BUCHSTABENSUPPESuppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
E wie Erdgeschoss
von Lothar Schmidt

Recherchen waren eines der Stärken von Karin Pessemier. Sie stieg in den Hyper-Speed-Lift und drückte auf »E«. Auch der heutige Tag war wieder einmal von Erfolg gekrönt - hatte sie sich vorher doch niemals für Kundenzeitschriften interessiert. Niemals? Ihr fielen wieder die langen Sommerabende in Ansbach ein.
     Es waren Sommerferien, die Eltern luden die Nachbarn zu Grillabenden ein, Karin durfte länger aufbleiben als gewohnt. Meist langweilten sie jedoch die Erwachsenen mit ihrem Gerede über Umweltkrisen und Internetchats. Fast immer war dann der Zeitpunkt gekommen, an dem Karin in den Keller verschwand. Hinter dem Container für Altglas und dem Behälter für Blisterverpackungen sammelten ihre Eltern natürlich getrennt auch das Altpapier. Wenn Karin Glück hatte, war ihr Vater schon längere Zeit, in der Regel waren dies vier Wochen, nicht zum Wertstoffpark gefahren. Dann suchte sie ihre Lieblingshefte in der Kiste. Wenn sie Glück hatte, konnte sie so wieder drei, vier neue Ausgaben erobern. Am meisten gefielen ihr die bunten Bilder: Lächelnde Hausfrauen, bunte Sommersalate, Bäcker mit ihren Broten. Karin konnte manchmal den Duft frischer Brötchen geradezu riechen. Erst als die Mutter viele Monate später Karins verstecktes Reich unter ihrem Kinderbett fand, war es aus mit der Leidenschaft für »Die kluge Hausfrau« und »Lukullus«.
     Karin starrte auf den grünen leuchtenden Knopf. Das »E« leuchtete souverän wie ein Alleinherrscher an der Wand. Plötzlich waren Mutters schrille Worte gegenwärtig. »Du kleiner Mistfink! Was soll der Müll unter deinem Bett?« Karin hielt die Zeitschriften unter ihrem Arm fester und fester. »E wie Erdgeschoss« ertönte eine Ansage, die Türen vor Karin öffneten sich. Das leuchtende »E« auf der Anzeigetafel erlosch. Karin setzte sich auf eine der Glasfaser-Sound-Chaiselongues im Foyer. Aus den Lautsprechern heulten melancholisch die Gesänge der Buckelwale. Eine dicke Träne rollte über Karins Gesicht und tropfte auf »Die Bäckerblume«. Karin war glücklich.

© 1998 by Lothar Schmidt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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