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Tanz der Buchstaben
von Pascale Eigensatz

Es war einmal die Zeit, als die Buchstaben noch alphabetisch in Reih und Glied standen. Sie taten nichts, außer zu sein.

Eines Tages wurde es dem A zu langweilig. Es wandte sich zum B und fragte: »Sag mal, ist das eigentlich alles?« Das B fragte: »Was ist alles?« »Na, gibt es nichts zu tun, außer einfach nur nebeneinander stehen?« Das B runzelte die Stirn und wandte sich an das C. Aber auch das C wusste keine Antwort, wofür die Buchstaben denn gut seien. So fragte das C das D und das D das E. Irgendwann waren alle Buchstaben in die Diskussion verwickelt, doch keiner wusste eine Antwort.

Plötzlich hatte das O eine Idee: »Wenn wir uns alle anders einreihen würden, vielleicht entstünde ja dann etwas Sinnvolles?« Alle nickten begeistert und rannten durcheinander. Doch irgendwie schien immer noch nichts Sinnvolles zustande zu kommen. Das H meinte frustiert: »Wenn ich mich zwischen das O und das A stelle, ergibt dies nur ein OHA! Aber was ist damit anzufangen?« Alle überlegten.

Schliesslich meldete sich das M: »Wenn wir mehrere von einem Buchstaben wäre, würde dies dann etwas ändern?« Erneut waren die anderen so von dem Vorschlag begeistert, dass sie sich fleißig zu vermehren begannen.

Die Buchstaben waren über die Vermehrung indessen so verzückt, dass sie zu tanzen und zu singen begannen. Sie wirbelten wild im Kreise, bis sie erschöpft zu Boden sanken. Und tatsächlich: Einige von ihnen hatten sinnvolle Worte gebildet. Erstaunt setzten sich die Buchstaben auf. »Schnell«, rief das Z, »lasst uns noch mehr Wörter bilden!« Wieder eilten die Buchstaben umher. Und schnell wurden aus den Wörtern Sätze und aus den Sätzen Geschichten und aus den Geschichten Bücher.

Die Buchstaben waren nicht nur zufrieden, sondern überglücklich. Endlich wussten sie, wofür sie da waren, sie fanden einen Sinn in ihrem Dasein. Seither stehen sie nur noch dann in Reih und Glied, wenn jemand sich der Sprache bemächtigen will.

© 1999 by Pascale Eigensatz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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