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L-Z Monster
von Martina Schultinga-Lies

Da kriegt man bei Geburt einen Nachnamen verpasst, den man sein Leben - außer durch Heirat nicht mehr los wird. An sich gar nicht schlimm, weil es doch einfacher ist, einen einzigartigen Namen zu haben, statt einer Nummer, oder sich ständig umdrehen zu müssen, wenn jemand Frau Müller ruft, und außer einem selbst noch ca. 1 Million Menschen so heißen. Man spart 'ne Menge Zeit wenn man also Schnurzel-Zabel oder Wüst-Grummig heißt. Klare Sache! Wenn da nicht die Sache mit den Anfangsbuchstaben wäre. Eingeteilt nach diesem so unwichtigen Teil seines Namens, muss man bereits in der Schule s-t-u-n-d-e-n-l-a-n-g warten, bis man das Ergebnis der Matheklausur erfährt,nur weil man Zowalski und nicht Alberich heißt.

Dann kommt es noch schlimmer: es wird subsumiert. Auf Ämtern stellt man sich von A-H, I-P, Q-Z an. Es gibt kein Entrinnen. Wenn die Beamten am Schalter Q-Z Bleistifte spitzen, während man bereits Jahrhunderte in der Schlange I-P wartet, weil man auf den schönen Namen Lies hört, hat man halt Pech gehabt. Punktum.

Eines Tages begegnete ich in einem Personalbüro der Ausgeburt der Bürokratie, einer Sachbearbeiterin, zuständig für L-Z. Ausgeliefert aller Willkür schielte ich immer neidisch rüber zu den Kollegen Aschoff, Brinkmann und Kaufmann, welcher gerade noch entronnen war und Mitglied im A-K-Club der Auserwählten war. Ich Missgeburt hingegen schlug mich mit einem ignoranten, widerwilligen ja bösartigen L-Z-Monster rum. Ich erwog, mich umtaufen zu lassen, fahndete in meinem Stammbaum nach Namen, die ich hätte annehmen können. Abgesehen davon, dass das sowieso nicht geht, hatten all meine Vorfahren sich gegen mich verschworen und sich am Ende des Alphabets eingereiht. Kontaktanzeige:"Led.,weibl. Anfangsbuchstabe L sucht ihn, Nachname A-K zwecks sofortiger Heirat und Eliminierung der zweiten Hälfte des Alphabets" schlug fehl wegen mangelnder Nachfrage. Außer mir schien niemand das gesellschaftliche Problem zu erkennen. Weg mit der Herrschaft der Anfangsbuchstaben! Groß schreiben tun sich die Arroganzlinge auch noch - zu allem Überfluss. Ich stellte mathematische Berechnungen an, die den prozentualen Anteil an Buchstaben im Namen in den Vordergrund stellen, um eine gerechtere Verteilung aller Buchstaben bei der Einteilung in Gruppen zu erreichen. Bei Lies würde es da immer noch schwierig, weil jeder Buchstabe mit 25% vertreten ist, dies also keine Lösung sein würde. Hieße ich Liesi, hätte das i mit 40% gewonnen, und ich könnte locker in die A-K Gruppe überwechseln. Leider fanden sich keine Freunde meiner komplizierten Berechnungen, was für "Nachfolgebuchstaben" eine schreiende Ungerechtigkeit bleibt. Zu meinem Unglück begann der Nachname meines Auserwählten dann auch noch mit einem S. Da hatte ich einen Moment nicht aufgepasst. Das L-Z-Monster hatte mich jetzt doppelt-gemoppelt in seinen Fängen. Arsen?, Bremsschläuche durchschneiden?, Intrige schmieden?, Job wechseln?

Da geschah das Unglaubliche, Nie-zu-hoffen-gewagte: mein Chef Anselhoff wurde pensioniert und an seiner Stelle kam - oh unglaubliche Vorhersehung des Buchstabenschicksals - Herr Zirngibl. Mein L-Z Monster hatte ausbuchstabiert. Hahh! Kurz nach seiner Einstellung war Herr Zirngibl nach jedem Gang ins Personalbüro ganz quittegrün im Gesicht und das L-Z Monster wurde ins Archiv versetzt, wo es jetzt alle Akten von A-Z sortieren und ärgern darf. Denen tut's nicht weh und ich drohe meinem Schatz nicht jeden Tag mit Scheidung.

© 1998 by Martina Schultinga-Lies. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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