Foto von Ulrich StruveDie Entsorgung der Großmutter
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich StruveWeihnachten, das Fest der Liebe und Familienseligkeit, steht vor der Tür, doch bei den Schraders ist von beiden herzlich wenig zu spüren. Bruder Thomas, ein brillianter Mathematiker, der auch als Siebenundzwanzigjähriger noch bei den Eltern haust, und Schwester Franziska schicken einander aus benachbarten Zimmern eMails, statt miteinander zu reden. Vater Schrader gibt sich fröhlich, wittert aber hinter jeder nachbarlichen Bemerkung eine Spitze. Und die Mutter bricht schließlich heulend vor der tranchierten Weihnachtsgans zusammen.
     Ist ja auch verständlich. Immerhin fehlt Frau Schraders Mutter seit kurzem. In letzter Zeit war die Oma schon ein bisschen abständig. Was Wunder, dass sie plötzlich auf Nimmerwiedersehen davongelaufen ist… Oder haben die Eltern sie vielleicht doch klammheimlich um die Ecke gebracht und im Garten neben der festlich geschmückten Blautanne verscharrt? Weil die Großmutter an der Alzheimerschen Krankheit litt und eigentlich ins Heim gemusst hätte, stand zu befürchten, dass das Sozialamt zur Deckung der anstehenden Pflegekosten das Häuschen der Familie kassieren würde. Da haben die Schraders lieber vorgebeugt!
     In einer von Sozialabbau und Arbeitslosigkeit gezeichneten Gesellschaft -- Ähnlichkeiten mit der deutschen Gegenwart nicht nur im östlichen Teil des Landes, wo die Geschichte spielt, sind, um Böll zu variieren, weder zufällig, noch fiktiv, sondern notwendig -- mögen Menschen, die sich bedroht fühlen, wohl durchaus verzweifelte Maßnahmen ergreifen.
     Und so erzählt Helga Königsdorf mit erprobter Ironie und Eleganz die Geschichte von der Entsorgung der Großmutter. Welche Rolle bei all dem die Katzenfütterin im Park spielt und wie das Ganze endet, sei nicht verraten. Es ist eine bitter humorvolle Satire, die man bequem in einer Sitzung lesen kann; mehr eine längere Kurzgeschichte oder Novelle denn ein Roman.

Ulrich Struve

Königsdorf, Helga: Die Entsorgung der Großmutter. 1997. 120 Seiten, Aufbau-Verlag, Berlin. ISBN 3-351-02372-3. 29,90 DM/15,29 EUR (Preisangabe ohne Gewähr)


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