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Näumanns NörgeleiEine Tasse Kaffee
Monatliches vom Café-Tisch - August 1998


War was?

Näumann am Café-TischPardon, liebe Leserinnen und Leser, die Verspätung. Aber Herr Näumann hatte seine Gründe. Da waren zunächst die neuen Rechtschreibregeln. Muss (muß?) man Näumann jetzt mit »eu« schreiben? Das würde den Kolumnisten allerdings in eine tiefe Identitätskrise treiben, oder wüssten Sie wo Äuropa liegt?
     Aber es gab noch einen zweiten Grund: das Sommerloch! Normalerweise wird ja um diese Jahreszeit irgendein besonders schönes Theaterstück inszeniert, das die Medienöffentlichkeit dann so lange virtuell in Atem hält, bis das reale Leben wieder beginnt. Die Fußball-WM hatte dieses Jahr in Deutschland -verständlicherweise- nur eine kurze Halbwertszeit. In Brasilien übrigens auch, ich traf neulich einen brasilianischen Freund, kondolierte artig und erntete einen verständnislosen Blick. Und dann die Tour de France…
     War was? Nein, alles nach Plan. »Wir« wurden zweiter und damit natürlich erster, denn wer wollte schon erster werden bei einem Ereignis, dessen beherrschendes Thema »Doping« war? Jetzt werden sich die Sportfunktionäre damit beschäftigen, irgendwann bei einer mäßig besuchten Pressekonferenz ein Abschlussbericht vorgelegt werden, »hartes durchgreifen« angekündigt, und nächstes Jahr die Tour stattfinden wie eh und je. War was? Eigentlich passierte doch etwas völlig normales: Da waren ein paar Dutzend Herren unterwegs, deren Job es ist, einmal im Jahr so schnell wie möglich auf dem Fahrrad durch Frankreich zu strampeln. Damit verdienen die ihren Lebensunterhalt. Darüber hinaus werden sie nicht schlecht dafür bezahlt, ein millionenfaches Fernsehpublikum zu unterhalten und öffentlich-rechtlichen Medienanstalten die Kassen zu füllen. Andere verdienen auch viel Geld, indem sie im Wettbewerb mit anderen Spitzenleistungen bringen. Nur mit dem Unterschied, dass Profi-Sport irgendwie etwas mit Ethik zu tun haben soll.
     Hat eigentlich schon mal jemand daran gedacht bei den VW-Verhandlungsführern eine Urinprobe zu nehmen, nachdem sie am »Team BMW« vorbeizogen und den Zuschlag für Rolls-Royce bekamen? Oder bei Gerhard Schröder am Wahlabend in Niedersachsen? Egal, das Ergebnis zählt. Fast hätten es die Tour-Fahrer geschafft, eine richtige sommerlochwürdige Inszenierung auf die Piste zu legen. Sie hätten nur nicht weiter zu fahren brauchen und so mancher Sportfunktionär oder Sportredakteur wäre im Entengang auf Grundeis gelaufen. Schade. So lief eben doch alles nach Plan und eigentlich frage ich mich jetzt schon: War was…?

Johannes Näumann


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