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Näumanns NörgeleiEine Tasse Kaffee
Monatliches vom Café-Tisch - September 1997


Geschlossene Gesellschaft

Näumann auf der Café-TerasseDer 26. August 1997 war ein trauriger Tag. Mein langjähriger Lieblingssender und treuer Begleiter Radio Brandenburg stellte für immer seinen Betrieb ein. Zwar gibt es eine Nachfolge, ein Gemeinschaftsprojekt von Ostdeutschem Rundfunk und Sender Freies Berlin, aber Radio1 reicht bislang eben doch nicht an jene Mischung aus frechem Journalismus, guter Musik und hausbackenem Dampfradio heran, die Radio Brandenburg immer so hörenswert machte.
     Radio Brandenburg wurde geschlossen, weil wir sparen müssen und es - angeblich - billiger sei, wenn man zwei Rundfunkanstalten zusammenschließt. Gespart werden muss, das steht mittlerweile in den Lehrplänen jeder 3.Klasse Volksschule, weil unser Standort in Gefahr ist.
     Ja, unser Standort ist in Gefahr! Wir müssen wieder wettbewerbsfähiger und besser werden, damit nicht plötzlich die Taiwaner, Brasilianer oder gar Indonesier auf die Idee kommen, unsere Autos zusammenzuschrauben. Also muss alles geschlossen werden, was überflüssig ist. Um besser zu werden, brauchen wir keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo es doch Leo Kirchs schönes Buntfernsehen gibt. Und was war das - geschlossene - Schillertheater schon gegen eine richtige Seifenoper? Zuviel Nachdenken versperrt den Blick für das Wesentliche!
     Deswegen soll jetzt an der Freien Universität die Universitätsbibliothek geschlossen werden. Ganz richtig, wir müssen abspecken, um besser zu werden. Deshalb fängt man am besten mit der unsinnigsten Institution einer Universität an. Außerdem können wir uns ja auch noch in die Staatsbibliothek drängeln, wenn alle ein wenig zusammenrücken. Sie ist übrigens jeden Montag bereits einen halben Tag geschlossen, um den Standort Deutschland zu sichern. Das nenne ich wahre Pflichterfüllung. Überhaupt: könnte man nicht vielleicht die ganze Universität…? Wem soviel Standortsicherung Bauchschmerzen bereitet, etwa weil die Kindertagesstätte geschlossen wurde, muss sich ab jetzt duldsam fügen: Die Psychosomatik-Abteilung im Klinikum Steglitz wird ihren stationären Bereich schließen.
     Eigentlich ist die Logik bestechend einfach: Man schließt den Standort, damit ihm nichts mehr passieren kann und er wirklich sicher ist. Es gab Epochen, die durch bestimmte Teile des Körpers dominiert wurden. In der Romantik war es das Herz empfindsamer Jünglinge, die ihren Weltschmerz in zarte Gedichte kleideten, während die Zeit der Aufklärung vom Kopf genialer Dichter und Denker bestimmt wurde. Unsere Epoche wird beherrscht durch den Schließmuskel kleinkarierter Bürokraten und geföhnter Investment-Yuppies. Wie sagte doch unser Bundeskanzler: »Entscheidend ist, was hinten rauskommt!«.

Johannes Näumann


August 1997SeitenanfangNovember 1997

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