens für sie geschaffenen 153 qm großen Container - Domizil.
»Wollt ihr die totale
Öffentlichkeit?« Ein einstimmiges Ja und Hurra soll während des
Bewerber - Castings auf diesen Lockruf von RTL 2 erklungen sein. 28
Kameras und 59 Mikrofone werden für das umfassende Outing sorgen - keiner
der neuen 10 Kommunarden muss sich länger einsam und allein fühlen.
»Seid getröstet, denn
ich bin bei euch«, sprach der Herr und sprechen wir fernsehend
zu diesen mutigen, offenherzigen Frauen und Männern, mit denen wir uns
100 Tage lang auch bei ihren kleinen und großen Geschäften brüderlich
vereint wissen.
Eine spirituelle Erfahrung,
die mit den Mitteln der modernen Medien und großer Breitenwirkung daherkommt,
aber ganz in der Tradition klösterlicher Suche nach Gott und Erleuchtung
steht.
Tatsächlich entspricht das
Arrangement in Köln - Hürth altbewährten Standards und Exerzitien:
Die Gemeinschaft der 10 weiß den Daumen
hebenden oder senkenden heiligen Geist ihrer zu Hause am Bildschirm
teilnehmenden Mitmenschen zwar jederzeit um sich, sie kann ihn anbeten
oder anklagen, ein direkter Kontakt nach draußen ist ihr allerdings
untersagt.
»Keine Zeitung, kein Radio, kein
Telefon und kein Fernsehen - volle Konzentration auf die Gruppe«
- ein Gelübde, dessen Einhaltung RTL2 garantieren will.
Kennt man bei diesem zu
Unrecht als Titten - TV geschmähten Sender die Worte des Therapeuten
und spirituellen Mahners Osho Bhagwan?
»Wir sind hier, weil es letztlich
kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst
in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der
Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten
teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet,
durchschaut zu werden, kann er weder sich selbst noch andere erkennen
- er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn
nicht in unseren Nächsten?«
Wenn wir in den folgenden Wochen nur nah
genug fernsehen, wird auch uns auf dem Bildschirm von »Big Brother«
das eigene Spiegelbild erscheinen.
Und mit wem auch immer wir uns bislang
identifiziert haben mochten, mit Derrick, mit Harry, mit Mutter Beimer,
Fred Feuerstein oder Wilhelm Wieben, endlich sind wir mit RTL 2 ganz
bei uns angekommen: selbstgefunden und selbsterkannt im medialen Hier
und Jetzt.
Wilhelm
Weller
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