BUCHSTABENSUPPESuppentasse
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des Literatur-Cafés

  
UnTricht
Tina Trapper

Hi! Darf ich mich vorstellen? Ich bin T, und wir, die Buchstaben finden, dass uns viel mehr Aufmerksamkeit gebührt, als wir wirklich bekommen. Die Schüler lernen nämlich über Vektoren, die Fallbeschleunigung, die Fortpflanzung der Moose und sonstigen unnötigen Kram, aber über uns, die Buchstaben, die Bausteine jeder Sprache, ob Portugiesisch, Vietnamesisch, Deutsch, Französisch oder Latein, lernen sie nichts. Doch ohne uns wären die Menschen nicht in der Labe, nur einen einzigen Satz zu schreiben. Die Buchstabenverbindung hat beschlossen diesen Zustand ein Ende zu machen und eine Aktion unter dem Titel »Buchstaben, die wichtigste Sache auf der Welt« zu starten. Stellt euch doch bloß einmal vor: Ohne uns hätte William Shakespeare nie das weltberühmte Drama »Romeo und Julia« schreiben können, die ganze Weltliteratur würde nicht existieren; aber auch Gesetze würde es nie geben. Die ganze Menschheitsgeschichte wäre ohne uns anders verlaufen. Ohne uns könnten die Menschen ja nicht einmal die Bibel lesen! Ich hoffe, ich habe euch nun einmal vor Augen führen können, wie wichtig wir Buchstaben für euch Menschen sind, und wie wenig Anerkennung wir dafür bekommen.
     Jetzt habe ich aber einmal genug geredet, wir wollen nun mit dem Unterricht beginnen. Wie schon zu Beginn erwähnt, heiße ich T. Meine nächsten Verwandten sind S und U. Ich bin ziemlich beliebt, weil ich ein lustiger Geselle bin, der immer zu Scherzen aufgelegt ist, Viele meiner Cousins und Cousinen suchen unter mir Schutz, wie zum Beispiel in den schönen und romantischen Worten Treue und Tapferkeit, die man dankt meiner Hilfe schreiben kann. Leider kann man mit mir auch hässliche Wörter wie Treulosigkeit, Trottel, etc. schreiben. Das gefällt mir zwar nicht besonders, aber auch ein Buchstabe hat, wie alle anderen Dinge im Leben seine guten, aber auch seine schlechten Seiten.
     Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten gerade zu stehen, aber dieses Problem konnte ich zum Glück bald in den Griff bekommen. Ich höre oft, wie die Menschen über den Wind klagen, weil er Schäden an den Häusern verursachen kann. Ich hingegen finde den Wind einfach Spitze, weil ich dann immer so schön hin und her schaukle. Früher wurde ich oft belächelt. Man behandelte mich, als sie ich ein missgebildetes »F.« In der Schule hatte ich sehr darunter zu leiden, doch mit der Zeit erkannte ich, dass ich ein sehr wichtiger Buchstabe bin, und dass ohne mich sehr viele schöne Wörter nicht geschrieben werden könnten. Ich hoffe, ich konnte euch begreiflich machen, wie wichtig und unersetzlich wir Buchstaben sind und dass ihr euch ein Bild über meine Persönlichkeit machen konntet. Nächste Woche wird auch mein Bruder das »S« besuchen und Interessantes über sich erzählen. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag.
     Tschüß!

© 1998 by Tina Trapper. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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