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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
August 2004 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


Gewalt an deutschen Schulen - Warum Pädagogen die Rückkehr zum Rohrstock befürworten

Wilhelm Weller


»Einen Zeitsprung zurück in die Schule der 50er-Jahre will das ZDF mit einer neuen Reality-Show machen. Unter dem Arbeitstitel "Harte Schule" sollen Schüler sich den Lehrmethoden von damals stellen, als einige Lehrer noch autoritär für Zucht und Ordnung sorgten.«

 

Eine Pressemitteilung, die aufhorchen lässt. Handelt es sich dabei doch nicht um eine Pro7-Schnapsidee (Die Alm), sondern vielmehr um einen Einfall des als seriös einzustufenden ZDF-Programmdirektors Thomas Bellut. Bei der Prüfung des englischen Originals »That'll teach 'em« stellte Bellut fest, dass „das Format auch für den Mainzer Sender interessant sei“. Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL wird noch präziser:
     »Selbst Steißgetrommel mit dem Rohrstock hält ZDF-Mann Thomas Bellut offenbar für denkbar: "Ich habe sogar in den Sechzigern in der Grundschule noch auf die Finger gekriegt", heizt der Programmdirektor die Spannung vor, "ausschließen will ich da nichts."«

Mit Überlegungen dieser Art könnte sich mehr als nur ein neues TV-Format ankündigen. Eine Zeitenwende liegt in der Luft.
     Vor gut einem halben Jahr berichtete ebenfalls das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« in einer Titelgeschichte über den »Horrortrip Schule«.
     Das Titelbild zeigte einen früh gealterten Lehrer am Rande des mentalen Zusammenbruchs - inmitten entfesselter, grölender, herumalbernder Bälger.
     Auch die Wochenillustrierte Stern schrieb in einer Titelgeschichte über den »ganz alltäglichen Wahnsinn« im (Lehrer-) »Höllenjob auf Lebenszeit«.

Die zufällige Teilnahme an der abendlichen Grillparty eines gesamtschulischen Lehrerkollegiums - regelmäßig veranstaltet am Ende des Schuljahres - bot mir kürzlich die willkommene Gelegenheit in einer Feldstudie vor Ort das Nahen einer pädagogischen Zeitenwende quasi-experimentell zu verifizieren oder auch zu falsifizieren.
     Im beiläufigen Gespräch sollte den feiernden Lehrern - Hand aufs Herz - entlockt werden, wie sie zu Prügelstrafe (Rohrstock) als ultimativer (Sanktions-)Methode einer »harten Schule« tatsächlich stehen.
     Um stereotype, nur von »political correctness« geleitete Antworten zu vermeiden - bei mehrheitlich der 68er-Generation angehörenden Pädagogen leider zu erwarten - sollte die Umfrage bewusst gegen Ende der Party durchgeführt werden.
     »In vino veritas«, Wein und Geselligkeit, lockern bekanntlich die Zunge, dies war, dies durfte bei einem derartigen experimentellen Setting eher gegen Ende und weniger zu Beginn erwartet werden. So gehörten zur Versuchsanordnung nicht nur ca. 70 Partygäste, sondern ebenso ca. 50 Kästen Bier sowie ca. 150 Flaschen Wein (jeweils unterschiedliche Sorten).

Die Atmosphäre glich zu Beginn der eines Survival-Camps, das seine Teilnehmer zurück ins Leben entlässt. Stolz über das Erreichte, ja: auch Stolz auf das eigene Überleben, eine müde, fast tranceartige Gelassenheit. Sicher war es auch auf die Schwüle zurückzuführen, dass bereits nach 2 Stunden die Getränke aufgebraucht waren und die Umfrage daher beginnen konnte.
     Da sich zwischenzeitlich viele der Teilnehmer aus Gründen der Bequemlichkeit unter den Tischen ausgestreckt hatten, konnte die Umfrage insofern in einem besonders geschützten Rahmen stattfinden. Natürlich wurde absolute Vertraulichkeit zugesichert.

Unsere wiederkehrende Frage an die nun entspannten und redseligen Lehrerinnen und Lehrer lautete: »Gewalt, Drogen, sittlicher Verfall, zusammenbrechende Disziplin, Faulheit ... glauben Sie, dass die Wiedereinführung der Prügelstrafe ein Ausweg aus der Schulmisere sein könnte?« Spektakulär das Ergebnis: Umstandslos »Ja!« sagten 98,5% der Befragten. 1% der Befragten verweigerten jede Antwort , 0,5% der Befragten verneinten die Frage (vielleicht wurde die Antwort auf Grund einer undeutlichen Aussprache auch nur missverstanden).

Wie ernst es den Pädagogen mit diesem ..., sagen wir es offen: Herzenswunsch ist, mögen einige Antworten illustrieren:

  • »Man möchte manchmal nur reinhauen« (OStRin Irene L. - Musik, Ethik)
  • »Unbedingt! Seit Erfurt geh ich nur noch bewaffnet in die Klassen« (StR Werner M. - Physik, Kunst)
  • »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« (OStR Alfons B. - Kath. Rel. / Sport)
  • »Das fehlt uns schon seit 20 Jahren.« (StAss. Herbert Z. - Chemie, Latein)
  • »jute, äh, gute Idee!« (StRin Traudel J. - Deutsch, Geschichte)

Die Ergebnisse der sorgsam dokumentierten und ausgewerteten Umfrage wurden zwischenzeitlich an die Kultusminister der Länder gesandt - mit der dringlichen Empfehlung, das Thema auf die Agenda der nächsten Kultusministerkonferenz zu setzen.
     Haut drauf! Noch ist Deutschland und seine Jugend nicht verloren und verdorben.

Wilhelm Weller


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