BUCHSTABENSUPPESuppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
Kinderspiel
von Klaus-Michael Bredt

Alle standen um ihn herum und warteten. Sie warteten schon eine ganze Weile, doch nichts tat sich. Warum auch, dachte er sich. Das läuft hier jetzt schon seit gut einer Woche so ab, und sie warten immer noch. Am Anfang war da ja noch Tante Gertrud und ihr Mann, der fette Onkel Helmut, die passten zusammen. Der fette Onkel hatte sogar extra seine Kamera mitgebracht. Die hat der dann die ganze Zeit auf mich gerichtet und gewartet. Und ich hab ihn nur blöd angeguckt und in die Hose gemacht. So einfach ist das. Dann hab ich geweint. Er macht mir Angst. Er und alle anderen. Jetzt stehen sie schon wieder um mich rum und warten. Ich sitze hier in meinem Gefängnis und warte darauf, dass etwas passiert. Meine Schwester Yvonne fängt jetzt sogar an mich anzufeuern. Ich komme mir vor wie bei einem Fußballspiel, das mein Papa sich jeden Freitag anschaut. Sie versuchen alles Mögliche. Die Kamera ist zum Glück weg, obwohl ich den Verdacht habe, dass Onkel Otto sie irgendwo versteckt hat und dass sie just in diesem Augenblick auf mich gerichtet ist. Um die Menge bei Laune zu halten, fange ich an zu lächeln. Das kann ich gut. Alle sind begeistert und fangen an rumzubrabbeln wie ein Säugling. Ich höre den Namen meines Vaters jetzt immer öfter und schaue ihn an. Er grinst mich an und versucht mich mit einer Flasche zu ködern. Doch da er es damit schon seit gut einer Stunde versucht, ist die jetzt natürlich saukalt, sodass ich nicht darauf reinfalle. Ich werde müde, versuche aber das Gähnen zu unterdrücken. Dieses Schauspiel möchte ich mir nicht entgehen lassen. Immerhin stehen sie schon seit geschlagenen drei Stunden um mich herum und starren mich an. Yvonne fängt leicht an zu schwächeln. Dies merke ich daran, dass sie nervös hin- und herwippt. Sie verdreht die Augen. Jetzt kann ich es nicht mehr aushalten. Ich werde gähnen. Natürlich mache ich es sehr langsam. Um die Spannung zu erhöhen. Meine Mundwinkel verziehen sich, mein Lippen öffnen sich etwas (die Menge stirbt fast vor Erwartung) und dann gähne ich. Die Menge ist enttäuscht. Aber meine Mutter gibt allen Mut. Ich verstehe zwar nicht ganz, was sie sagt, aber es scheint so, als geben sie auf. Der Sieg ist der meinige. Sie verlässt uns. Und da waren es nur noch vier. Langsam wird selbst mir es zu bunt hier. Ich meine immerhin habe ich es geschafft, dass meine Mutter das Zimmer verlässt. Obwohl der Sieg doch sehr nahe scheint, gebe ich auf. Sie haben gewonnen. Aber wenn ich schon meine Niederlage eingestehe, dann will ich ihnen auch etwas bieten. Ich bereite mich seelisch darauf vor. Nachts, wenn Mutter und Vater schlafen, habe ich natürlich schon fleißig geübt. Da ich wusste, dass dieser Moment einmal kommen würde, habe ich mir gedacht, dass ich dann wenigstens so gut dastehen wollte, wie möglich. Dann mal los.
     Ich denke ich werde mit etwas einfachem anfangen. Vielleicht eine kleine Begrüßung. Also stehe ich auf. (Die Menge regt sich) Und dann öffne ich den Mund und sage: »A«.
     Ich bin halt noch ein Baby, was erwarten sie?

© 1999 by Klaus-Michael Bredt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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