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Textkritik: Es stimmt was nicht im Stimmungsbild

Unser Textkritiker Malte Bremer betrachtet ein textliches Stimmungsbild. Doch der Gesamteindruck wird von kleinen Fehler und Überflüssigem getrübt. Wie so oft kann Streichen helfen.

Großer Bahnhof

von Katharina Körting
Textart: Prosa
Bewertung: 3 von 5 Brillen

Krach, Menschen in Bewegung, Im-Weg-Stehen-Bleiben. Ein dünner Junge mit schwarzen, strähnigen Haaren und höchstens halb geöffneten Augen, Anfang 20, kommt näher. Er kaut an einem Stück Brot, gebückt, als verbringe er sein ganzes Leben gebückt, verbogen, richtet sich nie vollständig auf, wirft den Brötchenmüll in das dafür zuständige Fach des viergeteilten Mülleimers, öffnet einen Pappkarton Bananensaft, alles gaaanz langsam, hochkonzentriert. Er sieht aus, als ob er jeden Moment umkippt. Ich warte drauf. Beinahe will ich, dass es passiert. Er geht ein paar Schritte, trinkt aus der Ein-Liter-Saftpackung. Die Leute schauen hin, können nicht anders wie ich, doch die meisten gucken ganz schnell zur Seite wie in Sorge, in seine Intimsphäre einzudringen, oder als wäre sein Anblick ansteckend. Die Bedröhnung. Die Ent-Kopplung. Die Verlangsamung. Ich bin fasziniert. Neben mir hält jemand sein Phone drauf, filmt, spricht gleichzeitig lachend im Gespräch, vielleicht mit der Frau, die ich auf seinem Display sehe, eine Braunhaarige Dunkeläugige mit rotem Punkt auf der Stirn. Auch er sieht indisch aus. Hat kabellose Hörer im Ohr, filmt den gekrümmten, verlangsamten Jungen und lacht dabei leise ins Mikro in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Nicht boshaft, aber auch nicht freundlich. Distanziert-interessiert, als säße er in einem Kino, das nicht dunkel ist, sondern hell, und deshalb kein Eintauchen erlaubt, keine Identifikation, kein Verschwinden im Film.

Der bedröhnte Junge wankt auf mich zu, kurz streift mich sein halber Blick aus halbgeöffneten Lidern, funktional. Merkwürdig elegant weicht er mir aus wie ein Schiff, dem von stürmischen Wogen geholfen wird, die ihm zugleich zu schaffen machen: Sie tragen es sicher, jedoch außer Kontrolle. Ich schaue und schreibe und drücke Bewertungen weg, unterlasse Hilfeleistung, formuliere in Gedanken Selbstbeschwichtigungen, die Bahnhofsmission wird ihm helfen, weiche einem grellweißen Blindenstock aus, der wie eine giftige Schlinge vor meine Füße springt – noch einer, der ich nicht sein will, der mich nicht sieht. Kurz nimmt der Blinde mir die Sicht auf den Jungen. Ich will wissen, wie es weiter geht.

Der Inder filmt und plaudert weiter. Der Junge holt einen leeren Becher aus dem Müll, versucht aus der Packung Bananensaft hineinzugießen, in mehreren Anläufen, scheitert daran, trinkt auch den Rest aus der Packung, wirft sie in den Müll, wieder die richtige Abteilung „Verpackungen“, spuckt etwas Saft nach, setzt sich am Boden ab mit gedehnten Achillessehnen, Augen geschlossen, hockt, als würde er ein Baby am dreckigen Boden trösten, doch vermutlich braucht er eine Weile, um wieder hoch zu kommen. Fühlt es sich gut an, frage ich mich, oder schrecklich? Oder gar nicht? Endlich richtet er sich wieder auf, aber nicht ganz, die Krümmung seines Oberkörpers zwischen Brust und Nacken bleibt bestehen. Vielleicht schützt sie sein Herz. Oder seine Knochen sind kaputt. Es sieht aus, als wenn er kotzen muss, aber er kotzt nicht. Geht weiter wie ein Tier, das laufen lernt, stellt sich bei Ditsch an, aber nicht am Ende der Schlange, sondern vorne, vor einem Mädchen und einem Bahn-Menschen in blauer Uniform mit roten Streifen, dahinter weitere Menschen. Niemand sagt etwas. Keiner beschwert sich. Es ist, als wäre nur der Junge im Raum, allein am großen Bahnhof. Oder als wäre er der König, und die anderen, diese hektische wabernde Menge, seine Untertanen, sein Publikum. Ich höre ihn nicht sprechen, doch die Bedienung reicht ihm eine Brezel. Er fischt Münzen aus der Hosentasche, angelt dabei eine zerknüllte Papiertüte hervor, stopft diese ordentlich zurück. Auch dies geschieht in Zeitlupe, jedoch fließend. Nie stockt er. Der Junge ist immer in Bewegung, auch wenn er steht, dann schwingt er sachte seinen gekrümmten Körper horizontal im Raum, als höre er eine Musik, die ihn führt, die ihn sicher durch alle Wirren leitet. Er fällt nicht hin, er stößt nirgendwo an, er pöbelt nicht, erbricht sich nicht, schimpft nicht. Behutsam wankt er in Richtung Domplatz, immer wieder anhaltend, als müsse er überlegen, wie es weiter geht oder als müsse er neue Kraft schöpfen. In einigen Minuten fährt mein Zug. Ich kann mich nicht von seinem Anblick lösen. Plötzlich ist er weg, um die Ecke gekrümmt. Ich laufe kurz noch umher und suche ihn. Hatte mich an ihn gewöhnt. Wüsste gern, was als Nächstes passiert. Alles. Nichts.

© 2019 by Katharina Körting. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein halbwegs gelungener Versuch zu einem Stimmungsbild Bahnhof, allerdings mit allerlei inhaltlichen Ungereimtheiten wie dem halben Blick oder das Lachen mit Wörtern (siehe auch die Einzelkritik). Vor allem wären Kürzungen angebracht: Saftpackungen haben meistens 1l. Warum das erwähnen? Warum die vorgebliche Steigerung Bedröhnung – Ent-Kopplung – Verlangsamung? Das ist Spielerei, wird aber dem Genre Stimmungsbild nicht gerecht, denn da geht es um Atmosphäre, Geruch, Gefühl …

Die Kritik im Einzelnen

Die vielen »aaaa« machen langsam nicht langsamer. Wie wäre es mit umständlich? Oder penibel?   Zurück

Spricht im Gespräch? Wie das? Gemeint ist wohl, dass dieser Jemand beim Filmen gleichzeitig kommentiert, was er und selbstverständlich auch die eingeloggte Frau sehen. Wäre schön, wäre das hörbar gemacht … Schade drum! Zurück

Seit wann braucht es zum Lachen Wörter?! Zurück

Was bitte ist ein halber Blick? Zurück

Die Packung muss nicht erneut genannt werden, war doch erst inclusive dem Inhalt Bananensaft! Streichen! Zurück

Angenommen, es handelt sich auch um einen Inder: Dann sind die Fußsohlen komplett am Boden, was zur Dehnung der Achillessehne führt. Europäer hocken eher auf den Fußspitzen. Zurück

Was ist hier ES? Zurück

Was ist das für eine seltsame Krümmung zwischen Brust und Nacken? Die Brust ist doch vorne, der Nacken aber hinten? Zurück

Wie geht denn ein Tier, das Laufen lernt? Wieso geht er nicht, als ob er laufen lernte? Zurück

Die stehen doch ganz friedlich in einer Schlange: Da wabert & wogt doch nichts! Zurück

© 2019 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.