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Der europäische Fernwanderweg E1Deutschland auf Raten
Joachim Maass und Karin Baseda-Maass wanderten entlang des europäischen Fernwanderwegs E1 durch die Republik

Vor dem Start
Ganz geheuer war es uns selbst nicht, als wir vor acht Jahren allen Verwandten und Bekannten erzählten, was wir vorhatten: Eine Deutschlandwanderung von Flensburg bis zum Bodensee. 1800 Kilometer zu Fuß. Natürlich nicht in einer Tour – das erlaubte unsere Berufstätigkeit nicht – sondern etappenweise, auf mehrere Jahre verteilt.
     In Hamburg hatten wir auf Bäumen und Pfählen weiße Kreuze entdeckt und beim Studium einer Wanderkarte herausgefunden, dass dies die Markierung für den Europäischen Fernwanderweg E1 ist, der von Skandinavien bis nach Genua führt.

Ausrüstung und Transport
Wir besorgten uns gute Wanderstiefel, Rucksäcke und Regenzeug und machten uns, mit Wanderkarten und Kompass ausgestattet, auf den Weg. Zwei- bis dreimal im Jahr für jeweils eine knappe Woche. Hin- und Rückfahrt: In Schleswig-Holstein und Niedersachsen per Auto, als die Entfernung von Hamburg weiter wurde, per Bahn.

Es geht los
Auf einer Rolltreppe an der dänischen Grenze starteten wir im Mai 1993.
     Wir wanderten in Richtung Süden immer der Markierung hinterher. An der Ostseeküste entlang ging es über Flensburg und Schleswig nach Kiel. Der Europäische Fernwanderweg E1 schlängelt sich über Wiesen und Weiden, durch Felder und einsame Wälder. Manchmal mussten wir sogar über Zäune klettern.
     Schnell wurde uns klar:  Beim Wandern zählen nicht Minuten, Viertelstunden oder Stunden; die Zeiteinheit heißt Tagesetappe. Sie bedeutet zugleich Zeit und Raum: Fünf bis sieben Stunden bringen den Wanderer 20 bis 30 Kilometer weiter. Je nach Tageskondition und Wetter.

In ausgedehnten Schleifen durch die Holsteinische Schweiz erreichten wir die Lauenburgische Seenplatte. Kamen nach Mölln, wo wir die glänzenden Schuhspitzen und des Till Eulenspiegel-Denkmals berührten, denn das sollte Glück bringen. Und Glück – besonders mit dem Wetter –  können Fernwanderer gut gebrauchen. Heftige Regenschauer und steifen Ostwind hatten wir im flachen Schleswig-Holstein zur Genüge zu spüren bekommen.

In der Lüneburger Heide, an einem glühend heißen Augusttag, erlebten wir das nächste Extrem: Wir trotteten auf sandigen Wegen wie Kamele in der Wüste, trocken klebte die Zunge am Gaumen, immer wieder wurden wir von überfüllten Kutschen überholt, die durch die blühende Heidelandschaft rollten. Doch wir ließen uns nicht beirren, fanden immer mehr Gefallen am Vorwärtskommen aus eigenem Antrieb.

Wir kommen immer weiter
So arbeiteten wir uns Jahr um Jahr vorwärts: Gingen über den Deister, folgten dem Rattenfänger nach Hameln und im Teutoburger Wald erinnerte uns das mächtige Hermann-Denkmal an den Cherusker, der hier in der Varus-Schlacht die Römer bezwungen haben sollte. Wir dagegen mussten von dort noch über 100 Kilometer weitertippeln, bis wir im Sauerland unseren ersten Achthunderter bezwangen, den »Kahlen Asten«.

Joachim Maass und Karin Baseda-Maass bei der MittagsrastBesonders schön war immer die Mittagsrast, wenn es bei gutem Wetter hieß: »Stiefel aus und ins mitgebrachte Brötchen beißen.« Vorzugsweise ein Doppeldecker mit Käse und Schinken vom morgendlichen Frühstückstisch.  Ebenso schön: die Ankunft im Hotel am späten Nachmittag. Noch schöner das Duschen und am schönsten die abendliche warme Mahlzeit. Tagsüber aßen wir nicht viel: Ein voller Bauch marschiert nicht gern.
     Und wenn wir dann satt und zufrieden auf die Matratzen fielen, schlummerten wir sofort ein.
     Im Westerwald schliefen wir unter so schweren Federbetten, dass wir an das Lied »Oh du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt« denken mussten, obwohl es Mitte Juli und glutheiß war.

Zugegeben, es gab Strecken, die waren so hart, dass wir uns abends, während wir die wunden Füße im Waschbecken kühlten, nur fragen konnten: »Warum tun wir uns das an? Warum fliegen wir nicht wie alle anderen in den Süden und legen uns an den Strand?«
     Doch am nächsten Tag war alle Qual vergessen. Selbst wenn wir den Weg zum Frühstückstisch manchmal nur humpelnd bewältigten, spätestens nach der ersten Wanderstunde im Freien, liefen die Beine wieder wie geschmiert.

Ab Pforzheim, der Goldstadt an der Schwarzwaldpforte, wurde es richtig ernst: Knüppelharte Wege führten steil bergauf und bergab durch den Schwarzwald und forderten unsere ganze Kraft. Über die Hornisgrinde zum Mummelsee, weiter am Titisee vorbei, standen wir schließlich auf dem Feldberggipfel in 1493 m Höhe.

Wir kommen an
So lernten wir »Nordlichter«, die wir kaum Steigungen kannten, zu welchen Leistungen menschliche Füße und Beine fähig sind. Wir machten Bekanntschaft mit »richtigen« Wanderern, Einheimischen, die seit frühester Kindheit im Training waren und Rucksäcke mit sich schleppten, unter denen sie kaum zu erkennen waren. Trotzdem schnauften sie weniger als wir und riefen jedem Entgegenkommenden ein fröhliches: »Grüß Gott« zu.
     Im siebten Jahr war es dann so weit: Nach sieben Jahren Wanderung standen wir am Ufer des Bodensees. 1800 Kilometer zu Fuß durch Deutschland waren geschafft.

Karin Baseda-Maass

Weiterführende Links zum Thema:
Die Homepage von Karin Baseda-Maass - Mehr Infos über die Wanderungen auf dem E1.

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