
Sieben Jahrzehnte hat der Philosoph Jürgen Habermas die intellektuelle Debatte in Deutschland geprägt. Unter anderem wurde er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Mit 96 Jahren ist er nun gestorben.
Demokratie lebt im Gespräch
Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller und für alle, die über Sprache nachdenken, war Jürgen Habermas mehr als ein Philosoph. Er war der Mann, der gezeigt hatte, dass Demokratie im Gespräch lebt – im echten, nicht im simulierten. In seiner 1962 erschienenen Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« zeichnete er die Grundlagen eines gesellschaftskritischen Denkens nach, das demokratischen Traditionen verpflichtet ist und wirkt heute, in Zeiten von Plattformkapitalismus und algorithmisch gesteuerter Öffentlichkeit, erstaunlich aktuell..
Im Oktober 2001 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und nutzte die Frankfurter Paulskirche, um wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September für Dialog statt Gewalt zu plädieren.
Selbst mit 90 Jahren blieb Habermas produktiv: 2019 erschien ein Werk mit 1.750 Seiten Umfang. Unter dem tiefstapelnden Titel »Auch eine Geschichte der Philosophie«.
Transparente Geheimdienste
Bis ins hohe Alter bezog Jürgen Habermas Stellung – sei es zur Verfassung Europas oder zum Überwachungsskandal des US-Geheimdienstes NSA. Anlässlich der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises 2013 mahnte er: »In einem demokratischen Rechtsstaat muss selbst die Arbeit der Geheimdienste transparent gemacht werden können.« Ein Satz, der gerade in diesen Tagen eine eigentümliche Aktualität gewonnen hat – und offenbar nicht für jeden politischen Amtsträger eine Leitlinie darstellt.
Gegen Ende seines Lebens bewies Jürgen Habermas, dass öffentliches Engagement auch Widerspruch aushält. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, meldete er sich im April mit einem Essay in der Süddeutschen Zeitung zu Wort. Er sprach sich dabei nicht grundsätzlich gegen Waffenlieferungen aus und hielt militärischen Beistand zur Aufrechterhaltung der staatlichen Existenz der Ukraine für »gewiss geboten«. Was ihn umtrieb, war die Frage nach dem Danach: Er sah das Dilemma des Westens darin, einem zur atomaren Eskalation bereiten Putin nur durch eine selbstbegrenzte militärische Unterstützung begegnen zu können.
Öffentliches Engagement als Aufgabe der Philosophie
Im Februar 2023 legte er nach. Er forderte »rechtzeitige Verhandlungen, die verhindern, dass ein langer Krieg noch mehr Menschenleben und Zerstörungen fordert und uns am Ende vor eine ausweglose Wahl stellt: entweder aktiv in den Krieg einzugreifen oder die Ukraine ihrem Schicksal zu überlassen«. Der damalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk schrieb damals auf X, Habermas stehe »unverschämt in Putins Diensten«.
Was Habermas damals unter lautem Protest formulierte, gilt heute als nüchterner Realismus. Sein Plädoyer für Verhandlungen galt als Putinnähe. Heute sitzen die Kriegsparteien am Verhandlungstisch.
»Öffentliches Engagement« sei »die wichtigere Aufgabe der Philosophie«, hatte Habermas einmal klargestellt. Er hat diese Aufgabe bis zuletzt ernst genommen.
Jürgen Habermas starb am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie berichtete.

